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Die 10 besten Alben 2023 international

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Wer es in diesen Zeiten schafft, seine Hörer:innen auf Albumlänge zu fesseln, hat schon mal vieles richtig gemacht. Oft sind es Künstler:innen, bei denen man schnell merkt, dass sie nicht nur Hits raushauen, sondern komplexe Geschichten erzählen oder all ihre Facetten zeigen wollen. 2023 gab es dabei einige Alben, die man von Anfang bis Ende immer und immer wieder hören will: Rayes Debütalbum zum Beispiel, auf dem sie in brillanten Popsongs teilweise sehr abgründige und persönliche Geschichten erzählt. Oder Lana Del Rey, die Magierin ihrer eigenen Klangwelt, die sie mit Lyrics füllt, die auch in Gedichtform wirken würden. Oder Bibiza, der die ganze „Wiener Schickerei“ in 21 Songs über den Opernring jagt.

Lil Yachty – Let’s Start Here.

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Musik ist meistens gut, wenn Artists das tun, was sie am besten können. Noch besser wird sie, wenn Künstler:innen über ihren bisherigen Horizont hinauswachsen und in Sphären vordringen, in die sie sich bisher nicht gewagt haben. So haben wir 2023 das Schaffen von Lil Yachty beobachtet, der sich anscheinend einen amtlichen Trip gegeben oder auf andere Art und Weise ein neues Level in seiner Musik freigeschaltet hat. Anders können wir uns diese Metamorphose kaum erklären: Vom viel verspotteten Enfant Terrible der Soundcloud-Ära über den viralen „Poland“-Hit zu einem der spannendsten Psychedelic Pop-Alben der letzten Jahre? Wie passiert sowas? Beschweren wollen wir uns darüber natürlich nicht. Für „Let’s Start Here.“ hat sich der Rapper aus Atlanta in Form von Artists wie Magdalena Bay, Mac DeMarco und MGMT’s Ben Goldwasser die passende Hilfe geholt, um Stücke zu erschaffen, die mit seinen Trap-Wurzeln nicht mehr viel zu tun haben. Einen Sieben-Minuten-Pink-Floyd-Epos mit ausgedehntem Instrumental-Intro wie bei „the BLACK seminole.“ will man sich vielleicht nicht alle Tage geben, trotzdem gehört „Let’s Start Here.“ zu den schönsten Überraschungen des Musik-Jahrs 2023.

The Beaches – Blame my Ex

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Jordan Miller (Lead Vocals, Bass) und Kylie Miller (Gitarre, Backing Vocals) sind Schwestern und kennen Leandra Earl (Keyboards, Gitarre, Backing Vocals) und Eliza Enman-McDaniel (Drums) schon aus Schulzeiten. Seit gut zehn Jahren sind sie als The Beaches unterwegs und hatten gerade eines der besten Jahre ihrer Karriere. Das lag vor allem an ihrem zweiten Album „Blame My Ex“, das im September veröffentlicht wurde und sicher nicht nur in unserer Jahresbestenliste auftaucht. „Wir sind so lange diese klassische Indie-Rock-Schiene gefahren, haben aber in den letzten Jahren alle eher mehr Pop gehört“, erzählte uns Kylie im Interview. Und ihre Schwester Jordan ergänzte: „Die 80s-Einflüsse waren auch sehr wichtig: Da steckt viel The Cure drin, The Happy Mondays, New Order.“ Dabei sei ihnen der Humor zwischen den Zeilen sehr wichtig gewesen: „Damals gab es kaum Lieder, in denen Frauen mal über einen One-Night-Stand lästern konnten“, sagte Eliza dazu. Genau diese Mischung zeichnet die pointierten, mitreißenden zehn Songs nun aus. Der Hit „Blame Brett“, der Slacker-Charmeur „Everything Is Boring“, das ironische „Shower Bear“ und der new-wavige Closer „Cigarette“ – Ausfälle gibt es hier keine, stattdessen eine Band of Friends, die auch nach zehn Jahren gemeinsamer Karriere noch so richtig Bock haben.

Lana Del Rey – Did you know that there’s a tunnel under Ocean Blvd

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Lana Del Rey sollte man niemals abschreiben: Immer wenn ein Kritiker nörgelt, dass ihr Trademark-Sound inzwischen recht etabliert und damit vielleicht ein wenig vorhersehbar ist, entfesselt sie ihre Lana-Magic und haut mal eben ein Album raus, das zwar durch und durch nach Lana klingt, aber textlich, musikalisch und atmosphärisch so brillant geraten ist, das man mal wieder am Pool vom Chateau Marmont vor ihr auf die Knie gehen möchte. Schon der Titel ist ein Gedicht und eine Geschichtsstunde über ihre Heimat Los Angeles: „Did you know that there’s a tunnel under Ocean Blvd“. Das bezieht sich auf den Jergins Tunnel, der 1928 eröffnet und 1967 für die Öffentlichkeit geschlossen wurde – zugleich bezieht sie sich aber auch noch auf einen L.A.-Mythos. In einigen Romanen und Filmen tauchen manchmal Andeutungen auf, dass es einige Tunnel gäbe, die es Hollywoods Schönen und Reichen ermöglichen würde, schneller von A nach B zu kommen. Musikalisch ist Lana Del Rey auf diesem Album besser denn je, obwohl oder gerade weil sie sich viel Zeit und Raum nimmt in diesen 16 Songs.

Bibiza – Wiener Schickeria

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Mit Konzeptalben verbinden wir oft sperrige, anspruchsvolle Musik, die erst nach mehrmaligem Anhören vollständig verstanden und durchdrungen werden kann. Dass es auch anders geht, hat dieses Jahr Bibiza bewiesen. Wenige andere Alben kamen in diesem Jahr so locker und lässig daher spaziert, wie seine „Wiener Schickeria“. Zuvor hatte sich der junge Rapper aus Österreich ja eher ziellos durch verschiedene Stile und musikalische Strömungen probiert – mit seinem „Indie-Rap trifft Wiener Schmäh“ scheint er nun aber endgültig angekommen zu sein. Ob das Schicki-Micki-Wien mit seinen Koks-Partys und seinen extravaganten Damen in dieser Form existiert, ist gar nicht so wichtig: Bibiza erweckt es es mit blumigen Texten zum Leben und stellt sich selbst als Protagonist ins Zentrum von diesem turbulenten Kosmos. Auch wenn er dabei rasant von Synthie-Pop und Disco zu Indie-Rock, Austro-Pop und sogar Techno springt, gibt es einen klaren roten Faden: Der selbsterklärte Casanova Franz Bibiza und die Stadt, die er über alles liebt. 2023 gab es vielleicht noch bessere Rap-Alben, mit Sicherheit anspruchsvollere, aber mit keinem hatten wir so viel Spaß wie mit „Wiener Schickeria“.

Boygenius – The Record

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Die Supergroup Boygenius basiert auf der Freundschaft der drei Musikerinnen Phoebe Bridgers, Lucy Dacus und Julien Baker. Das ist die DNA ihrer Musik und einer der der Gründe, warum sich so viele Menschen mit ihrem Debütalbum „The Record“ verbunden fühlen. Als sich die drei, solo bereits sehr erfolgreichen, Indie-Musikerinnen eher zufällig im Jahr 2018 kennenlernen, teilen sie in E-Mail-Schriftverkehr geliebte Bücher, Autor:innen, Gedichte und erlebte Erfahrungen aus. 

Daraus erwuchs eine Freundschaft voller geteilter Erlebnisse, Erkenntnisse und Inside-Jokes. „The Record“ ist voll dieser Referenzen, die wir an dieser Stelle nicht alle ausbreiten können. So bildet beispielsweise der Closer „Letter To An Old Poet“ eine schmerzliche Trennung von Phoebe Bridgers ab, die sie mithilfe ihrer Freundinnen überstanden hat. Der Titel ist eine Referenz an Rainer Maria Rilkes „Briefe an einen jungen Dichter“ (engl. „Letters to a young poet“), das eines von Lucy Dacus’ Lieblingsbüchern ist. Die Platte ist eine Ode an freundschaftliche Liebe und Zusammenhalt – und was könnte in Zeiten wie diesen wichtiger sein? 

James Blake – Playing Robots Into Heaven

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Auch mit seinem sechsten Studioalbum hört James Blake nicht damit auf, uns zum Staunen zu bringen. Dabei könnte „Playing Robots Into Heaven“ insbesondere diejenigen abholen, denen der Alternative-Pop des britischen Musikers sonst zu zart und fragil ist. Denn auch wenn der Titel ein sperriges Konzeptalbum vermuten lässt, markieren die elf Songs eigentlich vor allem James Blakes Rückkehr zu seinen Wurzeln als Dubstep-Producer. Die Einflüsse von elektronischer Tanzmusik waren zwar auch auf seinen letzten beiden Alben „Friends That Break Your Heart“ und „Assume Form“ präsent, hielten sich aber subtil im Hintergrund. Bei „Playing Robots Into Heaven“ ist das Gegenteil der Fall: James Blake fungiert auf vielen dieser Stücke nur als eines von vielen Instrumenten, eine irrlichternde Stimme in einem Meer aus kaleidoskopischen Synthesizern, Ambient-Flächen und Fragmenten von House und UK Garage. Diese Mischung wirk fein ausbalanciert, aber nie verkopft – als wären die Songs fast schon unterbewusst im Flow endloser Jam-Sessions entstanden. Mit „Playing Robots Into Heaven“ glänzt James Blake auch als Songwriter, aber vor allem als Produzent und erinnert uns daran, wie verspielt man ernste Musik angehen kann.

Raye – My 21th Century Blues

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Raye kennt ihr bestimmt vor allem durch ihre beiden Mega-Hits „Escapism“ mit 070 Shake und „Prada“ mit cassö und D-Block Europe. Letztgenannter Track katapultierte sie 2023 bereits zum zweiten Mal in die TikTok-Charts und darüber hinaus in die Playlisten weltweit. Das Thema One-Hit Wonder ist damit also schonmal vom Tisch, aber funktioniert Raye auch auf Albumlänge? Ganz eindeutig, JA! Das zeigte sie mit ihrem Debütalbum „My 21 Century Blues“. 

Die Platte entstand in kompletter DIY-Manier, denn nachdem ihr Label nichts in ihrem Debüt sah, ließ sie den Major-Deal platzen und machte alles auf eigene Faust – zum Glück, den „My 21 Century Blues“ ist ein echtes Glanzstück. Mit Blues hat das ganze dabei allerdings weniger zu tun. Stattdessen vereint Raye auf insgesamt 15 Songs Einflüsse aus Hip-Hop, R&B, Jazz oder House auf geschmackvolle Art und Weise. Den Rahmen bildet dabei immer ein poppiges Gewand, in dem melancholische Balladen ebenso ihre Daseinsberechtigung haben wie TikTok-Banger. Alles in allem deshalb ein extrem abwechslungsreiches Album, dass uns mit dem Intro bereits vollkommen in seinen Bann gezogen hat und viele Überraschungen für uns bereit hält.

My Ugly Clementine – The Good Life

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In Zeiten von Social Media kann man schnell das Gefühl bekommen, das eigene Leben sei irgendwie langweilig und stumpf. My Ugly Clementine appellieren mit ihrem zweiten Album „The Good Life“ aber daran, dass die ewige Optimierung nicht zum Glück führt. Über das gesamte Album hinweg kreieren die drei Musikerinnen aus Wien die Ahnung, dass „The Good Life“ kein perfektes Leben bedeuten muss, sondern ein menschliches und durchschnittliches Leben eigentlich schon ziemlich „good“ ist.

Musikalisch lehnt sich „The Good Life“ an den Grunge und Indie-Rock der 90er Jahre an und klingt manchmal wie der Soundtrack für ein Coming-Of-Age Film und manchmal wie die perfekte Begleitung für einen regnerischen Herbsttag. Man hört, dass in „The Good Life“, anders als im Vorgängeralbum, alle drei Mitglieder der Band maßgeblich am Songwriting beteiligt waren. Der Sound ist kantiger, als noch auf dem Debüt und das steht dem Trio unglaublich gut und macht aus „The Good Life“ ein Indie-Rock-Album, das sich seinen Platz auf unserer Besten-Liste verdient hat.

Militarie Gun – Life Under The Gun

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Machen wir uns nichts vor: DIFFUS ist nicht gerade als Medium für harte Gitarren-Musik bekannt. Unsere Kolumnistin Christina Wenig versucht zwar mit „Hard in Here“ dafür eine Anlaufstelle zu bieten, aber abseits davon findet nur in Ausnahmefällen Musik, die rauer als Indie-Rock einzustufen ist, ihren Weg in unsere Berichterstattung. Die Band Militarie Gun aus Los Angeles ist ein solcher Ausnahmefall. Denn wir glauben, dass ihr diesjähriges Album „Life Under The Gun“ auch bei Musik-Liebhaber:innen, die sonst keinen Hardcore hören, Anklang finden könnte.

Gestartet hat Militarie Gun 2020 als Solo-Projekt des Sängers Ian Shelton, der alleine drei EPs veröffentlicht hat, bevor er eine richtige Band um sich versammelt hat. Und wie gut diese Entscheidung doch war! „Life Under The Gun“ glänzt mit einem energetischen Rock-Sound, der zwar schnörkellos und direkt, aber nie plump ausfällt. Das zentrale Element ist die kräftige Stimme von Ian Shelton, die er sich Song für Song aus dem Leib schreit, während die Band um ihn herum trommelt und schreddert, was das Zeug hält. Gerade wenn es dann ein wenig zu noisy wird, fallen Militarie Gun klare, einprägsame Melodien ein, um die Kurve zu kriegen und sich für den Soundtrack eines imaginären Coming-Of-Age-Dramas zu bewerben. Apropos: Wäre es nicht mal wieder sein für ein neues „Tony Hawk’s Pro Skater“…..?

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Titelstory: Ikkimel

Auch im Heft: Noah Kahan, Baran Kok, Josi, Robyn, Philine Sonny und Apsilon.
Dazu große Reportagen über die Vaporwave-Szene in Deutschland, die extreme Metal-Szene in Subsahara-Afrika oder das Rap-Projekt „HaftBars“ in einer Berliner Jugendstrafanstalt.