Alligatoah und andere Wesen aus dem Internet
Hallo zusammen!
Ist es eigentlich fies, dass wir diesen Newsletter oft mit den Geschehnissen des Wochenendes eröffnen? Immerhin lest ihr ihn ja vermutlich eher am Montagnachmittag, wo das nächste Wochenende noch in weiter Ferne erscheint. Wir schreiben ihn allerdings meistens am Montag in den sehr frühen Morgenstunden, was zur Folge hat, dass uns das Wochenende da im Guten wie im Schlechten noch in den Knochen sitzt. Verzeiht also, wenn wir hier schon wieder in den Geschehnissen der letzten Tage schwelgen, die wir wahlweise im sonnigen Berlin, auf dem BTS-Konzert in München, beim Bazzmusik Festival in Hamburg (dazu später mehr), bei den Toten Hosen im Berliner Olympiastadion oder im Håland- und/oder im Count-Binface-Rabbit-Hole im Internet verbracht haben. Oft kollidierten diese Welten sogar, zum Beispiel als Jimin von BTS plötzlich sein langes blondes Haar offen trug und den Håland-Walk auf der Bühne machte. Die Konzert-Schlagzahl war jedenfalls vorzüglich und wir merken jubelnd und singend mal wieder, dass dieses Erlebnis so schnell von keiner KI kopiert werden wird. Da kann die Firma hinter dem KI-Produkt Nimi noch so viele KI-generierte „Konzert“-Szenen ins Netz rülpsen.
Unser liebster Exkurs im Internet war dann aber tatsächlich das Phänomen Count Binface, das hierzulande vielleicht nicht alle mitbekommen haben. Deshalb kurz zum Hintergrund: Hinter dem angeblichen „Alien“ Count Binface – ein Mann mit einem großen Mülleimer als Kopf – verbirgt sich der englische Comedian und Autor Jonathan David Harvey. Er tritt seit Jahren regelmäßig bei lokalen Wahlen in England an – meistens nur für den Gag, am Ende neben den anderen Kandidat:innen auf dem Foto stehen zu können. Nun macht allerdings eine anstehende Wahl Schlagzeilen, in der Count Binface plötzlich eine Hauptrolle spielt. In der Küstenstadt Clacton werden bald wieder die Abgeordneten für das britische Parlament gewählt. Bei den letzten Wahlen sicherte sich der rechtspopulistische Politiker Nigel Farage dort seinen Platz. Farage ist Gründer der extrem rechtsdrehenden Partei Reform UK und einer der Männer, der den Engländern den Brexit eingebrockt hat. Farage ist Millionär, der Sohn eines Börsenmaklers, ehemaliger Privatschüler, und Investmentbanker, der sich aus nicht ganz nachvollziehbaren Gründen als „Mann des Volkes“ und Gegner der „Elite“ sieht. Farage geriet zuletzt gehörig unter Feuer, weil er Millionenspenden von shady Krypto-Millionären und rechtskräftig verurteilten Verbrechern angenommen und nicht deklariert hatte. Das ist im Rechtspopulismus übrigens eine weit verbreitete Praxis: Auch AfD & Co finanzieren ihre rechte Erregungs- und Fake-News-Maschine oft mit Hilfe von Millionären mit fragwürdigem Ruf. Nigel Farage wollte nun wieder die Populismus-Masche fahren: Er trat von seinem Parlamentssitz zurück, nachdem er sich in diversen Interviews über die Spenden um Kopf und Kragen geredet hatte. Dann verkündete er aber sofort, sich bei den nun nötig gewordenen Wahlen in Clacton wieder aufstellen zu lassen. Sein gewünschter Spin: Das „Establishment“ und die Presse, die das alles seriös aufgedeckt hatte, sei gegen ihn, nun könne das Volk entscheiden. Dummerweise machten die anderen seriösen Parteien dabei nicht mit und sagten, sie wollten niemanden zur Wahl aufstellen, bloß damit Farage sich als Opfer inszenieren kann. Auftritt Count Binface. Der sprang nur zu gerne eine und punktete mit seinem wichtigsten Argument. Er sei eben nicht Nigel Farage, das sollte doch eigentlich reichen. Zwar hat er auch andere Forderungen (Breitband-Internet für alle! Adele verstaatlichen!), aber er stellte die wichtigste heraus. Was man seitdem in britischen Medien beobachten kann, ist nicht nur wahnsinnig amüsant (man schaue nur dieses BBC-Interview mit dem Count), sondern auch inspirierend im Kampf gegen Politker:innen wie ihn: Das Thema Rechtsruck ist und bleibt natürlich ernst, aber der Count entlarvt sehr schön, wieviel Angst die Rechten anscheinend davor haben, verarscht zu werden. Zieht man sie nämlich mal raus aus ihrem geifernden und giftigen Monolog aus Rassismus, Alarmismus und Feindbildpflege, sieht man schnell, wie wenig Humor in diesen Reihen umher geht und wie lächerlich und überzeichnet viele Dinge sind, die sie von sich geben, wenn man mal schaut, aus welcher Position sie selbst eigentlich reden, und was in ihren Wahlprogrammen geschrieben steht.
Vielleicht lässt sich daraus ja endlich mal ein wenig Hoffnung ziehen, dass es immer noch Mittel gibt, um dem Populismus etwas entgegenzusetzen.
BRKN: „Meine größte Red Flag? Dass ich Musiker bin!”
Aber zurück zu Musik – und zwar Musik von echten, spannenden Menschen. Vor fast zehn Jahren hat BRKN seinen letzten Job gekündigt – und seitdem nicht nur seinen ganz eigenen Sound gefunden, sondern sich auch als einer der ehrlichsten Songwriter des Landes etabliert. Mit seinem neuen Album „Lösch meine Nummer“ schlägt er jetzt das nächste Kapitel auf. Im DIFFUS-Interview erzählt er, warum ihn das Vorgängeralbum „Drama“ emotional komplett ausgelaugt hat, weshalb er zwischenzeitlich eigentlich nie wieder ein Album machen wollte und wie er heute einen deutlich entspannteren Blick auf Musik und das Leben entwickelt hat. Dabei geht es aber nicht nur um neue Songs. BRKN spricht über Männlichkeitsbilder, Homophobie, das Älterwerden und warum er sich nie an Erwartungen anpassen will. Gleichzeitig wird viel gelacht – über 2016-Nostalgie, wilde Hot Takes und die wichtigste Haarpflege-Routine im Deutschrap.
Unsere Lieblingssongs in dieser Woche
Die Österreicherin Rahel feiern wir ja schon seit ihrer Debütsingle „Tapp Tapp Tapp“. Nun hat sie mit „prime time“ einen verspäteten Sommerhit veröffentlicht, der auch im Winter noch funktionieren wird und letzte Woche bei uns zur Video-Premiere lief. Das musikalische Traumpaar der Woche sind Nia Archives und Jorja Smith. Lieben wir eh die beiden, aber wie sie in „Get Me Down“ ihre jeweiligen Skills aus modernem Drum’n’Bass und alternativen R’n‘B zusammenbringen – das ist einfach Königinnenklasse. Für die Romantik:innen unter euch haben wir die österreichische Newcomerin 26ouza und ihren Electro-Pop-Heartbreaker „für Dich“. Tanzbarer Indie-Pop mit Funk Einflüssen und Nostalgie-Faktor kommt von Udo West, die endlich mal der „Spülmaschine“ ein musikalisches Denkmal setzen. Last but not least kommen wir zu insschlosswollen, dem Projekt von Max Weigl, der mit „paris“ seinen Sehnsuchtsort besingt.
Album der Woche: Finn Wolfhard – Fire From The Hip

Das neue DIFFUS Print-Magazin
Titelstory: Ikkimel
Auch im Heft: Noah Kahan, Baran Kok, Josi, Robyn, Philine Sonny und Apsilon.
Dazu große Reportagen über die Vaporwave-Szene in Deutschland, die extreme Metal-Szene in Subsahara-Afrika oder das Rap-Projekt „HaftBars“ in einer Berliner Jugendstrafanstalt.