Disarstar hat euch nie in seinem Viertel gesehen
Schon auf seinem letzten Album „Klassenkampf und Kitsch“ setzte sich Disarstar zunehmend konkreter mit gesellschaftlichen Problemen auseinander und wie es scheint, macht er auch dieses Jahr keinen Halt vor der Oberschicht. Mit „Nachbarschaft“ veröffentlicht er – nach „Sick“ mit dem Hamburger Newcomer Dazzit und „Trauma“ mit Nura – seine nunmehr vierte Single aus seinem neuen Album „Deutscher Oktober“, welches am 12. März dieses Jahres erscheint.
Spätestens seit „Nachbarschaft“ sollte auch klar geworden sein, dass der „Kitsch“, welcher dem Klassenkampf im Titel seines letzten Albums noch gegenüberstand, endgültig verflogen ist, denn alle vier Single-Releases triefen vor ungeschönter Sozialkritik aus der Unterschicht. So erzählt Disarstar in „Nachbarschaft“ vom Überleben in seinem Heimatkiez St. Pauli und schießt unverblümt gegen die auflagenstärkste Tageszeitung und die unbekümmerte Oberschicht, die sich höchstens oberflächlich mit dem – für sie – abstrakten Problem der sozialen Ungerechtigkeit auseinandersetzt. Die realen und schrecklichen Auswirkungen auf die unzähligen Lebensrealitäten von betroffenen Menschen beschreibt Disarstar dabei genau so treffend wie die tiefe Resignation, die in vielen Köpfen steckt: „Diese Welt ist nicht ’n bisschen Scheiße, ich bin nicht ’n bisschen radikal und irgendwelche FDPler in ihrem Sommerhaus mit ihrem ‚Du bist deines Glückes Schmied‘ können sich ficken. Weil die waren nie in meiner Straße, haben noch nie irgendwas von diesem Leben hier gesehen und sitzen in irgendwelchen Talkshows und Parlamenten und sabbeln von Gerechtigkeit. Was wisst ihr von unserem Leben, Digga?“, poltert der Hamburger Rapper zwischen seinem zweiten Verse und der letzten Hook und fasst somit nochmal zusammen, was in Reimform eventuell auf der Strecke geblieben ist. Ein aggressiver Song, der besonders im Wahljahr 2021 für ein dezidierteres politisches Bewusstsein in den sozialen Brennpunkten Deutschlands sorgen könnte.
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