Drittes Album in einem Jahr: Haiyti auf ihrem „Speed Date“
Es ist längst kein Geheimnis mehr, dass Haiyti einen gigantischen Output an Musik hat. Seit 2015 hat die Rapperin aus Hamburg bereits ganze sechs Alben und diverse EPs und Mixtapes veröffentlicht. Und es scheint, als würde sich Haiyti von Jahr zu Jahr nur noch mehr in ihrem Workflow steigern. Bereits 2020 hat sie uns in Form von „Sui Sui“ und „Influencer“ mit gleich zwei Alben beglückt. Und dieses Jahr geht es in der selben Manier weiter: Heute, nur sieben Monate nach dem Vorgänger „Mieses Leben“, hat Haiyti ihr neues Album „Speed Date“ veröffentlicht.
Shirin David wird mit Sicherheit mehr gehört, Badmómzjay ist bei der jüngeren Generation beliebter – aber Haiyti ist und bleibt Deutschraps Königin der Herzen. Nur wenige Rapperinnen bleiben so konsequent und hartnäckig am Ball wie sie und tänzeln dabei so gekonnt zwischen Pop-Tendenzen und absolutem Untergrund-Sound. Spätestens seit 2016 mischt Haiyti im Deutschrap-Kosmos mit und sorgte erstmals im Umfeld des Kitschkrieg-Kollektivs für Aufmerksamkeit. Gemeinsam entstand die „Toxic“-EP und Songs wie „120 Jahre“ mit Trettmann wurden zu ernstzunehmenden Szene-Hits. Im Lauf der Jahre wechselt die Rapperin aus St. Pauli ihre Styles und Kollaborateur:innen wie Outfits: Mixtapes wie „Nightliner“ und „City Tarif“ sind heute deutsche Trap-Klassiker, während sich Haiyti mit Alben wie „Montenegro Zero“ und „Perroquet“ gleichzeitig immer wieder auch ins Feuilleton mogelt.
Dabei zeichnet sich die Wahlberlinerin mit einem unermüdlichen Schaffensdrang aus und macht auch in den letzten Jahren keine Anstalten, einen Gang zurück zu schalten. Dieses Jahr hat sie mit „Mieses Leben“ bereits ihr Pendant zu „Von der Skyline zum Bordstein zurück“ veröffentlicht. Unten, am Bordstein, angekommen, geht es nahtlos weiter: Gestern hat Haiyti mit „Speed Date“ ihr zweites Album im Jahr 2021 veröffentlicht, ein hyperaktiver Trip mit 25 Anspielstationen.
Haiyti – Hyperspeed
Trotz dieser beachtlichen Tracklist ist „Speed Date“, passend zum Namen, ein sehr schnelles Album. Songs, Genres und Feature-Gäste fliegen nur so vorbei. Im Auge des Sturms: Haiyti. „Speed Date“ ist ein impulsives Chaos, das nur von seiner Protagonistin zusammen gehalten wird. Der große Überbegriff für diese Musik ist wahrscheinlich Trap, dazwischen mischen sich aber sogar für Haiyti-Verhältnisse viele Ausflüge in andere Stilrichtungen: „Jil Sander“ ist eine Abstraktion des zeitgenössischen Drill-Sounds, „Merlot (Wo bist du)“ mischt schamlos Emo-Trap mit Dancehall-Rhythmen und „Goldschmuck“ kommt ganz casual mit Robin Schulz-Sample um die Ecke.
Haiyti feat. Kaisa Natron – Jil Sander
Was „Speed Date“ wohl am meisten dominiert sind die Einflüsse aus dem Hyperpop, die in vielen Songs durchblitzen: Der Opener „Boo“ schmettert uns metallische Sounds und übersteuerte Bässe um die Ohren. „Niemandsland“ zerfetzt Haiytis Stimme in tausend digitale Fetzen und „Philip Plein“ lässt glitzernde Arpeggios à la Bladee aufsteigen. Gerade diese flimmernden, hektischen Arpeggios ziehen sich durch Album und klingen wie das Gegenstück zum Albumtitel „Speed Date“.
Haiyti – Niemandsland
Was Feature-Gäste angeht bleibt Haiyti zu großen Teilen in ihrem engeren Kreis: Untergrund-Rapper wie Sly Alone, Kaisa Natron und Dr. Sterben steuern Gast-Beiträge zum Album bei. Darüber hinaus konnte Haiyti aber auch Skoob102, Deutschtrap-Pate Moneyboy und den britischen Newcomer Kid Trash für „Speed Date“ gewinnen.
Hand aufs Herz: „Speed Date“ ist nicht das Album des Jahrhunderts und auch nicht Haiytis bestes Album. Dafür macht es seinem Namen alle Ehre und führt uns in einem bunten Rausch durch all die schrillen Facetten der Rapperin. Obwohl die Tracklist auf den ersten Blick überladen scheint, vergeht die klangliche Reise mit Haiyti wie im Flug. Die meisten der 25 Songs bleiben in ihrer Länge unter der drei-Minuten-Marke und enden, bevor sich die Idee dahinter erschöpft. „Speed Date“ ist Haiytis Beitrag zu einem hyperaktiven Zeitgeist. Ein Album, das nicht dazu einlädt am Stück gehört zu werden, sondern stattdessen ein paar Highlights für die eigene Playlist auszusortieren – wenn es davon nicht so verdammt viele gäbe…
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