Deichkind kennen in ihrem neuen Song nur eine Richtung: „Geradeaus“!
Die Musik und die visuelle Komponente von Deichkind waren schon immer ziemlich abgedreht, bunt und gewagt. Aber mit dem neuen Musikvideo zu „Geradeaus“ haben die professionellen Gegen-den-Strom-Schwimmer den Vogel abgeschossen: Der Clip zeigt Drohnen, die Hunde zum Spaziergang ausführen, ein riesiges Container-Schiff und eine Rap-Performance auf dem Roten Platz in Moskau. Aber Deichkind wären nicht Deichkind, wenn sich hinter diesen wahnwitzigen Szenen nicht einige ausgeklügelten Referenzen verstecken würden.
Zugegeben, schon das letzte Video der Band war ganz schön speziell: „In der Natur“ war die bitter-ironische Kampfansage an das lebendige Gekrabbel und Gewimmel der Flora und Fauna, das so ganz anders als unsere Megacitys und Betonwüsten ist. Im Clip dazu gab es dementspechend viel Grün zu sehen, Deichkind auf Exkursion im Wald, inmitten von Rehen, Füchsen und Grillengezirpe. Auch mit von der Partie: Ein einsamer Jodler auf seinem Stand-Up-Paddel inmitten der Weiten des Ozeans. Diesen alten Bekannten treffen wir jetzt ein zweites Mal.
Geradeaus in den Suezkanal
„Geradeaus“ startet wieder auf dem Meer mit unserem Paddler, der diesmal schnell von einem gigantischen Gefährt überschattet wird: Die „Ever Given“, das Container-Schiff, das im vergangenen Jahr sechs ganze Tage den ägyptischen Suezkanal verstopfte und zum Gespött des Internets wurde. Im neuen Musikvideo ist sie dagegen in voller Fahrt, steuert vielleicht gerade auf ihr Unglück zu, Hautpsache „Geradeaus“.
Diesem Thema widmet sich die Band mit ihrem neuen Song, der von Rap-Kollege Dexter produziert wurde. Auf seinem quirligen Trap-Beat geben uns Kryptik Joe und Porky genaueste Richtungsanweisungen: „Ja, wir schauen nicht zurück, kein Blick nach Links und Rechts / Du fragst ‘Geradeaus?‘, die Antwort lautet yes / Wir rühren uns vom Fleck, ja, wir sind dann mal weg / Du fragst ‘Wann geht’s los?’ – jetzt!“. Dieser Bewegungsdrang wird auch im beeindruckenden Musikvideo von Henning Besser, dem visuellen Kopf der Band, sowie der Produktionsfirma Auge Altona eingefangen.
Die Absurdität des Spätkapitalismus
Drohnen führen Hunde an der Leine, damit der feine Herr weiterhin ins Smartphone stieren kann. Gesichtslose Arbeiter:innen in Anzügen, die verdächtig an das Amazon-Logo erinnern, ziehen einen Wagen voran. Ein Campingwagen wird mühsam mit 100 Zügen aus einer schmalen Gasse heraus manövriert – die „Ever Given“ lässt grüßen. Wie schon mit „In der Natur“ nutzen Deichkind das Musikvideo zu „Geradeaus“, um der Absurdität unserer spätkapitalistischen Gegenwart den Spiegel vorzuhalten. Covid ist over, zumindest wünschen wir uns das, und das Bruttosozialprodukt muss wieder hoch geschraubt werden, weiter, schneller besser, „Geradeaus“ in Lichtgeschwindigkeit bis zum Crash.
Kremlflug mit Rap-Performance
Deichkind schauen aber nicht nur uns Hier und Jetzt sondern auch in die Vergangenheit. Einige Szenen des Video referenzieren den „Kremlflieger“ Mathias Rust, der 1987 inmitten des Kalten Krieges auf eigene Faust mit einer Cessna von Westdeutschland nach Russland flog und auf dem Roten Platz in Moskau landete – alles im Zeichen des Friedens. Deichkind mimen diesen historischen Flug inklusive Rap-Performance vor der Moskauer Basilius-Kathedrale.
Deichkind-Regisseur Henning Besser sagt dazu: „Ich war neun, als ich in den Nachrichten gesehen habe: Mathias Rust landet auf dem Roten Platz. Das ist eine der prägenden Erlebnisse meiner Jugend gewesen, ich erinnere mich daran heute noch sehr genau. […] Ich finde, das ist eine der größten Einzelleistungen als Friedens-Aktion, die mir so bekannt sind und ich finde natürlich gerade heute in Zeiten des Ukraine-Krieges ist das aktueller denn je.“ Geradeaus für den Frieden, in die vermeintliche Höhle des Löwen. Der neue Deichkind-Song hat viele Facetten, das wird schnell klar. Wo es für die Band und ihren jodelnden Stand-Up-Paddler wohl als nächstes hingeht? Ziemlich sicher in Richtung ihres kommenden Albums „Neues vom Dauerzustand“, das am 17. Februar erscheinen soll.
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