Die 10 besten Songs 2024 national
Blumengarten – Ich liebe dich für immer
Kuschelrock ist zurück. Zumindest hat es den Anschein, wenn man einen Blick in die Listen der beliebtesten Songs aus 2024 wirft. Einen wichtigen Beitrag zu diesem Trend leisteten auch Blumengarten mit ihrer Single „Ich liebe dich für immer“. Auf den Spuren von Frank Oceans „Nostalgia Ultra“ hängen Blumengarten Erinnerungen eines Sommer nach, der sich anfühlte, als würde er für immer halten. Auch wenn sich das als Irrtum herrausstellt, schafft es das Duo, die Gefühle dieser Zeit in einen zuckersüßen Alternative-Pop Song zu übersetzen. Atmosphärische Synthesizer und ein treibender Beat klingeln wie der Soundtrack ikonischer Coming-of-Age-Filme oder eben die großen, bewegenden Hits von Frank Ocean. Zusammen mit mit den leidenschaftlichen Vocals von Sänger Rayan versetzt dieser Song in eine Nostalgie, die sicher länger halten wird, als nur einen Sommer.
Boondawg – Gangsigns
Deutschrap rennt seinem großen Bruder aus den USA hinterher. Das war quasi schon immer so und auch wenn sich der Vorsprung mit der Zeit etwas reduziert hat, lässt sich die hiesige Szene in Sachen Trends, Flows und Beats immernoch sehr gerne von unseren Nachbarn aus Übersee inspirieren. Das Ergebnis sind häufig Songs und Alben, die den US-Rap zwar gut mimen, aber eben auch klingen, als wären sie schonmal da gewesen. Eine Ausnahme bildet der Song „Gangsigns“ von Boondawg. Natürlich schimmert auch hier ein bisschen Memphis-DNA sowie sein großes Idol A$AP Rocky durch, aber „Gangsigns“ funktioniert trotz seiner Spielzeit unter zwei Minuten als authentischer, deutscher Trap-Song. Diese Eigenständigkeit wird belohnt: Für Boondawg stellt „Gangsigns“ seinen bisher größten Erfolg und einen Durchbruch dar, der den Düsseldorfer von jetzt auf gleich zu einem der gefragtesten Rapper in Deutschland machte. Wir sind zwar keine Booker:innen, aber wenn ihr uns fragt, wird man diesen Song im kommenden Sommer auf diversen Festivalbühnen zu hören bekommen.
Fyne – Liebesbriefe
Die Newcomerin Fyne hatte ein verdammt gutes Jahr: Fast jeder Song der jungen Hamburgerin war künstlerisch betrachtet ein Volltreffer. Poetische Balladen zwischen Indie, Lo-Fi und Pop, wunderschön gesungen, mit einer Stimme, die mal zittert, mal vibriert, mal sehnsüchtelt, mal schmettert. Los ging der kleine Hype mit „Liebesbrief“, das schon vor Release bei TikTok heiß lief. Allein schon die zarte Art, wie Fyne in der ersten Strophe diese Zeilen singt: „Denn wenn du da bist, schlägt mein Herz ein bisschen schneller / Mein Himmel kleines bisschen heller“! Wem es da nicht das Herz anknackst, der oder die fühlt auch sonst nix mehr.
Zartmann, Ski Aggu – Wie du manchmal fehlst
Kaum ein Newcomer hat die deutschsprachige Musikwelt in diesem Jahr so sehr aus dem nichts erobert wie Zartmann. Mit seiner „Also bin ich frei“-EP stellte er für viele den Soundtrack des Sommers – und zwar nicht zuletzt wegen des Tracks „Wie du manchmal fehlst“, gemeinsam mit Ski Aggu. Irgendwo zwischen Indie-Pop, sonnigen Afrobeats und Singer-Songwriter-Vibes ist der Song zuhause und verbreitet entspannt-sommerliche Glücksgefühle. Selbst Ski Aggus Part ist ruhiger und nachdenklicher als man es sonst von seinem Party-Rap gewohnt ist – als würde er von Zartmanns Gelassenheit ebenso angesteckt werden, wie man selbst beim Hören des Tracks.
Soffie – Für Immer Frühling
Soffie ist in diesem Jahr genau das passiert, wovon viele Newcomer:innen träumen: Ihr Song „Für Immer Frühling“ ist quasi über Nacht auf TikTok viral gegangen und bescherte der jungen Musikerin damit einen unerwarteten Hype! Begleitet von einem plätschernden Piano zeichnet Soffie in dem Song die Version einer Welt, in der es keinen Hunger gibt, niemand im Mittelmeer ertrinkt und alle in Frieden zusammenwohnen. „Für immer Frühling“ ist damit eigentlich der perfekte Soundtrack, um in Zeiten wie diesen nicht die Hoffnung zu verlieren. Und vielleicht ist genau dass der Grund, warum es der Track schnell von TikTok auf die Livebühnen geschafft hat. Anfang des Jahres ertönte „Für Immer Frühling“ nämlich auf vielen Demonstationen gegen Rechts.
Apsilon – Koffer
Schon im letzten Jahr hatten wir Apsilon auf unserer Liste mit den besten Songs aus Deutschland – damals noch mit „Baba“. Ein Song, mit dem der junge Künstler aus Berlin-Moabit Stereotype von Männlichkeit und Stärke aufgebrochen und tausende berührt hat. Aber auch für ihn selbst hat „Baba“ einiges geändert. Im Interview für unser drittes Printheft, hat uns Apsilon erzählt, dass „Baba“ für ihn den Weg zu melodiösen, stilleren Songs bereitet hat. Songs wie „Koffer“. Statt dem Frust aus Apsilons frühen Releases, überwiegt hier eine tiefe Trauer und Schwere, ein Gefühl von Weltschmerz und Unverständnis. „Wenn Deutschland mich wieder ansieht / und sagt, mein Herz hat kein Platz hier“, heißt es zu Beginn, mehr gesprochen als gerappt. Im Video dazu sieht man, wie ein Taxifahrer mit Migrationshintergrund von einem Fahrgast ermordet wird – eine wahre Geschichte, die Apsilons Onkel zugestoßen ist. Nach „Baba“ dachten wir ehrlich gesagt nicht, dass Apsilon in näherer Zukunft nochmal einen Song schreiben könnte, der auch nur ansatzweise so emotional potent ist. „Koffer“ hat uns eines besseren belehrt.
Ebow – Lesbisch
Sozusagen ein Comeback hatte in diesem Jahr das Wort „lesbisch“. Wurde der Begriff in der queeren Community zuvor eher mit Vorsicht verwendet, avancierte er 2024 zu einem empowernden Begriff. So leistete auch Rapperin Ebow mit ihrer Leadsingle „Lesbisch“ zum Album „FC Chaya“ ihren Anteil dazu. Psychedelischer Dream-Pop-Sound trifft hier auf eine E-Gitarrenmelodie und Hip-Hop-Drums, die den Ton des Songs angeben. So kommt „Lesbisch“ soundtechnisch wie ein entspannter Lovesong daher, obwohl er sich eigentlich an eine Frau richtet, die scheinbar nicht queer ist, aber Ebow zweideutige Zeichen sendet. Das bringt sie jedoch nicht zur Verzweiflung. Stattdessen legt Ebow ihr in klassischer Rap-Attitüde die Karten auf den Tisch und hält fest: „Yup, Dein Boyfriend ist hässlich / Sag Bescheid, wenn er dein Ex ist / Denn alle pretty Babes sind lesbisch“. Eine Hymne für alle, die der queeren Community angehören und die, die es vielleicht nur noch nicht wissen.
RAR – Ängste haben Arme
„Meine Ängste haben Arme / Neun Uhr in der Notaufnahme“. Das ist nur eine von vielen starken Zeilen in RARs „Ängste haben Arme“. Ein Song, so dunkel und bleak wie sich 2024 oft anfühlte. Einerseits. Andererseits hat es etwas befreiendes, wie Produzent und Sounddesigner Jonas Pentzek hier in die dunkelsten Stunden rennt – zu einem Beat, der wie dafür gemacht ist, um mit dem Kopf an die Wand zu schlagen, bis die verkackte Angstattacke endlich vorüber ist. Musikalisch irgendwo im Trockennebel zwischen NNDW, darkwavigem Indie und Hyperpop zeigt RAR mit diesem Song, dass die drohende Apokalypse und die Angst davor zumindest sehr aufregend klingen können.
Wolke 8 – Blaue Stunde
Im Mai 2024 sind wir auf ein kleines Juwel gestoßen: das mysteriöse Newcomer-Projekt Wolke 8, das zu diesem Zeitpunkt einiz die Single „blaue Stunde“ veröffentlicht hatte. Der Alternative-Pop-Song handelt von diesem ganz speziellen Zeitfenster, wenn der Tag in die Nacht übergeht und eine Stimmung erzeugt, die Worte kaum beschreiben können. Dazu zwei harmonische Stimmen auf einen emotional aufgeladenen Beat, der mit seinen melodischen Klaviereinspielern fast schon an den Sound von fred again.. erinnert. Anders als von uns zunächst vermutet stecken hinter dem Projekt aber nicht die Newcomer:innen Elias und Molly Sue. Die beiden haben zwar an „blaue stunde“ mitgewirkt, der oder die Köpfe hinter Wolke 8 halten sich mit ihrer Identität aber bis heute bedeckt. Was wir aber wissen: Innerhalb der Branche sind Wolke 8 ausgezeichnet vernetzt. Im Laufe des Jahres gesellten sich zu „blaue stunde“ nämlich auch Feature-Tracks mit Eli Preiss, Dani Lia, Yosho oder Ritter Lean. Klingt doch schonmal vielversprechend – auch im Hinblick auf 2025!
Dilla, emi x – Willst du
Nachdem Dilla im vergangenen Jahr mit „Also bin ich“ ihr poppiges Debütalbum veröffentlicht hatte, ging es Anfang dieses Jahres für sie zurück zu den musikalischen Techno-Pop-Wurzeln à la „photosyntese“ oder „unter ihrem dress“. Die Rede ist vom Song „willst du“ gemeinsam mit emi x. Der perfekt-empowernde Track für alle, denen noch ein kleiner Schubs fehlt um eine toxische Beziehung hinter sich zu lassen. Zeilen wie „Was willst du, Bitch, willst du das ich auf die Knie gehe“ lassen sich perfekt wahlweise auf voller Lautstärke mitgrölen oder zu dem peitschenden Beat austanzen – kleiner Therapie-Effekt inklusive.
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