Dieser eine Song: Tom Odell – Another Love
Könnt ihr euch noch an den Soundtrack eurer ersten Liebe erinnern? Das Gefühl, wenn ein Lied läuft und man direkt wieder in dem Moment ist, in dem man das Lied auf Dauerschleife gehört hat. „Another Love“ von Tom Odell gehört für mich in diesen Soundtrack. Es ist dieser eine Song, der eine 16-jährige durch all ihre Emotionen der ersten großen Liebe begleiten kann. Er läuft beim Verlieben im Frühling, beim ersten Kuss an einem warmen Augusttag und beim großen Gefühlsdurcheinander im Dezember.
Das ist kein Zufall, denn der Song lässt einen fühlen. Er bietet Raum für viele starke Gefühle: Leidenschaft, Liebe, Wut, Verzweiflung und Trotz. Tom Odell startet leise, mit einem Riff auf dem Klavier, das den charakteristischen Sound des Songs prägt. Fast schon schüchtern singt er „I brought you daffodils in a pretty string / but they won’t flower like they did last spring”. Er beschreibt die Sehnsucht nach einer Liebe, die er sich so sehr wünscht, aber einfach nicht fühlen kann.
Das Riff ist der Startpunkt, mit dem der 19-jährige Tom anfängt das Lied zu schreiben. Immer wieder spielt er es auf seinem alten Klavier, bis irgendwann Text dazukommt. Für die Aufnahme in London lässt er dieses Klavier sogar ins Studio bringen. Es hat einen speziellen Klang, den er angeblich nirgendwo anders finden kann. Und es stimmt: das Klavier ist so einprägsam, dass ich den Song inzwischen nach dem ersten Ton erkenne.
Von Leise zu Laut
Aus leisen Tönen, Sehnsucht und Trauer wird irgendwann Verzweiflung und Wut. Nach dem ersten Chorus setzt ein Chor aus Toms Gesang ein, der dem Ganzen eine Dringlichkeit gibt. Zum Klavier kommen Schlagzeug und Gitarre, seine Stimme wird lauter, alles wird schneller, die Emotionen spitzen sich zu. „And I wanna cry, I wanna learn to love, but all my tears have been used up”. Egal wie sehr er versucht zu lieben und zu fühlen, seine Tränen sind aufgebraucht. Übrig bleibt jemand, der trotzig und wütend ist und darüber verzweifelt. Wut, Trotz und Verzweiflung, als Teenager kennt man diese Gefühle gut. Der innere Kampf übersetzt sich durch die vielen Harmonien in Musik.
„Another Love“ wird zum Protest-Song
2012 erscheint der Song auf seiner EP „Songs from Another Love“ und 2013 nochmal auf seinem Debüt Album „Long Way Down“. Er ist damals europaweit in den Charts. Dass die Dringlichkeit und Emotionen nicht nur von mir mitten in meinem Beziehungsdrama gefühlt wird, zeigt sich auch nochmal 9 Jahre nach der Veröffentlichung in einem ganz anderen Kontext. Nach dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine wird „Another Love“ zu einem Symbol für Hoffnung und Widerstand. Auf den sozialen Medien sehe ich viele Videos mit dem Sound, die die Stärke und Schönheit der Ukraine zeigen. Die Menschen zeigen sich kämpferisch und optimistisch, stehen auf Panzern und schwenken Fahnen.
Im Frühling 2023 wird der Song wieder zum Zeichen der Solidarität. Dieses Mal mit den Protesten im Iran. Menschengruppen singen den Song und Frauen schneiden sich zu den Zeilen die Haare ab. „And if somebody hurts you, I wanna fight / but my hands been broken one too many times. / So I’ll use my voice I’ll be so fucking rude / words they always win, but I know I’ll lose.” Der Song spiegelt die Wut und Ohnmacht wider, die Menschen weltweit empfinden. Inzwischen hat das Lied auch für Tom eine ganz neue Bedeutung. In einem Interview sagt er, dass er damit nicht mehr nur Trotz, sondern auch Hoffnung und Stärke verbindet.
Ob in der Revolution, im Krieg oder für eine 16-jährige mit Selbstmitleid, das Lied gibt Menschen in den unterschiedlichsten Situationen Halt. Er gibt Gefühlen einen Raum, auch wenn die auf den ersten Blick gar nichts mit dem Songtext zu tun haben. Das gelingt nicht häufig und ich glaube, das ist der Grund, warum „Another Love“ vermutlich nie komplett verschwinden wird.
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