Dieser eine Song: Julien Baker – Appointments
Aufgewachsen in den Südstaaten der USA waren Homophobie, extremer Glauben und Medikamentenmissbrauch Alltag für Julien Baker. Dieser Nährboden sorgte wohl wie kaum etwas anderes dafür, dass bereits auf den ersten Bandcamp-Veröffentlichungen der Musikerin ihre inneren Kämpfe und Dämonen mitschwangen. Ihre Musik fand Anklang, das Outing vor den Eltern gab ihr neue Kraft und Baker fand ihren ganz eigenen Zugang zum Glauben.
Auf „Sprained Ankle“ folgt „Turn Out the Lights“
Nachdem ihr Debüt-Album „Sprained Ankle“ 2016 erschien und von Kritiker:innen hochgelobt wurde, machte sich Baker bereits ans Nachfolgewerk „Turn Out the Lights“. Mit „Appointments“ veröffentlichte sie 2017 die erste Single-Auskopplung zu ihrer zweiten LP und gab erneut tiefe Einblicke in ihre Psyche.
„Appointments“ beschreibt das Scheitern einer Beziehung aufgrund von psychischen Problemen und Drogenabhängigkeit. Bereits in früheren Veröffentlichungen behandelte die Musikerin diese Thematiken und ihren eigenen Kampf mit eben jenen. Dabei wirkt ihre Stimme jedoch stärker als zuvor, als würde sie im Tonstudio direkt vor einer Gruppe Gleichgesinnter singen und die gemeinsamen Gefühlswelten zum Ausdruck bringen.
Begleitet von Klavier und hallenden Gitarren singt Baker auf „Appointments“ von einer Beziehung mit unzähligen Rissen: „Don’t argue/It’s not worth the effort to lie“. Getrieben von Einsamkeit heißt es weiter:„Maybe the emptiness is just a lesson in canvasses“. Im Refrain geht es dann richtig zur Sache: „Maybe it’s all gonna turn out all right / And I know that it’s not / But I have to believe that it is“. Das Instrumental fällt plötzlich weg und Baker wiederholt die letzte Zeile immer wieder, was „Appointments“ einen gewissen Hymnen-Charakter verleiht.
Julien Baker steht mit ihrem Schaffen nicht allein dar. Gemeinsam mit den Musikerinnen Phoebe Bridgers und Lucy Dacus tauschte sie sich frühzeitig über Vertragsverhandlungen in einer männer-dominierten Szene aus. Die drei Musikerinnen spielten auch in den jeweiligen Vorprogrammen der anderen und so liegt es nicht fern, dass auch an gemeinsamer Musik gearbeitet wurde und so die Supergroup Boygenius entstand. 2018 veröffentlichten die drei Musikerinnen ihre erste selbstbetitelte EP und erst vor wenigen Tagen erschienenen die ersten drei Songs des für den 31. März angekündigte Debütalbum „the record“.
Boygenius – the record
Baker selbst veröffentlichte 2021 mit „Little Oblivions“ ihr drittes Studioalbum. Die junge Künstlerin ist zwar bereits seit Jahren in aller Munde, doch füllt sie (auch mit ihren Kolleginnen Phoebe Bridgers und Lucy Dacus) eine so große Lücke in der männer-dominierten Indie-Szene, dass sie noch immer eine frische und spannende Abwechslung darstellt.
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