DIFFUS

 „Auch im Bentley wird geweint“ von Deichkind und Clueso: Mehr Empathie für Reiche!?

Posted in: News

Die weisen Musiker von Superpunk sangen einst: „Ich habe keinen Hass auf die Reichen, ich möchte ihnen nur ein bisschen gleichen.“ Kettcar wiederum wussten: „Besser im Taxi weinen als im HVV-Bus, oder nicht?“ Nun machen sich auch Deichkind mit Gastsänger Clueso Gedanken über das Weinen als Wohlstandsmensch und über die Reichen im Allgemeinen, von denen man in Hamburg ja durchaus ein Lied singen kann. „Auch im Bentley wird geweint / Auch im Learjet fließen Tränen / Ich bin nur ein Mensch“, heißt es in den ersten Sekunden zum gewohnten Deichkind-Beat-Bratzen. Aber keine Panik: Deichkind haben jetzt mitnichten ihre Empathie für viel zu reiche Menschen entdeckt und damit ihren Punk-Spirit verraten. Das wird spätestens bei diesen schönen Zeilen deutlich: „Reich geboren, mach durch meine Straßen Sightseeing / Blick auf die Rolex, Zeit für eine Breitling.“ Oder noch besser: „Ich kauf keine Tickets, nein, ich kauf einfach Deichkind.“

„Ich hab Klopapier von Gucci, schneid Delfine in mein Sushi.“

Dass es hier nicht gegen Hass auf Superreiche gilt, den sich diese kleine Menschengruppe ja über Jahrzehnte erarbeitet hat, wird spätestens in der zweiten Songhälfte deutlich. Da betonen Deichkind und Clueso nämlich das, was immer noch nicht alle verstanden haben: Die meisten von ihnen haben ihren riesigen Wohlstand entweder geerbt und/oder ohne Rücksicht auf andere vermehrt – und ohne Rücksicht auf Ressourcen und unseren Planeten. Dazu heißt es: „Ich hab Klopapier von Gucci, schneid Delfine in mein Sushi / Zerballer mir die Leber und die Spender sind nur Nutzvieh / Züchte Leoparden neonfarben / Komm, wir tätowieren an Waden mit Laserstrahlen in meinem Garten / Ich muss nicht lang überlegen / Kann jeden mit Geld überreden.“ Das ist natürlich satirisch überspitzt – aber trifft die Sachen eben doch ganz gut.

Hier wäre eigentlich etwas eingebettet. Du hast aber Embed und Tracking deaktiviert.

Zur Optimierung unseres Angebots nutzen wir Cookies, Google Analytics und Embeds von Seiten wie YouTube, Instagram, Facebook, Spotify, Apple Music und weiteren. Mit dem Klick auf "Jetzt aktivieren" stimmst du dem zu. Mehr Informationen findest du in unserer Datenschutzerklärung.


Die Stars des Videos: ein Bentley, Designer-Handtaschen zum Reiten und aufblasbare Moncler-Jacken

Wie man das von Deichkind so kennt, ist das Video dazu natürlich ästhetisch wieder ganz weiter vorne. Es gibt schwarze, mit Aufblasventilen bestückte Anzüge im Stile von Moncler-Daunenjacken, die im Verkauf vierstellig und im Einkauf vermutlich zweistellig kosten. Man sieht eine Rodeo-Reitmaschine im Design einer teuren Handtasche, die eine Gucci GG Marmont Mini-Tasche sein könnte (Verkaufspreis ebenfalls vierstellig). Und der Hauptdarsteller ist neben den Deichkind-Mitgliedern und Clueso eben auch ein echter Bentley. Der am Ende gar an einem Kran in die Luft gezogen – und leider nicht gecrasht wird. Hier wäre es mal spannend, rauszufinden, ob es da einen Deal mit Bentley gab für die Verwendung. Oder ob man sich einfach einen mit Vollkasko-Versicherung für einen Tag gemietet hat.

Clueso wollte die Bentley-Line eigentlich mit Capital Bra aufnehmen

Im Presseschreiben zur Single erfährt man auch ein paar interessante Details über die Entstehung des Songs und über das neue Deichkind-Album, das „Neues vom Dauerzustand“ heißt und am 17. Februar kommt. Darin heißt es: „Vor einigen Monaten klingelte bei Clueso das Telefon. Am Apparat waren Porky und Kryptik Joe: Für die Produktion des nächsten Deichkind-Albums hatten die beiden den Plan gefasst, mit ihren Laptops und Mikros durchs Land zu reisen und befreundete Musiker zu besuchen. Nun wollten die Deichkind-MCs wissen, ob Clueso vielleicht Tipps für geeignete Studios hätte. Clueso fand die Idee super und bot den beiden gleich an, mit Deichkind in seinem Erfurter Studio zu arbeiten – unter einer Bedingung: ‚Ich habe gesagt, ihr könnt gerne umsonst bei mir arbeiten und alles nutzen, aber dann will ich einen gemeinsamen Song mit euch machen‘.“

Kryptik Joe sagt über die Entstehung: „Clueso war wie ein Flummi im Studio und hat uns schöpferisch hochgehievt.“ Und Clueso schwärmt ebenfalls von der Zusammenarbeit: „Es war wie in den frühen Hip-Hop-Tagen. Wir drei haben im Kreis gesessen, Strophen geschrieben, Beats ausprobiert und Zeilen hin- und hergedroppt, ein kreatives Pingpong.“ Nach eher zu vielen Ideen landete man dann immer wieder bei einem Beat des Produzenten-Duos Dongkong, den Clueso schon immer mit der Bentley-Zeile verbinden, aber eigentlich für einen anderen Künstler geplant hatte: „Ich wollte diese Kombination schon länger machen, unter anderem auch in meiner Session mit Capital Bra, der die Bentley-Zeile super fand. Aber die ironische Note passt natürlich viel besser zu Deichkind als zu Capital Bra – oder irgendjemandem sonst.“

Cover neues DIFFUS Magazin

Das neue DIFFUS Print-Magazin

Titelstory: Ikkimel

Auch im Heft: Noah Kahan, Baran Kok, Josi, Robyn, Philine Sonny und Apsilon.
Dazu große Reportagen über die Vaporwave-Szene in Deutschland, die extreme Metal-Szene in Subsahara-Afrika oder das Rap-Projekt „HaftBars“ in einer Berliner Jugendstrafanstalt.