Die Nerven dachten irgendwie, in „Europa“ stirbt man nie
Als Fan von Die Nerven und ihren drei Mitgliedern Kevin Kuhn (Schlagzeug), Julian Knoth (Bass und Gesang) und Max Rieger (Gitarre und Gesang) kann man sich im Grunde ja selten beklagen. Ihr letztes Studioalbum „Fake“ liegt zwar nun schon gut vier Jahre zurück, aber dafür waren die drei Herren anderweitig extrem kreativ.
Max Rieger hat als Produzent eine sehr eigene Handschrift entwickelt und zum Beispiel Caspers Nr.1-Album „Alles war schön und nichts tat weh“ produziert. Außerdem teilt er mit seinem Soloprojekt All diese Gewalt seine abgründigen Gedanken in faszinierenden Songs. Julian Knoth wiederum hat mit der Band Peter Muffin Trio zuletzt das gewitzte Punk-Album „Stuttgart 21“ rausgehauen, das mindestens so gut ist wie sein Titel. Kevin Kuhn wiederum tobt sich bei der Band Scharping aus, die vor kurzem das Album „Charping“ mit Hits wie „Lars Eidinger hat keine Freunde (nur Bekannte)“ und „Alternative zur Umwelt“ veröffentlicht haben.
Aber jetzt geht es endlich mit Die Nerven weiter! Und wenn man die erste Single aus dem für Oktober geplanten Album hört, weiß man dann auf einmal wieder, dass es doch eben was Besonderes ist, wenn die Drei wieder gemeinsam Songs spielen. „Europa“ ist ein wuchtiger, dunkler Brocken von einem Song. Dabei beginnt er als Akustikballade: Zu einer Gitarre singt Max „Eine Kindheit, ein Jugend / Ein Turm aus Elfenbein / Alle sagen immer wieder / So wird’s nie wieder sein / Lernen aus den Fehlern / Lernen aus dem Leid / So wird’s nie wieder sein.“
Aber dann kippt die geisterhafte Lagerfeuer-Stimmung – und zwar nicht mit der musikalischen Brechstange, sondern einfach, in dem Max Gift in die Worte sickern lässt, die er da singt: „Und ich dachte irgendwie / in Europa stirbt man nie.“ Uff. Was für eine Zeile. Nach knapp anderthalb Minuten bricht dann der Lärm los, diese hallenden übergroßen Gitarren, die harten Drums, der sägende Bass – kurz: Dieser gewaltige Die Nerven-Sound, bei dem man sich schon immer fragte, wie man das eigentlich zu dritt hinbekommt. Die zweite Strophe singt dann Julian, er ätzt sie förmlich in den Song.
Die Nerven bleiben dabei wie immer: vage und auf den Punkt. Auch, wenn das irgendwie behämmert klingt, trifft es die Sache nun mal. Ihre Lyrics benennen selten konkrete gesellschaftliche Probleme, die sie umtreiben und inspirieren, aber allein die Kernzeile macht nun mal ein sehr weites Feld auf: Man kann sie mit Blick auf das beschämende EU-Vorgehen im Mittelmehr lesen, man kann sie aktuell mit Blick auf einen Krieg am Rande Europas verstehen, man kann sie mit Blick auf die Pandemie interpretieren, die unsere heile Welt, die in Europa verhältnismäßig viele genießen dürfen, plötzlich in Frage stellte. Und der Song trifft zugleich die Scheinheiligkeit, die Europa prägt: Dieses Betonen moralischer Werte, die dann eben doch geopfert werden, um den eigenen Wohlstand nicht zu gefährden.

„Europa“ ist außerdem die erste Single aus dem neuen für den 7. Oktober 2022 angekündigten Studioalbum von Die Nerven. Es wird keinen Titel, sondern lediglich einen schwarzen Schäferhund vor schwarzem Hintergrund auf dem Cover haben. Die Nerven empfehlen das Album „Die Nerven“ zu nennen, verstehen es aber selbst als ihr „schwarzes Album“. Als Referenzpunkte und Inspiration nennen sie: Rammstein, Godspeed You! Black Emperor und, äh, Wagner. Gerade mit Blick auf die Tatsache, dass Die Nerven die Songs gemeinsam live in den Candy Bomber Studios in Berlin eingespielt haben, darf man gespannt sein, wie das dann so klingen wird. Veröffentlicht wird es, wie schon „Fake“ bei Glitterhouse Records. Heute Abend stellen Die Nerven „Europa“ übrigens live im „ZDF Magazin Royal“ von Jan Böhmermann vor.
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