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Videopremiere: Konstantin Unwohl singt gegen die Monotonie des Alltags

Posted in: Premieren

Konstantin Unwohl ist das Soloprojekt von dem in Hamburg lebenden Musiker Korbinian Scheffold und mit Soloprojekt ist auch wirklich das gemeinte was draufsteht: Unwohl schreibt und produziert alle seine Songs selber. Sein Hauptwerkzeug: Synthesizer im New-Wave und Post-Punk Stil. Dazu treibende Beats und ab und zu kulturelle Referenzen, die mal populärer, mal nischiger sind. 2021 bringt Unwohl sein Debütalbum „Im Institut für Strömungstechnik“ raus. Danach wird es dann erstmal still, bis vor ein paar Wochen die erste Singleauskopplung für seine neue EP „Neuer Wall“ erschien. Jetzt folgt die zweite Single samt Video und am 26. Juli dann auch das vollständige Projekt.

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„Eine Träne, kein Rekrut“

„Eine Träne, kein Rekrut“, so heißt die neue Single von Konstantin Unwohl. Der Titel des Songs stammt aus der Autobiografie „Wie ich Schriftsteller wurde – Versuch einer intellektuellen Autobiographie“ des polnischen Autors Andrzej Stasiuk. 1979 wird der damals 19-Jährige zum Militärdienst eingezogen. Nachdem er kurz vor Ende seiner Militärzeit versetzt wird und die Umstände in seiner neuen Kaserne als unbefriedigend empfindet, entschließt er sich kurzerhand dazu, bei seinem Freigang in der Silvesternacht 1979/1980 einfach nicht mehr wiederzukommen. Daraufhin landet er für anderthalb Jahre im Militärgefängnis. Aus dieser Zeit stammt auch die Stelle, welche Konstantin Unwohl in der Videobeschreibung zitiert: „Und am Ende brachten sie mich gnädig zum Bahnhof […], weil ich völlig willenlos geworden war. Fahren – nicht fahren, fahren – nicht fahren, ich konnte keinen klaren Gedanken fassen. Eine Träne, kein Rekrut. Fahren – nicht gut, bleiben – auch nicht viel besser.“

Das Militärgefängnis des Alltags

Die Hin- und Hergerissenheit, gespickt mit etwas Selbstironie, ist das, was die Autobiografie von Andrzej Stasiuk auszeichnet. Fern von Militärgefängnissen richtet Konstantin Unwohl mit dem gleichen willenlosen Gemüt einen Blick auf seinen Alltag. Konstantin singt von Versuchen aus der Monotonie auszubrechen, gängigen Ratschlägen und Lebensweisheiten, die durch den sarkastisch angehauchten Ton des Songs, nicht klar ernst oder ironisch sind. „Versuche verschieden Dinge aber schäm dich nicht dabei / Ein lebenswertes Leben ist erst lebenswert von Scham befreit“. Doch egal, ob ernst oder nicht: die Ratschläge und Weisheiten scheinen nichts zu verändern. „Ja morgen ist ein neuer Tag / und es bleibt alles so wie es war“.

Willkür und Regelmäßigkeit

Verwackelte, unscharfe und teilweise kaum belichtete Aufnahmen zeigen Konstantin Unwohl in einer Innenstadt. Er spaziert durch Fußgängerzonen und fährt mit einem Klapprad durch die Gegend. In anderen Sequenzen sieht man Details aus seiner Umgebung. Sie wirken wie Beobachtungen aus seinen Augen, an denen er uns teilhaben lässt. Sachen, die ihm im Alltag auf der Straße auffallen: die Spiegelung einer Kirche auf einer Glasfassade, selbstgemachte Puppen in einem Schaufenster, ein leerer, halb-aufgebauter Rummel.

Diese selbst gemachten Videos stehen im Kontrast zu Ausschnitten von einem Wettbewerb im rhythmischen Bodenturnen. Die Aufnahmen stammen von dem Auftritt der Männermannschaft einer japanischen Highschool und zeigen sechs jungen Männer, die eine bis zur Perfektion polierte Choreografie tanzen. Sie bewegen sich synchron, werfen einander in die Luft und verbiegen sich bis zum Gehtnichtmehr. Die verschiedenen Videos werden übereinandergelegt und bewegen sich nebeneinander. Die Willkürlichkeit des Alltags wird vermischt mit der bis ins kleinste Detail einstudierten Choreografie der Turner. Beides beständig und doch aufregend und beides, am Ende des Tages, immer gleich. 

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