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Dieser eine Song: The Roots – You Got Me

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Am 22. Januar 1999 veröffentlichen The Roots die erste Single ihres vierten Studioalbums „Things Fall Apart“. Das Album und „You Got Me“ sind dabei die Frucht zwei Jahren der intensiven Arbeit, in der sich um und mit dem Drummer, Komponisten und Produzent der Roots, Ahmir „Questlove“ Thompson, ein Musikkollektiv bildete, das das Antlitz von Soulmusik revolutionieren würde. „Soulquarians“ sollten sie heißen. Die Gründungsmitglieder wählten diesen Namen, da sie einerseits das Sternzeichen Wassermann (eng. Aquarius) und andererseits das Interesse an Soulmusik und ausgefallenen Rhythmen und Gitarrenakkorde einte. So banal wie dies nun klingen mag, liegt in genau solch simplen Dingen manchmal das Geniale. Denn „You Got Me“ und die Soulquarians etablierten mit ihrem musikalischen Schaffen ein neues Genre: Den Neo-Soul. Aber wir müssen einmal zurück spulen. Wer genau sind denn jetzt die Soulquarians und wie kann man „einfach so“ ein Musikgenre erschaffen?

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Ein Tape, dass die (Musik-)Welt verändern sollte

1995 werden in New York die Source Awards verliehen, eine Preisverleihung der Hip-Hop Website Source. Die diesjährige Preisverleihung wird vor allem dafür in die Musikgeschichte eingehen, dass sich hier zum ersten Mal in aller Öffentlichkeit und vor laufender Kamera die Hip-Hop East Coast/West Coast-Rivalität mit Ansagen von beiden Seiten so zuspitzt, dass dieser Moment oft als direkter Katalysator für die Morde an Tupac Shakur und Biggie Smalls genannt wird. Was sich jedoch neben dieser Ausnahmesituation abspielt ist folgendes: Questlove verlässt das Event frühzeitig und kriegt beim Rausgehen eine Albumkassette in die Hand gedrückt. Nämlich D’Angelos Debütalbum „Brown Sugar“. Beim Reinhören realisiert Questlove dann, dass D’Angelo mit seinem Ansatz aus Hip-Hop-Beats und Melodien im Zusammenspiel mit seinem ganz eigenen R&B-Stimmenverständnis für ihn einen idealen Partner für neue, experimentelle Musik darstellt.

Nachdem der Kontakt zu D’Angelo hergestellt ist, schließen sich der Rapper J Dilla und Pianist James Poyser, der später auch fester Bestandteil der Roots sein wird, den Beiden an und formen zusammen das Musikkollektiv der Soulquarians. Die vier Musiker versammeln im Laufe von 1996 dann immer mehr Gleichgesinnte um sich, die Soul mit Einflüssen aus Jazz, Funk, Rap und Hip-Hop erweitern wollen. So zum Beispiel die Singer-Songwriterin Erykah Badu, die Rapper Common, Mos Def, Bilal und auch Q-Tip von A Tribe Called Quest. Das Kollektiv floriert und arbeitet kollaborativ an Alben aller Mitglieder und schmiedet so den Neo-Soul-Sound. Wenn man sich die Credits von Alben dieser Ära anschaut, fühlt es sich fast so an, als ob man Gruppenprojekte des selben Freundeskreises durchliest, bei dem jede Person mal eine andere Verantwortung übernommen hat.

Erykah statt Jill

Zwei Jahre vergehen, in denen der selektive Kreis dieser Kunstschaffenden sprießt und gedeiht. Und dann ist es soweit: „Things Fall Apart“ ist fertiggestellt und „You Got Me“ wird veröffentlicht. Der Track vereint dabei das Story-Telling des Roots Rappers Black Thought mit Einflüssen aus Conscious-Rap, R&B, Jazz und Funk. Wie das Album ist auch die Single ein gemeinsamer Effort, wie er im Buche steht. Geschrieben wurde der Track unter anderem von Questlove, Rapper Black Thought, Rapperin und Sängerin Eve sowie der Soulsängerin und Spoken-Word Künstlerin Jill Scott. Im Demo ist es auch sie, die die ikonische Hook von „If you were worried ‚bout where“ singt. ´Das Musiklabel hatte allerdings mit ihrer damaligen Unbekanntheit ein Problem und wollte lieber eine Sängerin auf dem Track featuren, die sich bereits einen Namen gemacht hatte.

Questlove äußerte sich 2001 über den Vorfall: „Es war eine Art unterschwellige Drohung: ,Wir werden diese Platte nicht vorantreiben, wenn du Erykah nicht dabei hast.‘ Ich musste [Jill Scott] sagen, dass ich ein Sklave meiner Plattenfirma bin, und dass ich nicht wirklich viel Kontrolle habe.“ Also übernahm Erykah den Part. Aber keine Sorge, es gibt Aufnahmen sowie offiziell releaste Versionen des Songs, in denen Jill ihren Part zusammen mit den Roots singt.

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Das Ende einer Ära

„You Got Me“ brachte The Roots zwar ihren ersten Grammy ein, katapultierte sie und die Soulquarians aber auch in den Mainstream. Auf einmal waren aller Augen auf sie gerichtet und so etwas kann die künstlerischen Energien zum absoluten Halten bringen. Denn diese Aufmerksamkeit stellte oft die Frage nach dem „Wie“ und „Warum“. Der konkrete Moment aber, in dem das Ende der Soulquarians quasi besiegelt war, stellt für Questlove ein Interview des Vibe Magazins von 2000 dar. Im fertigen Piece wird es nämlich so dargestellt, als ob Questlove der Bandleader aller sei und die restlichen Künstler:innen nur unter ihm arbeiteten. Diese Missrepräsentration führte schlussendlich zum Aus des Kollektivs in 2002.

Trotzdem verbleibt „You Got Me“ ein Neo-Soul-Klassiker. Zusammen mit den Soulquarians inspirierte er den Sound der nächste Generationen von Musikschaffenden, von Kendrick Lamar über Frank Ocean zu den heutigen Vorreiter:innen wie Jorja Smith und Cleo Sol.

The Roots in Berlin

2024 gehen The Roots auf Welttournee. Eine Deutschland Show werden sie am 5. August in Berlin spielen.

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