Comeback-EP nach einem Jahr: Neue „Aussicht“ für Yin Kalle?
2020 schlitterte Yin Kalle mit offenem Designer-Gürtel und einem schier endlosen Drogen-Repertoire in die Szene und wurde in kürzester Zeit zu einem der Gesichter der neuen Berliner Deutschrap-Generation. Auf den Höhenflug folgte ein harter Absturz: Dem Rapper wurde in einem Fall sexuelle Nötigung vorgeworfen und nach einem Statement zog er sich zu großen Teilen aus der Öffentlichkeit zurück, um die Geschehnisse zu verarbeiten und zu reflektieren. Nun meldet sich Kalle genau ein Jahr nach seiner letzten Veröffentlichung zurück und präsentiert mit der EP „Aussicht“ eine neue Version seiner selbst. Und siehe da: Kalle hat auch ohne Misogynie und Drogen-Glorifizierung einiges auf dem Kasten.
Frischer Wind für Deutschrap
Als Yin Kalle bei einer der allerersten Above Ground-Sessions mit langen Haaren und Burberry-Montur vor einem Mob von Homies und Atzen von seinem offenen Gürtel rappte, war ziemlich schnell klar: Das hier ist gerade ein Stück Deutschrap-Geschichte. Dieser selbstbewusste, amerikanische Swagger und der Trap-Vibe, verortet in den Straßen von Berlin-Schöneberg, das schien völlig neu zu diesem Zeitpunkt.
Trotzdem war die Sache nicht gerade unproblematisch. In besagter Session rappt Kalle auch folgendes: „Vielleicht werd’ ich Papa, kein Plan, ist mir egal / Ja, ich hab die Bitch geschwängert und mein Name, der ist Karl“. Nicht so cool. In Sachen Frauenbild und Drogen-Konsum orientierte sich Kalle damals, so schien es, sehr direkt an seinen Vorbildern aus den Vereinigten Staaten – allen voran Lil Pump und Smokepurpp.
Der Skandal
Und die Quittung dafür sollte bald folgen. Im Zuge der #deutschrapmetoo-Bewegung wurde Yin Kalle mit schweren Vorwürfen der sexuellen Nötigung unter Drogen-Einfluss konfrontiert. Der Rapper reagierte lange nicht, dann mit einem Statement via Instagram. Darin zeigte er sich einsichtig und bereit, aus seinen Fehlern zu lernen. Dies wolle er aber nicht in der Öffentlichkeit tun, stattdessen habe er vor in psychotherapeutische Behandlung zu gehen und mit der Agentur misc zusammenzuarbeiten, die unter anderem für ihre Aufklärungsarbeit im Bereich Sexismus bekannt ist. Danach zog sich Yin Kalle wie angekündigt aus dem Rampenlicht zurück, veröffentlichte vorerst keine weitere Musik und verhielt sich auch auf Social Media bis auf sporadische Lebenszeichen weitestgehend ruhig.
Comeback nach einem Jahr
Wie es nun weitergehen würde, war lange Zeit unklar. Würde Yin Kalle überhaupt jemals wieder Musik veröffentlichten? Und wenn ja, wie würde diese klingen? Könnte Kalle seine Fans auch begeistern, wenn er nicht völlig verstrahlt auf zehn Substanzen von Groupie-Girls prahlt, die genau so viel intus haben? Heute, fast genau ein Jahr nach seiner letzten EP „Risiken und Nebenwirkungen“, gibt es Antworten auf diese Fragen. Yin Kalle veröffentlicht seine neue EP mit vier Songs und dem vielversprechenden Namen „Aussicht“.
Diese neue Aussicht klingt auf dem Opener „Träumerei“ erstmal gar nicht so anders als bisher. KazOnDaBeat stattet Kalle mit grimmigen 808s und scharfkantigen Snares aus, die der Rapper mit Fokus bearbeitet. Trotzdem scheint so etwas wie eine Metamorphose in Gang zu sein: „Weil ich mein Ganja brauche, gönn’ ich mir jetzt ‘ne Pause / Und es wird ein Schmetterling geboren aus ‘ner Raupe“.
Der zweite Song „Kleines Herz“ könnte der heimliche Hit der EP werden. Mit der melodischen Produktion kommen hier Playboysmafia-Vibes auf, Pashanim hätte diesen Beat sicher auch gerne gehabt. Aber Kalle macht daraus sein eigenes Ding, mit eigenen Flows und einer eigenen Vergangenheit: „Gas Pack sieht aus wie in ‘nem Manga / Ich hab‘ gesippt, ihr habt gekifft und es ist heute anders“.
Der neue Kalle
Mit „Regen am Fenster“ trübt sich die Aussicht. Zu melancholischen Lo-Fi-Akkorden und hektischen Garage-Beats von KazOnDaBeat sinniert Kalle über seinen bisherigen Erfolg. Eskapaden im Backstage spielen hier keine Rolle. Stattdessen rutscht Kalle auch mal so eine Line raus: „Hab’ mich verliebt, ich hab’ sie vermisst, muss lächeln, wenn ich an sie denke“. Tatsächlich ist der Rapper bis zu diesem Punkt um misogynes Vokabular erstaunlich gut herum gekommen. Yin Kalle scheint sein Frauenbild überdacht zu haben und auch der Drogen-Talk findet nur noch reduziert statt.
Aber die größte Überraschung folgt noch: „Lebensqualität“ kommt doch glatt mit Boom-Bap und philosophischen Oldschool-Flows. Von Yin Kalle scheint sowas im ersten Moment unvorstellbar, aber wer den Werdegang des Rappers kennt, weiß, dass seine ersten musikalischen Gehversuche dem gar nicht so unähnlich waren. Zugegeben, Realkeeper Kalle ist vielleicht erstmal ungewohnt, steht ihm aber ausgezeichnet: „Verändert sich die Zeit oder veränderst du dich? / Sag mir, wer hat Berechtigung zu sagen, was zu cool ist / Ich glaube du nicht, ich glaube du nicht, ich glaub auch ich nicht / Erfolg heißt, du wirst viel zu schnell geblendet sein vom Blitzlicht“.
Eine zweite Chance?
Mit „3G“ endet die EP auf einem verträumten Vibe. Kaz macht Musik auf Wolke 7, über die Kalle mit lockerem Schritt spaziert, inklusive der Ansage: „Ich hör’ nicht auf, bis ihr alle checkt“. Und nun? „Checken“ wir? Eine gelungene EP kann die Vorwürfe gegen Yin Kalle nicht aufwiegen und seine Vergangenheit nicht ungeschehen machen. Trotzdem muss man dem Rapper lassen, dass seine Reaktion von damals bis heute relativ reflektiert und vor allem konsequent ausfiel. „Aussicht“ ist keine Kehrtwende um 180 Grad, aber präsentiert einen reiferen Yin Kalle, mit neuen Inhalten, neuem Sound und neuer Motivation, an sich zu arbeiten. Nun bleibt es den Hörer:innen und der Szene überlassen, ob sie ihm eine zweite Chance geben.
Das neue DIFFUS Print-Magazin
Titelstory: Ikkimel
Auch im Heft: Noah Kahan, Baran Kok, Josi, Robyn, Philine Sonny und Apsilon.
Dazu große Reportagen über die Vaporwave-Szene in Deutschland, die extreme Metal-Szene in Subsahara-Afrika oder das Rap-Projekt „HaftBars“ in einer Berliner Jugendstrafanstalt.