Dieser eine Song: Ethel Cain – American Teenager
Ethel Cain ist Vollblutmusikerin und unterscheidet sich doch von den allermeisten Künstler:innen. Statt in die großen Musik-Metropolen, zieht es die Südstaatlerin in die Abgeschiedenheit, in der sie in Ruhe an ihrem Genre-Mix zwischen Dream Pop und Shoegaze tüfteln kann. Auf „American Teenager“ prangert die Musikerin all die Erwartungen an amerikanische Teenager an und schuf damit eine atmosphärische Pop-Hymne.
Hayden Silas Anhedönia, wie Ethel Cain mit bürgerlichem Namen heißt, wuchs in einer streng gläubigen Gemeinde auf. Als queerer Mensch musste sie sich ihr Leben lang bereits mit Anfeindungen und Gewalt auseinandersetzen und fühlt sich trotzdem in Teilen den amerikanischen Idealen hingezogen. Dieses Zusammenspiel zwischen eigentlicher Abneigungen gegenüber gesellschaftlichen Gepflogenheiten und dem Leben als queere Person in einer Umwelt geprägt von amerikanischen Idealvorstellungen schafft auf „American Teenager“ ein zynisches Abbild des amerikanischen Traums.
Ethel Cain – American Teenager
Musikalisch probierte sich Ethel Cain in alle Richtungen aus, der Hang zu düsteren Klängen stammt dabei wohl oder übel aus ihrer Liebe zu Horrorfilmen. Mit 20 outete sich Hayden Silas Anhedönia als transgender und veröffentlichte ihre Musik fortan unter dem Namen Ethel Cain. Auf ihrem Debütalbum „Preachers Daughter“ erzählt sie stückweise die Geschichte hinter ihrer Kunstfigur weiter, so auch auf ihrer bekanntesten Singleauskopplung „American Teenager“.
“American Teenager” leitet das Album ein und gibt einen Vorgeschmack auf das, was folgt: entrechtete Jugend, hartes Leben und fehlgeleitete Ideale. Das alles im Southern-Gothic-Gewand, Cain wird nicht ohne Grund auch gern als Gothic-Version von Lana Del Rey gehandelt. So singt sie auf „American Teenager“ unter anderem: „The neighbor’s brother came home in a box / But he wanted to go, so maybe it was his fault / Another red heart taken by the American Dream”.
Ethel Cain – Preacher’s Daughter
Kaum ein Song beschreibt sowohl das musikalische Schaffen als auch die Geschichte hinter der Künstlerin so gut wie „American Teenager“. Wenn sie eine Bibel oder die US-Amerikanische Nationalflagge sieht, denkt sie an all die Dinge, die ihr als queere Person in den Südstaaten widerfahren sind. Menschen interpretieren „American Teenager“ allerdings teilweise als patriotische Hymne, wo Cain entschieden widersprechen muss.
Ethal Cains Musik ist mal sehr düster und dafür aber auch im selben Augenblick wieder der perfekte Radio-Pop. „Preacher’s Daughter“ ist daher eine Wundertüte, die so einige Überraschungen bereithält und ein kaum stärkeres Debüt sein könnte.
Hier geht’s zu unserer Playlist zu „Dieser eine Song“:
Das neue DIFFUS Print-Magazin
Titelstory: SSIO
Außerdem im Heft: Interviews mit badmómzjay, t-low, Magda, Paula Engels, fcukers, Betterov uvm. Außerdem große Reportagen über Kneipenkultur, Queer Rage und Essays!