DJ Heartstring: Teenage Dreams auf 150BPM
Im letzten Jahr deutete es sich mit den jeweiligen Hits von Künstler:innen wie Domiziana, Ski Aggu und Southstar bereits an: Melodiöser Techno-Sound ist en vogue wie schon lange nicht mehr. 2023 scheint dieses Phänomen nur noch weiter anzuwachsen. Jeder zweite Deutschrap-Song setzt auf Four-To-The-Floor statt Trap, TikTok quillt förmlich über von Clips mit dem Hashtag „#ravetok“, gleichzeitig übernehmen DJs wie Marlon Hoffstadt, Funk Tribu und Chippy Nonstop das Line-Up von ausgecheckten Festivals wie dem Melt.
Teil dieser neuen Begeisterung für Trance-Beats sind auch DJ Heartstring. „Sind“, weil sich hinter diesem Namen überraschenderweise nicht nur ein einzelner Musiker, sondern zwei Freunde aus Berlin verstecken. Viel mehr als ihre Gesichter und ihren Wohnort weiß man nicht über Jonas Hellberg und Leonard Brede, wie die beiden Produzenten und DJs eigentlich heißen. Trotzdem wissen sie sich bestens zu inszenieren, wie das aktuelle Musikvideo zu „I’ve Been Meaning To Tell You“ unter Beweis stellt.
Keine Angst vor Kitsch
Aber der Reihe nach: Die ersten Releases unter dem Namen DJ Heartstring gehen zurück auf das Jahr 2021. Damals veröffentlicht das Duo in Form der „Sensual Hits“ in kurzem Abstand vier Mini-EPs und definiert so schon früh einen Signature Sound, der bis heute besteht. Clubbige Cowbells, galoppierende Trance-Bässe und Synthie-Melodien, die glitzern wie eine Discokugel. Dazu Samples aus Hits von Rihanna oder Destinys Child, denn: DJ Heartstring haben keine Berührungsängste was Pop und Kitsch angeht, ganz im Gegenteil. Die beiden Producer erschaffen Ohrwürmer und transportieren sie auf die Tanzfläche.
Parallel veröffentlichen DJ Heartstring mit „Destiny Of The Moment“ und „Eternal Euphoria“ via Lobster Theremin erste Songs auf den offiziellen Streaming-Plattformen. Diese ersten EPs ziehen schon einige Aufmerksamkeit auf sich, aber so richtig nimmt die Sache dann erst im folgenden Jahr an Fahrt auf. Gemeinsam mit den Gleichgesinnten Narciss und Julian Muller veröffentlichen DJ Heartstring einige Tracks über das eigenes gegründete Label Eurodance Inc. – und der Name ist Programm. Stücke wie „Will You Remember Me When I’m Gone?“ oder „Can’t Stop The Night“ beschwören die sorglose Euphorie der 90er wieder herauf und werden zu waschechten Hits, auf Soundcloud und an den DJ-Decks.
Zeitgeistiger Rave-Rap
Im Jahr 2022 wagen DJ Heartstring dann einen ungewöhnlichen Schritt und treffen damit direkt ins Schwarze. Die beiden Producer tun sich mit den Deutschrap-Newcomern Teleshop zusammen und veröffentlichen gemeinsam die EP „Gift“. Vier Songs, die die goldene Mitte aus modernem Hip-Hop und verschiedenen Spielarten der elektronischen Tanzmusik wie Trance, House und Breakbeat abbilden. Insbesondere der Titelsong „Gift“ tritt die würdige Nachfolge zu Pashanims „Airwaves“ an, nur eben noch reduzierter, noch tanzbarer, mit wenigen Textfetzen, die hypnotisch wiederholt werden. Zu diesem Zeitpunkt sind sowohl DJ Heartstring als auch Teleshop mehr Mysterium als etablierte Namen, trotzdem sind die Algorithmen der Kombi wohl gesonnen und „Gift“ findet seinen Weg in die Sommer-Playlists.
Longus Mongus und Domiziana sind Fans
Dieser Vorstoß in den Rap- und Pop-Kosmos war kein Zufall und erst recht keine einmalige Sache. Kein Wunder, denn Hip-Hop und Rave-Sound schließen sich schon längst nicht mehr aus, sondern begleiten die Hörer:innen der Gen Z oft gleichermaßen durch den Tag und vor allem die darauf folgende Nacht. Begeisterter Advokat für die Fusion dieser beiden Welten ist auch BHZ-Rapper Longus Mongus, der ja bereits in der Vergangenheit gerne mal auf treibende Four-To-The-Floor-Beats gehoppt ist. Im Februar hat er sein neuestes Solo-Album „Endlich Wieder Sommer“ veröffentlicht und kollaboriert dafür unter anderem mit DJ Heartstring. Das Duo liefert den verträumten Trance-Beat für seine Single „Omnipräsent“, die mit spacy Animationsvideo im 2000er-Style erscheint.
Und die nächste Zusammenarbeit steht bereits in den Startlöchern: Diesmal mit Domiziana. Die gefragte Newcomerin hat vor kurzem ein kurzes Snippet mit der Caption „Heartziana“ geteilt und zeigt damit, dass auch sie die Produktion von DJ Heartstring zu schätzen weiß.
Teenage Dreams im Y2K-Look
Obwohl sie im Mainstream zunehmend gefragt sind, vergessen DJ Heartstring ihre Wurzeln auf dem Dancefloor nicht. Unter dem treffenden Namen „Teenage Dreams“ veranstalten die beiden DJ ihre eigene, beliebte Partyreihe, bei der neben den Hosts weitere befreundete Szenegrößen wie Funk Tribu, Marlon Hoffstadt oder Ferrari Rot an den Turntables stehen.
Auf den Titel „Teenage Dreams“ hört außerdem auch das eigene Label sowie die neueste EP von DJ Heartstring, die das Duo vor zwei Wochen veröffentlicht hat. Damit breiten sie ihren nostalgischen Sound weiter aus und beweisen außerdem ein Händchen in Sachen Ästhetik und Marketing. „Teenage Dreams“ kommt gänzlich ohne Vocals oder Featuregäste aus, trotzdem vermarkten DJ Heartstring die EP beinahe wie ein Pop-Projekt, mit mehreren Singles und einem konsequenten Design für die Cover und Videos. Dabei sind die beiden mit ihrem Y2K-Look ein weiteres Mal am Zahn der Zeit: Schnelle Brillen, Klapphandys, Selbstironie und knallige Farben statt bitterböses Berghain-Schwarz.
DJ Heartstring machen gerade vieles verdammt richtig. Ihr sorgloser Eurotrance-Sound versprüht Euphorie auf den Dancefloors der Clubs und Festivals, funktioniert aber auch in Kopfhörern bei der täglichen Fahrt mit der U-Bahn. Der Berliner Rap-Untergrund interessiert sich für das Duo, trotzdem sind DJ Heartstring mit ihrer eigenen Veranstaltungsreihe „Teenage Dreams“ und Auftritten bei beliebten Formaten wie HÖR Berlin auch in der Rave-Szene weiterhin präsent. Ob sich die beiden Freunde in Zukunft für eine dieser beiden Welten entscheiden müssen oder wollen, werden die nächsten Monate zeigen – aber bisher meistern sie diesen Spagat ziemlich gut.
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