Abriss in Aarhus: Unsere Highlights auf dem SPOT Festival 2022
Am vergangenen Wochenende ging das SPOT Festival im dänischen Aarhus in die nächste Runde. Die Stadt hat eine beachtliche Musik-Tradition und bringt immer wieder spannende Newcomer:innen hervor, die ihre ersten Shows vor dem großen internationalen Durchbruch auf dem SPOT spielen. Das Festival lebt dabei von einem exzellenten Line-Up voller anfangs fremder Namen, die sich nach dem Wochenende tief ins Gedächtnis einbrennen. Auch 2022 waren wieder einige spannende Neuentdeckungen dabei, die man sich in verschiedenen Locations verteilt über das Stadtzentrum ansehen und vor allem -hören konnte. Wer nach dem Festivalbesuch einen besonderen Eindruck bei uns hinterlassen hat, erfahrt ihr hier im Beitrag.
brenn.
brenn. hatte ich mir vor meinem SPOT-Besuch schon angehört und fett auf meiner Must-See-Liste angestrichen. Und so sehr mir dieser flache Vergleich auch Leid tut: Ihren Namen nehmen brenn. auf jeden Fall sehr ernst. Ihre Live-Show war trotz Timeslot um die Mittagszeit genau das, was man im Neudeutschen gerne als „Abriss“ betitelt. Eigentlich sind brenn. ein WG-Duo, das Noise-lastigen Alternative Rock und Punk spielt. Für ihr Konzert standen brenn. allerdings zu fünft auf der Bühne, mit sage und schreibe drei (!) Gitarren, einem Bassisten und Schlagzeug.
All diese Instrumente wurden tatkräftig bearbeitet, so tatkräfitg, dass aus den drei Gitarren im Lauf des Auftritts zwei wurden. Dem Frontmann und Sänger riss nämlich das Umhängeband seines Instruments ab – das er dann kurzer Hand nach einem halbherzigen Reparatur-Versuch in die Ecke pfefferte. „Guitar overrated“ hieß es unter einstimmigem Toben und Johlen aus der Menge. Irgendwie doof, irgendwie unnötig, tat der Stimmung allerdings keinen Abbruch.
Selbst die melodischeren Stücke des aktuellen Albums „Vandrer på solskinn“ gingen in der Live-Version in knirschendem Punk-Rock und wildem Headbangen unter. In Sachen Abwechslung waren brenn. mit Sicherheit nicht die Vorreiter an diesem Wochenende, trotzdem kam davor und danach selten mehr Stimmung auf als hier.
PRISMA
Waren Prisma 2021 noch ein Geheimtipp im bunt gemischten Line-Up, so wurden sie dieses Jahr als Headliner ins Rennen geschickt. Dementsprechend voll war es vor der großen Open-Air-Bühne. Wer die Band im letzten Jahr nicht auf dem Schirm hatte, wollte sich nun ein Bild machen oder sich das Spektakel ein zweites Mal anschauen.
Prisma besteht aus Frida und Sirid, die zumindest Geschwister, wenn nicht sogar Zwillinge sind. Beinahe identisch sähen die beiden aus, wären da nicht die konträr gefärbten Locken und stylischen Anzüge in Schwarz und Weiß – eine Medaille, zwei Seiten, ihr wisst schon. In ihrer Spotify-Bio verlieren die beiden nicht viele Worte sondern schreiben stattdessen verheißungsvoll: „Welcome to our world“.
Diese Welt klingt nach 80er Jahre-Nostalgie mit explosiven Hooks, nach energetischem Post-Punk und New Wave. Auch wenn dieser Genre-Kosmos gerne eine gewissen Hang zur Goth-Ästhetik und Unterkühltheit mit sich bringt, machen Frida und Sirid keinen Hehl daraus, dass sie auf der Bühne Unmengen an Spaß haben. Strahlend schauen die beiden ins Publikum oder spielen sich gegenseitig an und liefern sich aufbrausende Duelle zwischen Bass und Gitarre. Die Musik von Prisma und die unbändige Energie des Geschwisterpaars hat die Dänen schon längst angesteckt – wird Zeit, dass wir nachziehen.
Baujillaud
Baujillaud hatten einen der letzten Timeslots am SPOT-Freitag, in einer kleinen Location fernab vom zentralen Musikhuset, zu der man sich erstmal durchfragen musste. Das, was das Trio da im intimen Rahmen veranstaltete, wurde mir zuvor im Line-Up als „highly sophisticated and hard hitting grunge/post-punk/free-jazz“ verkauft. Und so gerne ich diese Beschreibung spöttisch als PR-Fabelwesen abtun würde, muss ich gestehen: Hier ist drin, was drauf steht. Baujillaud machen schon seit über zehn Jahren in verschiedensten Konstellationen Musik, bevor sich ihre jetzige Aufstellung und der experimentelle Sound zwischen Black Midi, Talking Heads und King Krule heraus kristallisiert hat.
Diesen langen Reifeprozess hört man Baujillaud an. In den raffinierten Stücken ihrer aktuellen Platte „A Vision of a Dragon’s Head“ muss man den Groove aufmerksam suchen und ist umso mehr begeistert, wenn man ihn dann findet. Das Publikum reagierte immer wieder mit verzücktem Jauchzen, wenn da mit ganzem Körpereinsatz das Schlagzeug bearbeitet wurde oder der Frontmann mit nahezu spasmischen Schüben eine empörte Schimpftirade aus seinem Saxophon feuerte. Dazwischen immer wieder grotesker Spoken Word-Vortrag in David-Byrne-Manier: „I could use a cup of noodles“, verkündet der Sänger im übergroßen Sakko feierlich. „Easy Listening“ ist für Baujillaud ein Fremdwort, das hier ist Musik zum Zuhören und Entschlüsseln, ein komplexes mathematisches Problem, dessen Lösung erst noch gefunden werden muss.
Julie Pavon
Von Julie Pavon habe ich das erste mal gehört, als mir ihr tanzbarer Sound von der Allescenen, der kleineren der beiden Freilicht-Bühnen, entgegen schlug. Ich näherte mich den pumpenden Bässen wie eine Motte dem Licht, nur war das hier keine 11 Watt-Energiesparlampe sondern ein gleißender Sonnenkörper. Auch wenn ich mir im Nachhinein meine Videos von diesem Auftritt anschaue, frage ich mich, wie man so energetisch singen UND springen kann.
Durch ihr halbstündiges Set peitschte Julie ohne Rücksicht auf Verluste, ständig musterte sie das Publikum mit einem Blick, der einer Herausforderung zum Kampf gleich kam. Würde man ihren Gesang von ihrer Musik abziehen, hätte man einen Sound, nach dem sich Berliner Raver:innen sehnsuchtsvoll die Finger lecken würden. Aber das sollte man auf keinen Fall, denn Julies Stimme ist der eigentliche Star in diesem Mix aus treibendem Four-To-The-Floor und unheilbringenden Synths, durch die dann doch immer wieder quirlige Funk-Details durch blitzen. Wenn Julie Pavon sich mit voller Inbrunst ihren herrischen Zeilen hingibt, merkt man: Diese Frau liebt die Bühne und weiß genau, wie gut sie darin ist, sie zu bespielen. Höchste Zeit also, dass der Rest der Welt das auch erkennt.
Neon Priest
Neon Priest aus Kopenhagen machen futuristischen Hyper Pop, schauen aber auch immer wieder gerne zurück und kramen in der Trickkiste der Rave-Kultur aus den 90ern und frühen 2000ern. Konkret heißt das: Autotune-manipulierte Vocals mit melancholisch-verträumten Themen treffen auf harsche Hardstyle-Bässe und übereuphorische Melodien. „Fell asleep on the Dark Web“, heißt es da noch bei der Performance der neuesten Single, bevor wenige Sekunden später im Strobo-Licht abgestampft wird.
Damit schlägt das exzentrische Quartett eine ganz ähnliche Richtung ein, wie es die Drain Gang um Bladee und Ecco2k im nahen Stockholm tut – mit nicht von der Hand zu weisendem Erfolg. Vielleicht geht diese Mischung also auch für Neon Priest auf, die größtenteils dänische Crowd war am Samstag auf jeden Fall Feuer und Flamme. Mehr als jeder andere Act auf dem SPOT machen Neon Priest Musik für eine Zeit, die noch nicht ist, sondern erst noch kommt oder vielleicht nie eintreten wird, sondern nur in den Köpfen dieser vier Rave-Enthusiasten existiert. So oder so: Neon Priest lässt sich auch heute schon guten Gewissen anhören und vor allem live genießen.
Agnes Hartwich
Agnes Hartwich sehe ich geradezu prädestiniert für den großen internationalen Erfolg – zu gut sind die wenigen Songs, die sie bisher veröffentlicht hat, als dass es da nicht bald knallen dürfte. Die Dänin fährt eine Ästhetik, wie sie schon einmal cool war und es jetzt gerade wieder ist – oder wie sie selbst über sich sagt: „your Favourite sad-grunge-tumblr-girl from 2013, but 9 years later“.
Auf ihre Musik trifft das allerdings nur bedingt zu. Klar, da gibt es das durchaus grungige und verflixt eingängige „Deep Dark Blue“, das als Titeltrack für ihre EP dient. Die übrigen drei Songs fallen allerdings eher balladig aus und mischen groß angelegten Pop mit intim ehrlichem Songwriting: „There is nothing, nothing I can do / I was born in shades of blue / And I can never change“.
Agnes’ Show sah allerdings so gar nicht nach „Shades Of Blue“ aus, sondern war stilsicher in Giftgrün getaucht. Eine Farbe, die gemeinsam mit den teils gehauchten Lyrics und Agnes Kleidungsstil die vage Assoziation „Billie Eilish goes Grunge“ in den Kopf ruft. Deren riesigen Erfolg oder auch nur einen Bruchteil davon wünsche ich mir auch für Agnes Hartwich mit ihrem angerockten Millenial-Pop – sie hätte es verdient.
School Of X
Noch vor kurzem hat School Of X in Deutschland vor einer etwas verlorenen Traube von Menschen gespielt. In seiner dänischen Heimat füllte der Musiker aus Kopenhagen dann zu meiner Überraschung mühelos die größte Location, den bestuhlten Store Sal. Diese Popularität beim Heimspiel war allerdings nicht das einzige, was mich an diesem Auftritt geflasht hat.
Denn School Of X war mir mit seinem leichtfüßigen Indie-Pop schon vor dem SPOT-Wochenende ein Begriff. Die harmlosen Songs, die ich aus meiner Playlist eigentlich kennen sollte, waren dann allerdings vor Ort kaum wieder zu erkennen. Auf dieser riesigen Bühne schwoll der sweete Indie-Sound auf Überlebensgröße an, füllte den Saal und schrie gerade zu nach noch größeren Locations, nach Arenen und Stadien. Die nötige Stimme dafür hätte Rasmus Littauer, wie School Of X mit bürgerlichem Namen heißt, auf jeden Fall: Eingängig und eigen gleichermaßen, genau wie seine Stücke.
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