Balancieren am Abgrund: Endlich neue Musik von Edwin Rosen
Mit „leichter/kälter“ ließ Edwin Rosen 2020 die Neue Neue Deutsche Welle über die deutsche Musiklandschaft schwappen und wurde binnen kürzester Zeit zum Aushängeschild für alternative Popmusik. Dass so viel plötzliche Aufmerksamkeit nicht immer förderlich für die Arbeit von Musiker:innen ist, zeigte sich schnell, denn von da an sendete er nur sporadisch musikalische Lebenszeichen, zuletzt 2023.
In diesem Jahr tauchte Edwin bisher nur als verstecktes Feature in den Songs anderer Musiker:innen auf: Anfang des Jahres in „helicopter“ von NNDW-Kollege Danziger 99 und jüngst auf dem Debütalbum „100 Angst“ von Bazzazian auf den Songs „2019“ und „Kaum Vertrauen“. Jetzt liefert er kurz vorm Jahresabschluss doch noch eine lang erwartete, eigene Single.
Schon die ersten Töne von „Balancieren“ ziehen in einen Sog aus Nostalgie und Wehmut. Aber da ist noch mehr, denn die Zeit, die sich Edwin für den Release genommen hat, merkt man „Balancieren“ in jeder Sekunde an. Der Song steckt voller liebevoller Details, die Produktion funkelt nur so mit zahlreichen elektronischen Elementen, die am Ende in einem atmosphärischen Indie-Sound ausklingen.
Im Text spricht Edwin zu jemanden, vielleicht zu sicht selbst oder einem anderem Menschen: „Jetzt zähl ich die Sekunden/ Bis es mich nach unten reißt / Wenn ich zum hundertsten Mal frag / Und du zum hundertsten Mal schweigst“. Diese Zeilen hallen wie aus weiter Ferne über den flimmernden Four-To-The-Floor-Beat und scheinen zwar tief persönlich, aber auch vage genug, um sich als Hörer:in selbst darin zu finden.
Ob „Balancieren“ nun wie zuletzt „Kontrollverlust“ aus dem November 2023 nur eine lose Postkarte aus Edwin Rosens Isolation bleibt oder auf eine EP oder gar ein Album hinführt, können wir bisher nur spekulieren. Wünschen würden wir uns natürlich letzteres – aber no pressure.
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