Empfehlung des Tages: Twin Tooth – Sister Moon Beams
„Avantgarde“ ist ein großer und mächtiger Begriff, der manchmal sperrig und abschreckend scheint und trotzdem oft leichtfertig um sich geworfen wird. Das Avantgarde auch intuitiv und organisch sein kann, das beweist „Cusp“, das frisch erschienene Debütalbum von Twin Tooth. „Cusp“ ist ein Ergebnis der Pandemie, geschrieben, aufgenommen und produziert von zwei Menschen, die sich erst am Ende dieser Entstehungsphase von Angesicht zu Angesicht sehen konnten.
Twin Tooth macht aus zwei Welten eine
Diese beiden Menschen sind die Sängerin und Künstlerin Anna Kohlweis und der Multiinstrumentalist Jan Preißler – oder gemeinsam einfach Twin Tooth. Kohlweiss lebt und arbeitet in Wien, macht dort Kunst in Form von Musik, Videos, Fotos, Malereien und Illustrationen. Als Squalloscope oder Paper Bird hat sie in den vergangenen Jahren immer wieder abstrakte Singer-Songwriter-Stücke veröffentlicht.
Preißler dagegen stammt zwar auch aus Wien, lebt inzwischen aber in Berlin. Sein musikalischer Hintergrund ist ein gänzlich anderer: Er war bereits in den Projekten Waelder und Vögel die Erde essen aktiv sowie unlängst mit seinem Solo-Projekte Dino Paris & der Chor der Finsternis und hat so schon alles zwischen Dubstep, Electronica, Noise und Pop gemacht. In Form von Twin Tooth und „Cusp“ kollidieren diese beiden Welten nun auf einem Album, das gänzlich über die Distanz entstanden ist und trotzdem irgendwie intim und lebendig scheint.
Musik, die atmet
Davon zeugten schon die Singles im Vorab, die sich alle ähnelten wie Geschwister und doch ganz eigene Qualitäten mit sich brachten: Die expressive Spoken-Word-Kunst von „Gap Year“, die Masterclass in Sachen Song-Dramaturgie bei „Serpent“ oder der verdrehte experimentelle Pop von „Serpent“. Auch die verbleibenden sieben Songs, die Twin Tooth nun zum Albumrelease kredenzen passen in diese Welt und sind liebevoll auf dem weiten Spektrum zwischen Avantgarde und Catchyness verteilt.
„Sister Moon Beams“ ist dabei genau in der Mitte angesiedelt: Percussion-Loops knistern und rascheln vor sich hin wie ein lebendiges, atmendes Wesen und streifen immer wieder die introspektive, folky Gitarre. Dazu kommt der ausdrucksstarke Gesang von Anna Kohlweiss, in dem jede Betonung genauestens sitzt, irgendwo zwischen FKA Twigs und Kae Tempest. Immer wieder kommt der Eindruck auf, man hört hier gerade nur ein zartes Folk-Pop-Stück, aber immer genau dann wird die Stimme in bizarre Filter gehüllt, taucht ein auffälliges Detail im Hintergrund auf oder ein weißes Rauschen, das die Ruhe bricht. „Sister Moon Beams“ ist nur einer von vielen großartigen Songs auf diesem Album und beweist gemeinsam mit den anderen Anspielstationen: Auch über hunderte Kilometer Distanz kann lebendige, intime Musik entstehen.
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