Dieser eine Song: SOPHIE – Faceshopping
2013, lange bevor der Begriff Hyperpop in Umlauf gerät oder gar zum Trend wird, gründet der Londoner Musiker A. G. Cook das Label und Kollektiv PC Music. Von ersten Releases auf Soundcloud avanciert PC Music schnell zu einem Wegweiser in Richtung Zukunft, ein Schmelztiegel der Kreativität mit einer bunt gemischten Aufstellung an Künstler:innen, die hier ihre Musik veröffentlichen. SOPHIE war davon nie ein fester Bestandteil, aber stets eine gute Freundin und Kollaborateurin des Hauses. Schon 2013, im Gründungsjahr von PC Music, zeigte die schottische Musikerin mit bahnbrechenden Songs wie „Bipp“ auf, wie Pop-Musik in Zukunft dekonstruiert werden könnte.
Diese Mission verfolgt sie in den folgenden Jahren weiter, mit eigenen Releases oder als Produzentin für Größen wie Charli XCX, deren Sound sie entscheidend prägt. SOPHIEs Einflüsse sind vielfältig und grenzenlos: Eurodance und Trance, J-Pop und K-Pop, Hip-Hop und Trap, Surrealismus und Avantgarde. Diesen eigenen Soundentwurf hat SOPHIE 2018 auf „Oil Of Every Pearl’s Un-Insides“ perfektioniert, dem ersten und einzigen Album, das sie bis zu ihrem frühzeitigen Ableben im Januar 2021 veröffentlicht hat. Der Song „Faceshopping“ ist dabei vielleicht so etwas wie das Herzstück dieser Platte und beinahe ein Manifest für die Anfänge von dem, was wir heute als Hyperpop bezeichnen.
„I’m real when I shop my face“
„Faceshopping“ ist ein Kommentar zu Schönheit, Konsum und operativen Anpassungen – aber nicht mit dem Fazit, das viele vielleicht erwarten würden. „I’m real when I shop my face“, diese Zeile steht im Zentrum des Songs und bleibt bestehen, während SOPHIE darum Drums und Synthesizer gewaltsam verbiegt und manchmal auch bricht. Schönheits-Operationen an Musiker:innen, Schauspieler:innen oder sonstigen Personen, die in der Öffentlichkeit stehen, werden bekanntlich nur allzu gerne kommentiert, kritisiert oder verspottet. Was weitläufig oft als „Fake“ angesehen wird, macht SOPHIE nun zum Ausdruck von Realness und Selbstverwirklichung. „My face is the real shop front“, flüstert Gast-Vocalist Cecile Believe und macht so die eigene Schönheit zu etwas, das man nach Belieben gestalten kann.
Auch das Musikvideo spielt mit dieser Idee. SOPHIEs Gesicht wird gestaucht, gestreckt, wie ein Luftballon aufgeblasen oder in säuberliche Scheiben geschnitten. Das ist insofern eine Besonderheit, weil SOPHIE ihre Identität zuvor lange weitestgehend geheim hielt und erst 2017 in einem Interview ihr öffentliches Coming-Out als Transperson hatte. „Faceshopping“ ist dementsprechend ein echtes Statement: Ganz oder gar nicht, und SOPHIE hat sich mit diesem Song ziemlich klar für „ganz“ entschieden.
Ein definierender Moment für Hyperpop
Über diese persönliche Signifikanz hinaus hat „Faceshopping“ auch eine wichtige Bedeutung für die Hyperpop-Szene, die sich 2018 gerade erst langsam formiert. Dank SOPHIE ist von Anfang klar: Hyperpop ist divers, fluid, wandelbar. Während viele andere Genres noch heute die misogynen Klischees und diskriminierenden Vorurteile ihrer Anfänge mit sich herum tragen, ist Hyperpop von Beginn an ein Safe Space für viele Artists aus der queeren Community oder anderen marginalisierten Gruppen.
Und auch musikalisch hat SOPHIE hier natürlich Pionierarbeit geleistet. Kaum hörbar ist folgende Zeile in der Strophe vergraben: „Synthesize the real“. Am Ende sind es immer echte menschliche Emotionen, die sich hinter all den glitzernden Synths, gepitchten Stimmen und explosiven Beats verstecken. Damit stellt „Faceshopping“ einen definierenden Moment für die junge Hyperpop-Szene dar und liefert grundsätzliche Ideen und Werte, die das Genre noch heute bestimmen.
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