Daniel Johns von Silverchair (er)findet sich neu
Kleiner Redaktions-Check am Morgen. Frage in die Runde: „Machen wir was über Daniel Johns?“ „Hä?“ „Sänger von Silverchair?“ „Sagt mir gar nix.“ Eine kleine Szene, bei der mir mal wieder schmerzhaft bewusst wird, dass ich hier gerade der Redaktions-Älteste bin. Was bitte nicht als Diss an die sehr guten Kolleg:innen zu verstehen ist. Warum sollten sie auch dieses australische Wunderkind kennen, das seinen Hype Mitte der Neunziger hatte? Ist ja nicht so, dass er wahnsinnig präsent war in den letzten Jahren …
Mit 15 plötzlich Rockstar
Für mich als Grunge-Teenager der 90er waren Silverchair mit ihren ersten Alben „Frogstomp“ (1995) und „Freakshow“ (1997) Faszination und Reibungspunkt zugleich. Daniel Johns war so etwas wie der Posterboy des Grunge – und wahnsinnig jung. Er und Drummer Ben Gillies kannten sich seit der Grundschule, als die Karriere mit Hits wie „Tomorrow“ und „Israel’s Son“ durch die Decke ging, war das Trio noch in der Highschool. Ihre Musik passte damals gut in die Zeit, wurde oft mit Pearl Jam verglichen, was Johns immer mit dem Statement konterte, er fände Helmet eigentlich geiler. Ich wollte das eigentlich nicht mögen. Für mich als prätentiös leidender Teenie war Grunge damals die frühen und späten Nirvana und vor allem Alice Chains und Layne Staleys Nebenprojekt Mad Season. Grunge musste für mich verdrogt und tragisch sein – wollte ich da wirklich drei milchgesichtige Schönlinge aus der australischen Provinz hören? Trotzdem hatte die Musik von Silverchair immer schon sehr raue Momente, obwohl sie ein Mainstream-Hype waren. Und auch Johns‘ Texte packten mich irgendwie, schon damals spürte man die massive Dunkelheit, gegen die er anscheinend täglich ankämpfen musste.
Als Mental Health im Musikbusiness noch kein Thema war
Rückblickend kann man sagen: Der Hype tat Silverchair im Allgemeinen und Daniel Johns im Speziellen nicht unbedingt gut. Er wurde mit 15 in die Mühle aus weltweiten Touren, riesigen Festivalshows, allgegenwärtigem Drogenkonsum und massivem Medieninteresse geworfen. Was bei ihm zwei massive Probleme verstärkte: seine Anorexie und seine schweren Depressionen.
Als Daniel Johns 2003 die durch „Torn“ bekannte Sängerin Natalie Imbruglia heiratete (die beiden trennten sich 2008 und sind bis heute befreundet), warf sich die Gossip-Presse noch aggressiver auf sein Leben. Auf dem dritten Silverchair-Album „Neon Ballroom“ sang Johns in „Ana’s Song (Open Fire) sehr offen über diese Kämpfe. Mit „Ana“ ist wortwörtlich seine Erkrankung gemeint. Johns singt über sie: „And you‘re my obsession / I love you to the bones / And Ana wrecks your life / Like an anorexia life.“ Mit seinen Interviews, seinem offen sichtbaren mentalen und körperlichen Struggles und mit Liedern wie dem eben genannten wurde er eher unfreiwillig ein früher Kämpfer des Themas „Mental Health im Musikbusiness.
Who the fuck is Daniel Johns?
Silverchair lösten sich 2011 auf, nach insgesamt fünf Studioalben. Daniel Johns veröffentlichte 2015 sein erstes Soloalbum „Talk“. Aber erst in den Folgejahren begann er damit, sehr intensiv auf sein Leben zu blicken. Im Oktober startete dann sein Spotify-exklusiver Podcast, dessen Titel ironisch andeutet, dass ihm durchaus bewusst ist, dass ihn nicht mehr alle auf dem Schirm haben.
„Who is Daniel Johns“ heißt der Podcast, der mit Gästen wie Kevin Parker von Tame Impala, Billy Corgan von den Smashing Pumpkins und sogar seiner Exfrau Imbruglia dieser Frage nachgeht. Und zwar auf zwei Wegen: Zum einen erinnern sich Johns und seine Gäste an die erstaunliche Karriere von Silverchair, zum anderen spricht er sehr offen über die wilden Jahre seines Lebens, die ihn beinahe gekillt hätten.
„The world stole a baby“
Aber zurück in die Gegenwart: Heute erschien ohne Vorwarnung das zweite Soloalbum von Daniel Johns. „FutureNever“ ist zugleich Introspektive und Selbstbestätigung. Nicht in dem Sinne, das Johns den alten Silverchair-Glanzzeiten nachrennt, sondern eher im Gegenteil: Grunge ist tot für ihn, er findet seine Sound bei spannenden Feature-Gästen wie dem Elektronik-Duo Peking Duk, der Pop-Sängerin Moxie Raia oder der mysteriösen Purplegirl, die den stärksten Song des Albums mit Johns singt: „FreakNever“ ist ein abgründiges Sezizeren seiner Teenager-Hype-Jahre, die Purplegirl mit diesen Zeilen besingt: „No more maybes, the world stole a baby, took his soul on tour, and made a deal with the devil.“ Stilistisch lässt sich „FutureNever“ kaum fassen: dystopische Electro-Parts treffen auf fast avantgardistischen Pop, nur ganz selten türmen sich Gitarrenwände auf.
„Die Platte soll manisch und kryptisch sein“
Daniel Johns selbst meint dazu: „Sag mir nicht, dass diese Platte nicht wie Silverchair klingt – jede einzelne Silverchair-Platte, die ich geschrieben habe, wurde dafür kritisiert, nicht genug nach Silverchair zu klingen“. „FutureNever“ solle „manisch und kryptisch zu sein, ganz so wie auch meine Gedanken sind. Als Künstler langweile ich mich schnell, deshalb wollte ich mit diesem Album eine aufregende Platte abliefern, die sich für den Hörer wie ein Abenteuer anfühlt. Ich habe aufgehört, vor meiner Vergangenheit davonzulaufen – nun bin ich hier und umarme sie. Auf ‚FutureNever‘ gibt es einige subtile und ein paar weniger subtile Hinweise auf einige der Welten und Charaktere, die ich im Laufe der Jahre erschaffen habe“. Und damit schafft er irgendwie schon wieder das, was ich damals schon nicht wahrhaben wollte: Ich mag seine Musik plötzlich wieder.
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