Empfehlung gegen Rechts: Die Ärzte – Schrei nach Liebe
1993 veröffentlichen Die Ärzte nach fünf Jahren musikalischer Stille den Song „Schrei nach Liebe“. Der Track ist ganz bewusst ein politisches Statement. 1992 und 93 ist geprägt von rassistischer Gewalt, Übergriffen, Belagerung von Asylunterkünften und ganz viel Hass. Das Ganze gipfelt in Brandanschlägen auf türkischstämmige Familien, bei denen Erwachsene und Kinder in ihrem eigenen Haus ermordet werden. Die Bilder der ausgebrannten Häuser in Mölln und Solingen gehen durch die Medien und sind Zeugnisse dieser „Baseballschlägerjahre“.
Rechter Hass und Einwanderungsrassismus
Der zunehmende Hass gegen Menschen mit Migrationsgeschichte entwickelt sich schon in den 80er Jahren. Besonders betroffen sind Menschen aus der Türkei, die nach Deutschland zum Arbeiten kommen. Anfang der 90er steigt die Zuwanderung durch verschiedene Kriege besonders stark an, die Migration erreicht einen Höhepunkt und wird in der Gesellschaft und den Medien hitzig diskutiert. Wörter wie „Überfremdung“ und „Asylantenschwemme“ hört man immer wieder. Kommt einem vielleicht bekannt vor.
In diesem Klima entsteht „Schrei nach Liebe“. Es ist die erste Single der Ärzte nach ihrer Neugründung und sie ist bewusst politisch. Sie setzen sich damit gegen ihre Plattenfirma durch, die „Mach die Augen zu” als Single möchte. Der Song startet mit „Du bist wirklich saudumm / Darum geht’s dir gut / Hass ist deine Attitüde / Ständig kocht dein Blut“. Sie versuchen Gründe für den Hass zu finden und vermuten eine eigene Unzufriedenheit der Rechten.
Politik, Musik und Ironie
Die Ärzte machen eine Sache anders als Herbert Grönemeyer und Wolfgang Niedecken, die zur gleichen Zeit politische Songs veröffentlichen: sie spielen mit Ironie und treffen damit den Zeitgeist. „Deine Gewalt ist nur ein stummer Schrei nach Liebe / Deine Springerstiefel sehnen sich nach Zärtlichkeit.“ Die Wut, die Rebellion und die Ironie im Song kommen beim Publikum sehr gut an.
Arschloch!
Rebellion kommt vor allem durch das Wort, das den Song am meisten prägt: „Arschloch“. Es wird mehrmals wiederholt und bringt den Frust und die Wut auf den Punkt. Die Zeile ist auch der Grund, warum Radios den Song erstmal nicht spielen wollen. Irgendwann tun sie es doch und der Song überholt den bis dahin erfolgreichsten Song der Band „Westerland“. Diesen ersten Platz verteidigt „Schrei nach Liebe“ bis heute. Und wenn man mal wieder genervt und wütend ist, kann man den Song einfach ganz laut aufdrehen und einfach mitschreien.
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