Empfehlung des Tages: Paula Carolina – Schreien
Paula Carolina veröffentlicht erst seit 2021 Musik, trotzdem sind wir uns sicher: Da braut sich was zusammen! Nachdem ihre Debüt-EP „Aus der Blüte des Lebens“ noch nach progressivem, akustischem Indie-Pop-Rock klang, vollzog die Newcomerin mit ihrer letzten Single „Trophäe“ eine ziemliche Kehrtwende hin zu noch treibenderen Sounds. Diese Weiterentwicklung wird nun mit „Schreien“ fortgesetzt: Ein aufgedrehter Song über die aufgedrehte Hauptstadt nach Vorbild von aufgedrehten NDW-Bands wie Ideal, irgendwo zwischen den 80ern und 2023.
NDW ist (wieder) angesagt
Treuen DIFFUS-Leser:innen müssen wir das eigentlich gar nicht erklären, aber: Die Neue Neue Deutsche Welle ist, angestoßen von Szene-Liebling Edwin Rosen, ist in aller Munde und rollt mit hoher Geschwindigkeit in Richtung Mainstream. En vogue sind dabei insbesondere finstere Post-Punk-Basslines und schimmernde Synthesizer-Melodien aus der New Wave. Die schrille Seite der NDW wird dagegen ein wenig vernachlässigt. Aber auch diese Facette ist langsam am Kommen, das beweisen aktuelle Songs von Carlo Karacho, Salò und seit neuestem auch Paula Carolina.
Schon ihre letzte Single „Trophäe“ kündigte lautstark an, dass der ruhige Indie-Pop ihrer Debüt-EP „Aus der Blüte des Lebens“ fürs Erste passé ist: „Nein, nein, ich werd’ nicht deine Trophäe sein, häng’ doch die ander’n an deine Wand ran“, singt die Newcomerin hier umgeben von tosendem Bandsound. Die Single erschien im vergangenen September und erfreut sich seither großer Beliebtheit in der deutschen Indie-Szene, auf weitere Releases wartete man allerdings vorerst vergeblich. Stattdessen sammelt Paula Carolina erste Live-Erfahrungen, tourt mit Fewjar, Kaffkiez und Tigermilch und feilt an ihrem neuen Sound, bis er auch wirklich fertig und vorzeigbar ist.
Schreien in Berlin
Nun ist die neue Single „Schreien“ endlich da und das Adjektiv „vorzeigbar“ ist hier noch völlig untertrieben. „Schreien“ hat nichts von der morbiden Lethargie vieler NNDW-Acts, sondern dreht die Boxen auf Anschlag. Krachende Chorus-Gitarren, Synth-Verzierungen an jeder Ecke, ein Drum-Beat der nach vorne geht und Paula mittendrin. Das Thema? Berlin! Schon der erste Shot im Musikvideo zeigt die Newcomerin in den ikonischen gelben U-Bahnen der Hauptstadt, kurz danach vor dem nicht weniger ikonischen Berghain und den immerwachen, hell erleuchteten Kühlregalen der Spätis.
Textlich witzelt Paula Carolina charmant über die Metropole und ihre Leute. „Was machst du? Ich mache Webdesign“, heißt es da oder „Mama, Mama, der Mann da vorne trägt ein Kleid“, Gesprächsfetzen, die so oder so ähnlich alltäglich im bunten Wirrwarr zwischen Gedränge am Bahnsteig und Matcha-Latte im Szene-Café fallen gelassen werden. Damit wirkt der Song beinahe so, als hätte Paula Carolina dem 1980 erschienenen „Berlin“ von Ideal einen neuen Anstrich gegeben. Und wenn man sich das so anhört, klingt es, als wäre die Hauptstadt auch 2023 noch laut, bunt und aufregend – genau wie die Musik von Paula Carolina.
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