Die Konzertsaison geht im März wieder los – oder doch nicht?
Nach dem Treffen von Bund und Ländern zur Corona-Lage am Mittwoch scheint klar zu sein: Ab dem 20. März könnte wieder vieles gehen – auch in den Clubs und Konzerthallen. Oder doch nicht? Ein Blick auf die aktuellen Beschlüsse und Ankündigungen und was sie für die Fans von Livemusik bedeuten.
Pressekonferenz am Mittwoch nach der großen Schalte zwischen der Bundesregierung und den Länder-Chef:innen. Bundeskanzler Olaf Scholz spricht, wie er immer spricht: ruhig und ein wenig verpeilt wirkend. Er sagt: „Wenn da jetzt nicht noch irgendeine andere Variante des Virus um die Ecke kommt, werden wir jetzt tatsächlich einen Frühling erleben und einen Sommer, in dem die meisten Einschränkungen unseren Alltag nicht mehr beeinträchtigen werden.“ Klingt ja erst einmal super, aber schon aus den weiteren Statements und natürlich aus den Lehren der Pandemie weiß man, dass die nun verkündeten Öffnungen höchstens eine Momentaufnahme sind. Was in einem Business wie der Live-Branche, die gewisse Vorläufe braucht, schon einmal schwierig ist. Und dann wäre da noch der Interpretationsspielraum der Formulierung „die meisten“, die in diesem besonderen Fall ebenso tricky ist.
„… alle tiefgreifenden Schutzmaßnahmen entfallen.“
Aber der Reihe nach: Beschlossen wurde am Mittwoch diversen Lockerungsmaßnahmen, die stufenweise vorgenommen werden. Die ersten Schritte betreffen nur private Zusammenkünfte und den Einzelhandel. Ab dem zweiten Schritt zum 4. März kommen dann Lockerungen für Gastronomie, Diskotheken, Clubs und überregionale Großveranstaltungen. Spätestens dann sollte man, wenn man Indoor-Konzerte sehen will, am besten geimpft und sogar geboostert sein, weil alles in Sachen Party und Kultur in geschlossenen Räumen unter 2G+-Bedindungen stattfinden wird (also durchgeboostert, oder doppelt geimpft plus tagesaktuellen Test). Gleichzeitig gelten folgende Höchstgrenzen für die Auslastung von Hallen und Stadien bei Großveranstaltungen: in Innenräumen 60% der Kapazität, mit maximal 6.000 Besucher:innen, im Freien 75% Prozent der Kapazität mit maximal 25.000 Besucher:innen. In geschlossenen Räumen soll dabei weiterhin die Maskenpflicht gelten.
Interessant wird es dann um den 20. März herum: Am Tag davor endet die gesetzliche Ermächtigung der Corona-Maßnahmen, die im Infektionsschutzgesetz festgeschrieben sind. Der Bundestag darf dann die Maßnahmen nur noch einmalig um drei Monate verlängern. Ab diesem Zeitpunkt sollen „alle tiefgreifenden Schutzmaßnahmen entfallen, wenn die Situation in den Krankenhäusern dies zulässt.“ Das klingt erst einmal nach „Freedom Day“, „Feierei“ und „Halligalli“. Aber – und hier wird es wie so oft in dieser Pandemie wieder schwierig für die Club- und Konzertlandschaft: „Die Maskenpflicht soll in Innenräumen sowie Bussen und Bahnen weiter gelten – genau wie das Abstandsgebot, allgemeine Hygienevorgaben oder Testpflichten in bestimmten Bereichen.“
Die Sache mit dem Abstandsgebot
Aus dieser Formulierung wird deutlich: Clubkonzerte wird man wohl erst einmal nur mit der Maske vor dem Mund erleben. Was ja überhaupt keine große Sache ist: Der Autor dieser Zeilen war im November schon in Kanada auf einem ausverkauften Konzert in einem voll ausgelasteten Club, wo alle Menschen eine Maske trugen, die sie dann beim Biertrinken kurz runterzogen. Nervte ein wenig, aber weil die Show so grandios war, hatte man das nach zwei Liedern vergessen. Bei einer Clubnacht wiederum sieht die Sache schon wieder anders aus: Party, Smalltalk und Anbändeleien mit FFP2-Maske sind nämlich eher nicht so geil. Problematisch ist auch die Sache mit dem „Abstandsgebot“ – denn das lässt sich in den Konzertlocations eben auch nur einhalten, wenn sie weniger ausgelastet sind. Die LiveMusikKommission e. V. – der Verband der Musikspielstätten in Deutschland – schrieb Anfang der Woche in einem Appell an die Bundesregierung sehr richtig: „Türkontrollen sind Club-Alltag, weshalb Maßnahmen wie z.B. 2G-plus dort leichter umzusetzen sind als eine Maskenpflicht, die mit Cluberleben (Tanzen! Knutschen!) und Getränkeverzehr (Bier! Prosecco! Gin Tonic!) nicht zusammengeht. Von Abstand sollte keine Rede sein. Kapazitätsbeschränkungen sind so seine Sache: unter 50% ist jede Öffnung wie ein Lockdown – außer es werden deutliche Hilfen an die Seite gestellt – bei 75-80% ist zumindest die Hoffnung auf einen eigenwirtschaftlichen Betrieb wieder da.“
Die Ankündigung ist also mal wieder ein zweischneidiges Schwert. Trotzdem stehen die Chancen nicht schlecht, dass Konzerte ab diesem Zeitpunkt wieder fast wie früher möglich sind – natürlich all das nur, wenn die Pandemie sich nicht wieder in eine andere Richtung entwickelt. In weiten Teilen Europas geht der Trend nämlich schon jetzt eher in Richtung „komplette Öffnung“, was zur Folge hat, dass man genau schauen kann, wie sich dich die Lage in anderen, vergleichbaren Ländern entwickelt. Besonders Dänemark zeigt sich dabei besonders risikofreudig und schaffte kürzlich bei einer Inzidenz von fast 5000 alle Schutzmaßnahmen ab. Wenn dieses gerade recht irre wirkende Experiment aufgeht, wird man vielleicht auch in Deutschland mutiger – obwohl man nicht vergessen darf, dass Dänemark eine weitaus höhere Impfquote hat. Auch England wird hierzulande sehr genau beäugt: Dort gibt es schon seit längerem Konzerte und Festivals ohne Beschränkungen.
Die Nachbarländer öffnen sich schneller
So langsam wird das Touren für internationale Acts in Europa also wieder attraktiv. Wenn dann Deutschland eines der wenigen Länder bleibt, in denen man nicht lohnenswert spielen kann, wird das den internationalen Druck erhöhen. Vor allem die großen internationalen Akteure wie Live Nation und CTS Eventim werden darauf drängen, Shows zu ermöglichen. Zwar zeigte sich in der Pandemie, dass die Live- und Eventbranche nicht wirklich eine Lobby hat – ganz im Vergleich zur Karnevals-Fraktion und zum Profi-Fußball – aber hier wurde in den letzten Jahren ein wenig Boden gutgemacht.
In den nächsten Tagen wird die Politik weiterhin darüber diskutieren müssen, wie genau die Regeln aussehen werden und wie man sie verfassungsgemäß festzurren kann. Ein „Corona-Basis-Schutz“ – so der Begriff für diese Maßnahmen, die erhalten werden sollen – muss nämlich erst einmal ausgehandelt werden. Sonst enden tatsächlich alle Maßnahmen am 20. März. Und hier ist sich noch nicht einmal die Ampel-Koalition einig: die FDP hätte am liebsten tatsächlich einen kompletten „Freedom Day“, während Die Grünen und die SPD und viele Ministerpräsiden:innen der CDU-geführten Länder auf den Corona-Basis-Schutz drängen – gerade auch mit Blick auf Herbst und Winter.
Das nächste Bund-Länder-Treffen ist derweil für den 17. März angesetzt – bis dahin müsste es eigentlich schon Gespräche und Entscheidungen geben. Wir halten euch auf dem Laufenden – und sehen uns hoffentlich bald vor einer Bühne.
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