Expliziter, queer-positiver Deutschrap: Baran Kok setzt neue Maßstäbe
„Alle wollen Kok“, prophezeite Baran Kok vor zwei Monaten auf „Babyboy“ und sollte damit Recht behalten. Der Berliner Künstler ist aktuell in aller Munde: Volle Shows auf namhaften Festivals wie dem splash!, Voract bei Ski Aggu, Auftritte bei bekannten Streamern und unzählige virale Videos. Seine queer-positiven und expliziten Songs polarisieren und kurz gesagt, verbreitet Baran mit seiner extrovertierten Art auch einfach gute Laune. Das Ganze aber als oberflächlich und undurchdacht abzustempeln, würde ihm nicht gerecht werden.
Freiburg, Chicago und Berlin
Geboren in Istanbul, wuchs der kurdischstämmige Baran in Freiburg im Breisgau auf. Auf der Suche nach Akzeptanz für seine Homosexualität zog es ihn erst nach Chicago und anschließend nach Berlin. In der deutschen Hauptstadt fing er an, sich einen Namen in der Clubszene zu machen und wurde schließlich zum Live-DJ der Hyperpop-Künstlerin Domiziana. Einen Job, den er auch heute immer noch mit Leidenschaft betreibt.
Wummernde 808s, sex-geladene Lines und die altbekannte Fetischisierung der Polizeiuniform: Anfang 2024 erschien mit „Herr Officer“ Baran’s bis heute erfolgreichster Track, der dieses Jahr einen neuen Hype erlebte. „Splish splash, geh auf’s Klo und f**k ihn fast.“, schallt es unaufhörlich von den For-You-Pages des Landes.
Der Wahlberliner ruht sich jedoch nicht auf dem Erfolg seiner ersten Single aus, sondern veröffentlicht seitdem eine Auswahl an weiteren Songs. Auch wenn seine Flows anfangs noch ein wenig verstolpert wirkten, hat er mittlerweile seinen eigenen Stil gefunden. Baran kann sowohl mit Pelzmantel im Regen stehend auf einem melancholischen Club-Beat rappen, als auch im Straßenrap-Stil einen Kurdo-Song authentisch neu interpretieren.
Seine simplen und dennoch originellen Punchlines sind neben seinem direkten Ausdruck gespickt mit Schilderungen von und Kritik an Homophobie und Rassismus. „Mein Vater könnt so stolz sein, er ist lieber homophob. Dein Vater war es auch, bis ich ihn lutschte auf dem Klo.“, heißt es zum Beispiel auf „Traurige Hure“.
Baran Kok: Der erste schwule, deutsche Rapper?
Während seine Hemmungslosigkeit für viele der Grund ist, ihn zu feiern, gibt es auch zahlreiche, die ihm genau deswegen mit Missgunst begegnen. In Zeiten wie diesen, in denen rechte Parteien und damit auch queerphobe Diskriminierung immer stärker werden, ist es wichtig Künstler:innen wie Baran, die ihre Sexualität offen propagieren und sich gegen Hass aussprechen, eine Bühne zu geben.
Obwohl er das gerne behauptet, ist Baran Kok jedoch nicht der erste offen schwule, deutschsprachige Rapper. Dieser Titel fällt nach dem Juicy Süß Eklat wohl eher dem Hotel Shanghai Besitzer Kay Shanghai zu. Nichtsdestotrotz ist Baran aber der erste Rapper, der damit hierzulande größeren Erfolg hat. Seine Reichweite und die Wellen, die er damit schlägt, lassen hoffen, dass sich dadurch auch weitere schwule bzw. queere Artists ermutigt fühlen, Musik zu machen.
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