Die 10 besten Alben 2024 international
Beyoncé – Cowboy Carter
„Das hier ist kein Country-Album, das ist ein Beyoncé-Album“ – mit diesen Worten präsentiert Popstar Beyoncé ihr neues Album „Cowboy Carter“. Stolze 27 Songs umfasst der zweite Act der Renaissance-Albumtrilogie und macht, trotz der treffender Ansage von Queen B, eindeutig einen Ausflug in die Country-Welt – nur eben auf Beyoncé-Art. Vor allem, um zu zeigen, dass eine afroamerikanische Frau dieses Genre sehr wohl einnehmen kann – trotz oder gerade weil sie dafür in der Vergangenheit bereits ordentlich Gegenwind erfahren kann. Queen B zeigt auf „Cowboy Carter“ eindrücklich, wie vielseitig Country sein kann, wenn die so harsch geachteten Grenzen des Genres einmal überwunden sind und man sich der Sache von einem liebevollen, innovativen Standpunkt aus nähert. Da dürfen dann auch mal Miley Cyrus oder Post Malone Ausflüge in die Country-Gefilde machen und der Dolly-Parton-Superhit „Jolene“ bekommt eine von den Fans sehnsüchtig erwartete Beyoncé-Variante.
Mk.gee – Two Star & The Dream Police
Als wir auf dem roten Teppich der 1LIVE Krone die Stars und Sternchen nach ihren Lieblingsalben aus diesem Jahr gefragt haben, fiel ein Name besonders oft: Mk.gee. Im World Wide Web wurde sein aktuelles Album „Two Star & The Dream Police“ in den letzten Monaten so lautstark abgefeiert, dass man als professioneller Gatekeeper glatt versucht ist, ihm von vorn herein gar keine Chance zu geben. Aber dann verpasst man einiges, denn was der Sänger, Songwriter, Gitarrist und Produzent aus New Jersey hier auffährt, ist alles andere als Basic. Aus dem zeitlosen Pop von Größen wie Peter Gabriel, Sting und Co. leitet Mk.gee seine eigenen Schlüsse ab und destilliert sie mit Einflüssen aus dem alternativen R’n’B von Frank Ocean oder Dijon zu einem völlig eigenen Sound. Hier treffen typische Synthesizer-Flächen und Percussions aus den 80ern auf Effekt-Gefrickel, das zu dieser Zeit überhaupt nicht denkbar gewesen wäre. Obwohl Mk.gee darauf ungern reduziert wird, sind es aber vor allem die Klänge, die er seiner Gitarre entlockt, die sogar Eric Clapton ins Staunen bringen und „Two Star & The Dream Police“ zu einem völlig zurecht gehypten Album machen.
Rahel – miniano
Zwischen Zwerghamstern, Psychosen und der Suche nach dem inneren Kind hat Rahel mit ihrem Debütalbum „miniano“ eine ganz eigene Welt erschaffen. Sie führt ihre Hörer:innen zum „nussberg“, feiert den „Tag des Barsches“ und erzählt von „kleinen Frauen in Beerenfeldern“ – und zwar alles in bildhafter Lyrik, die „miniano“ zu einem poetischen Gesamtwerk macht. Neben zarten und leisen Momenten überzeugt das Album auch und vor allem mit den epischen, energetischen Passagen, weist Grunge-Anleihen auf und hat genau das, was in der Musik von heute so oft verzweifelt gesucht wird: nämlich etwas Spannendes, Neues und Andersartiges. Fast so, als wäre „miniano“ wirklich von einer anderen Welt.
Tyler, The Creator – Chromakopia
In Sachen Jahresbestenlisten setzte Tyler, The Creator erst recht spät zum Sprint an und zog weird frisiert an vielen Mitbewerberinnen vorbei. Sein episches „Chromakopia“ kam erst am letzten Oktoberwochenende – also zu einem Zeitpunkt, an dem so manche Musikzeitschrift ihre Jahrescharts schon fast geschlossen hat. Leichte Kost, die schnell ins Ohr geht, ist das Album dabei nicht: eher im Gegenteil. Mal spacig, mal jazzig, mal bassdröhnend macht uns Tyler mit seinen Raps ganz schwindelig und zieht immer wieder Feature-Partner:innen in seine Tracks, die wohl nur er in dieser Runde zusammenbekommt. Highligths der Platte sind zweifelsohne „Like Him“ mit Lola Young, „Balloon“ mit Doechii, „Sticky“ mit GloRilla, Sexyy Red und Lil Wayne sowie „Darling, I“ mit Teezo Touchdown und „Rah Ta Ta“, bei dem Tyler dann ganz lässig beweist, dass er auch ohne Gäste könnte, wenn er denn wollte.
Lola Young – This Wasn’t Meant For You Anyway
Ehrlichkeit, Unverblümtheit und Authentizität charakterisieren die Musik von Lola Young. Damit sorgt die Sängerin nicht nur aufgrund ihrer britischen Herkunft für Assoziationen mit Größen wie Adele oder Amy Whinehouse – auch der kompromisslose Charakter und die kraftvolle Stimme ordnen sie in diese Reihe britischer Popstars ein. Mit „This Wasn’t Meant For You Anyway“ hat Lola Young in diesem Jahr ihr zweites Album veröffentlicht, das ihrem gefeierten Debüt in nichts nachsteht – auch wenn es zwischen den ganzen Neuigkeiten, mit denen Lola in diesem Jahr von sich reden gemacht hat, fast schon untergeht. Denn die Britin hat nicht nur mit Lil Yachty ein hochkarätige Feature gelandet, sondern war auch auf dem hochgelobten Album „Chromakopia“ von Tyler, The Creator vertreten. Auch die Top-Influencer:innen dieser Welt lieben Lola: Nachdem zuletzt 2023 Bella Hadid und Kylie Jenner ihren Song „Don’t Hate Me“ posteten, war es nun Sofia Richie, die Lola Young und ihrem Hit „Messy“ einen viralen Moment bescherten.
Fontaines D.C. – Romance
An Fontaines D.C. führte in diesem Jahr wohl kein Weg vorbei – und das aus gutem Grund. Die Post-Punk-Band um den Leadsänger Grian Chatten machte in diesem Jahr den Sprung vom Geheimtipp zur neuen Hoffnung der irischen Popmusik. Und hier ist schon das Stichwort, denn ihr viertes Studioalbum ist weitaus weniger eigenwillig und punkig, als noch ihre vorherigen drei Alben. Stattdessen haben sie sich auf „Romance“ großen, melodischen Balladen gewidmet, die in ihrer Hit-Single „I love you“ schon so gut funktioniert haben. Das klingt dann immer mehr nach einer Mischung aus Britpop und Grunge, hat dabei auch immer noch die Ecken und Kanten, die den Charme der Band ausmachen. Gerade Songs wie „In The Modern World“ oder „Bug“ hören sich dabei schon fast nach dem Soundtrack eines Arthouse-Films an. Nur passend, dass die Visuals zum Album (für die es eigentlich auch eine Bestenliste geben sollte) cinematografisch mehr Kurzfilm als Musikvideos sind und mit einem regelrechten Staraufgebot beweisen: Fontaines D.C. sollte man spätestens jetzt auf dem Schirm haben.
Doechii – Alligator Bites Never Heal
Es brauchte eine kleine Weile, bis wir alle die Größe des neuen Doechii-Tapes geschnallt hatten – und das obwohl ja schon der Titel preiswürdig war. „Alligator Bites Never Heal“ kam bereits im August, aber der TikTok-Hype sprang erst ein paar Monate später so richtig an. Vor allem die Parts aus „DENIAL IS A RIVER“, einem irren Zwiegespräch zwischen Doechii und high-pitched Doechii, gingen viral. Die schöne Ironie dabei – in einer Strophe des Songs heißt es: „Wristwatch, drip drop, labels want the TikToks / Now I’m makin‘ TikTok music, what the fuck?“. Letzteres dachten dann auch viele, als sie Doechiis geniale Auftritte beim „Tiny Desk Concert“ und bei Stephen Colberts „The Late Show“ sahen. Trotzdem hat das Album weit mehr als diesen Hit. Unter den 19 (!) Songs finden sich viele Perlen: z. B. das R’n’B-weiche „HIDE N SEEK“, das jazzig-schnodderige „BOOM BAP“, das sphärisch-instrumentierte Intro „STANKA POOH“ oder das seltsame „HUH!“ das klingt, als hätte Doechii da versucht, eine 80er-Popballade in Grund und Boden zu rappen.
Nilüfer Yanya – My Method Actor
Eigentlich ist es uns ja ein Anliegen, diese Listen abwechslungsreich zu halten und nicht jedes Jahr aufs Neue die selben Acts mit Lorbeeren zu überhäufen. Wegen Nilüfer Yanya müssen wir nun von dieser harten Linie abweichen, denn die Alternative-Rock-Musikerin aus London hat 2024 ihr drittes sehr gutes Album in Folge veröffentlicht. 2019 haben wir in einer solchen Liste schon ihr Debüt „Miss Universe“ gelobt und zuletzt 2022 über den Nachfolger „Painless“ geschwärmt. Und auch das diesjährige „My Method Actor“ verdient es, gehört und besprochen zu werden. Wo „Painless“ an vielen Stellen noch nach der nervösen Großstadt-Collage auf dem Cover klang, herrscht hier eine neue Ruhe. Songs wie „Just A Western“, „Binding“ oder „Call It Love“ klingen so, wie sich Seide anfühlt. Die großen Ausbrüche, die noch ihr Debüt bestimmten, gönnt sich Nilüfer Yanya nur sehr selten und wenn, dann ganz gezielt. Mehr denn je verlässt sie sich auf ihre besondere Stimme und ihre besondere Art und Weise, Gitarre zu spielen – und dieser Mut zum Minimalismus resultiert in den besten Stellen auf „My Method Actor“.
Charli xcx – BRAT
Ja, das sagen zwar alle, aber es war ja nun mal auch einfach so: Wenn wir an den Sommer 2024 zurückdenken, dann denken wir an den BRAT-SUMMER! Charli xcx hat mit ihrem Album der kompletten Welt eine Hyperpop-Gehirnwäsche verpasst. Denn „Brat“ ist nicht einfach nur ein Album. Mittlerweile ist es eine Lebenseinstellung, ein Style, ein Gefühl und das repräsentiert vor allem eins: Party. Mit „Brat“ hat uns Charli xcx zusammen mit Produzenten wie A.G. Cook, The Dare, Gesaffelstein und geremixten Versionen mit Musiker:innen wie Billie Eilish, Yung Lean oder Lorde eine ganze Armarda an Songs geliefert, mit denen das Leben zur endlosen Party wird.Doch im ganzen It-Girl-Dasein blitzen auch immer mal wieder Momente der Vulnerabilität und des Zweifelns auf, wie in „I might say something stupid“ oder „I think about it all the time“, die für einen Moment inne halten lassen und zeigen: Emotionen zeigen ist auch sowas von Brat!
Billie Eilish – Hit Me Hard And Soft
Drei Jahre nach der Veröffentlichung ihres zweiten Albums, ist Billie Eilish im Mai 2024 mit „Hit Me Hard And Soft“ zurückgekehrt. Auch, wenn man auf Grund des tiefblauen Unterwasser-Covers der Platte zunächst auf einen düsteren Sound hätte schließen können, überraschen die insgesamt zehn Songs von Billie Eilish und ihrem Bruder Finneas, der das Album mitproduziert hat, mit musikalischer Vielfalt und unerwarteten Wendungen! Letztere finden sich vor allem in Songs wie „Blue“ oder „L’amour de ma vie“. Doch gerade die tanzbareren Momente auf Billie Eilishs Album bleiben nachhaltig im Kopf – so auch „Lunch“, ein luftiger Pop-Song über Queerness und Identität. Billie und Finneas sagen selbst, sie haben mit dieser Platte ein Experiment Richtung Pop gewagt. Wir würden sagen: Experiment erfolgreich geglückt!
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