Die besten neuen Künstler:innen: Serpentin findet alles scheiße
„Serpens, Serpentis“ – das ist lateinisch für „Schlange“, im Mittelalter auch häufig mit „Teufel“ gleichgesetzt. Das geschuppte Tier mit der gespaltenen Zunge, das immer wieder für Faszination und Abscheu sorgt, prankt zentral auf der ersten Single der Newcomerin Serpentin. Was sie zu ihrem reptiloiden Namen geführt hat, wissen wir noch nicht. Vielleicht ist es die Wandelbarkeit ihres Sounds, der sich fließend von Avantgarde-Pop zu Techno und weiter schlängelt. Vielleicht ist es der Hang zum Abgründigen und Morbiden, der in ihren Erzählungen vom Zwischenmenschlichen und intimen Innenleben immer wieder durchscheint.
„Nach dir die Sintflut“
Aber das sind alles Spekulationen, also zurück zu den Fakten: Auch wenn ihre erste offizielle Single auf den Streaming-Diensten aus dem Januar 2021 stammt, finden sich zuvor schon Spuren von Serpentin in der deutschen Musiklandschaft. 2019 veröffentlicht Serpentin, damals noch als Hiraeth ihren Song „Sintflut“ und beweist hier schon ein Faible für die 80er-verliebte Musik, die wir aktuell fleißig in unserer Playlist „Neue Neue Deutsche Welle“ sammeln.
„Sintflut“ hat klaren Bezug zu Synth-Pop und New Wave, trotzdem hatte Serpentin schon damals mehr Ambitionen als bloßes Copy und Paste aus den 80s. Der Song spannt sich über fünf Minuten Spielzeit mit verschiedenen Parts, die dramaturgisch geschickt verwoben werden, bishin zu einem kreischenden Noise-Finale. Auch dass Serpentin singen kann, wirklich krass singen, mit viel Druck und kristallklaren Höhen, zeigt sie schon hier. Nach „Sintflut“ gibt es lange Zeit erstmal keine weiteren musikalischen Lebenszeichen, aber über ihren Instagram-Kanal teilt die Musikerin Eindrücke ihrer ersten Gehversuche im Live-Business und verspricht: Bald kommt mehr.
Aus Hiraeth wird Serpentin
Dieses „Bald“ tritt dann Ende 2020 ein. Aus Hiraeth wird Serpentin und mit dem Namenswechsel kommt auch die Ankündigung einer neuen Single: „Kreise“. Der Song erscheint im Januar des folgenden Jahres und zeigt, dass die Newcomerin keineswegs untätig war. Mit einem eindrucksvoll choreographierten Musikvideo begibt sich Serpentin in ein Soundgefilde irgendwo zwischen dem Electronica von Moderat und Sias schwindelerregenden Power-Hooks.
Serpentin packt alles an Emotionen und Leidenschaft in ihre Musik, was ihr Körper und ihre Seele hergibt. Das ändert sich auch mit der nächsten Single „Sieh mich an“ nicht, die schon im März 2021 folgt. Wieder geht es mit drückender Synthesizer-Bassline auf Zeitreise Richtung 80er Jahre, aber mit der Hook explodiert der Song förmlich mit Live-Drums und großem Elektro-Sound. Serpentin packt ihre eigene Stimme in den Sampler und lässt sie fein geheckselt wieder ausspucken.
Keine Angst vor Experimenten
2022 zeigt Serpentin ihren Sinn für gute Gesellschaft und zeitgenössischen Sound. Newcomer-Kollege Psassa aus Bremen veröffentlicht seinen Song „Wasser“ inklusive Features von Ikarus, Toni Vice und, natürlich: Serpentin. Die illustre Runde überzeugt mit Drum’n’Bass-Rhythmen, wie sie 2022 vielerorts zu hören sind, geben den Sound der Stunde allerdings durch ihren eigenen experimentellen Filter wieder, wie wir es inzwischen schon von Serpentin gewohnt sind. In der Hook bricht dann auch die berühmt-berüchtigte vierte Wand und die Newcomer-Kombi wendet sich doppeldeutig an die Zuhörer:innen: „Was hast du heute schon gemacht? / Has(s)t du nur dich selbst, selbst, selbst / oder was wichtiges geschafft?“.
Erfolg dank Abfuck
Die dritte Solo-Single von Serpentin folgt dann erst im Juli und bringt die Karriere der Newcomerin so richtig in Fahrt. Mit „Alles scheiße“ taucht Serpentin für viele Musik-Fans erstmals auf dem Radar auf – so auch bei uns. Was macht diesen Song so besonders? Da wäre zum einen die drückende Thematik: Serpentin suhlt sich im Selbstmitleid und findet alles scheiße. Krümeligen Tabak, den grellen Sonnenschein, den PMS-Terror. Dafür findet sie im Vergleich zu ihren bisherigen Veröffentlichungen sehr konkrete und direkte Worte, die die Thematik unmissverständlich zu den Zuhörenden tragen: „Ich wär’ so gern gut mit dem Leben / Aber ich find’ alles scheiße / Die Sonne brennt sich in meinen Schädel / Ich find’ so geil wie ich leide“.
Hinter diesen Zeilen steckt eine Depression, die Serpentin auf ihrem Instagram-Kanal immer wieder offen legt und hier eindrucksvoll zu Kunst macht. Auch auf musikalischer Seite zeigt sich Serpentin direkter denn je: Der psychische Abfuck klingt hier nach schiebenden Techno-Beats, die von nervösen Synthesizer-Klängen durchzuckt werden. Damit trifft Serpentin den Zeitgeist ins Schwarze und beteiligt sich am Rave- und Trance-Revival, das Künstler:innen wie Southstar und Dilla vorantreiben.
Ob auch Serpentin diese Bewegung weiter begleiten wird, steht aktuell noch in den Sternen. Bei ihrem bisherigen Werdegang würde es auch nicht überraschen, wenn sie morgen etwas ganz anderes in die Welt entsendet. Worauf wir uns verlassen können, ist ihr Anspruch, ihre Gefühle in Worte und Klänge zu fassen, die bewegen – und bei uns ist ihr das mit vollem Erfolg gelungen.
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