Empfehlung des Tages: Ber – Slutphase
Mit Ber ist nicht der Berliner Flughafen gemeint, sondern dahinter verbirgt sich die aus Minnesota stammende Berit Dybing. Die junge Singer-Songwriterin studierte Popmusik in England, bevor sie, zurück in ihrer Heimat, im Keller ihres Onkels begann, an der eigenen Musik zu arbeiten. Eine Debüt-EP und eine Tour mit Sigrid später sind die Songs aus dem Keller mittlerweile in aller Munde – oder naja, eigentlich eher Ohren – gewandert. Ihr Indie-Pop ist nicht scheu, Einflüsse aus Rock oder Folk zu verbinden, darüber hagelt es emotionale Texte. Auf ihrer zweiten EP und insbesondere dem Highlight-Track „Slutphase“ setzt sie dieses Erfolgsrezept fort.
In „Slutphase“ setzt sie sich mit dem Verarbeiten einer Trennung auseinander. Und wie bewerkstelligt Ber das? Mit ganz vielen Dates. Sie muss sich aber eingestehen: Vielleicht ist das auch nur eine Ablenkung. Die Frage ist also: „Is it a slutphase or is it a bandaid?“ Denn sie weiß eigentlich, dass sie sich dabei verstellt und sich selbst immer weniger erkennt. In der Essenz geht es schließlich darum, sich darzustellen, als wäre man schon längst über etwas hinweg, obwohl man das eigentlich noch gar nicht ist. Aber Ber redet sich ein: „Everybody needs a slut phase while they’re young and hot“.
Kontraste und Kuchen
Die musikalische Umsetzung passt dabei sehr gut zum Thema. Denn der Song klingt so fröhlich und aufgedreht, dass es einen starken Kontrast zur eigentlichen, unterliegenden Unsicherheit im Text bildet und so dieses Sich-Verstellen perfekt darstellt. Also so zuckrig und süß, wie die Kuchen, die sie im Musikvideo tanzend in ihrer Küche backt – die aber letzten Endes auch wütend von ihr zerstört werden. Bers rockige Tendenzen gehen hier in die Richtung von 2000er-Pop-Punk-Vibes à la Avril Lavigne, inklusive zurückhaltender Strophen und lauter Refrains.
Die neue EP „Halfway“
„Slutphase“ hat einige Facetten, die sich auch in anderen Tracks der neuen EP „Halfway“ widerspiegeln: Zum einen ist da der frische Sound zwischen Indie-Pop und Rock, zum anderen die Themen: Autobiografische Geschichten und Selbstbeobachtungen inmitten einer Trennung. „Ich schrieb diese 6-Song-EP darüber, nicht über einen Jungen hinweg zu kommen, der mich geghostet hat. Die Songs entspringen alle diesem lustigen und unbequemen Ort zwischen Herzschmerz und Glück und zeichnen ein Bild davon, wie ich mich fühlte, als ich endlich das Gefühl hatte, meine Trennung halbwegs überstanden zu haben“, erzählt Ber. Eben wie auf dem Cover dargestellt, mit dem Kopf über der Kloschüssel, aber noch erhobenem Mittelfinger: Während des absoluten Tiefpunkts immer noch eine Trotzhaltung und dadurch ein Hauch von Optimismus, das fasst auch „Slutphase“ ganz gut zusammen.
Ber – exklusive Deutschland-Show – präsentiert von DIFFUS:
22.05.23 Berlin, Prachtwerk
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