„Gestern war es kalt, aber heute nicht mehr“: Newcomer Keule schlägt sanfte Töne an
Die Hyperpop-Szene in Deutschland ist noch jung und gerade erst dabei, sich zu formieren. Eine wichtige Figur in diesem Prozess ist der Flensburger Newcomer Keule. Seit 2018 macht er Musik, zu Beginn noch klar im Rap verwurzelt, zunehmend aber immer befreiter und formloser. Seine neueste Single „Gestern“ ist ein astreiner, bewegender Popsong.
Freunde aus dem Norden
Wenn man sich in Deutschland bis zum nördlichsten Zipfel voran tastet, bis kurz vor die dänische Grenze, dann landet man in Flensburg. Eine Stadt, die für ihren skandinavischen Einschlag bekannt ist und für die Förde, die vor den Stadtmauern Ost- und Nordsee trennt. Und bald vielleicht auch für ihre Musiker:innen! Denn hier leben Keule, Pink Katana und Yungjagger, ihres Zeichens allesamt Wegbereiter für vorwärtsgewandten (Hyper)Pop aus Deutschland. Gemeinsam bilden sie das FREUNDE-Kollektiv, in dem sie, teils gemeinsam, oft aber auch jeder auf eigene Faust, ihre Musik machen.
2000er Schnulze wird zum Hyperpop-Hit
Im Fall von Keule passiert das schon seit sechs Jahren, seit 2020 finden wir dann auch erste Releases auf den offiziellen Streaming-Diensten. Auch aus heutiger Sicht klingen diese ersten Songs noch sehr zeitgemäß – ein eigener Entwurf zum Emo-Trap von Lil Peep und Juice WRLD. Seither entwickelt sich Keule stetig weiter und offenbart zunehmend neue, überraschende Facetten seiner Musik. Ein entscheidender Meilenstein war dabei wahrscheinlich sein Song „Bilder von dir“, eine Art futuristischer Take zum gleichnamigen 2000er Hit von Laith Al-Deen. Die Zeilen „Bilder von dir, überdauern“, die im Original gerade so hingeschmachtet werden, bekommen bei Keule zwischen melancholischen Gitarren, Vocal-Chops und elektronischen Beats einen neuen Tiefgang.
Der Song landet schnell in einschlägigen Spotify-Playlisten und macht Keule endgültig zu einem der gefragtesten Newcomern der Stunde. Seither erschien zwei Kollaborationen mit den befreundeten Artists Censei, Swin und Malu, aber den nächsten Solo-Release schien Keule mit Bedacht zu planen. Nun scheint die Zeit reif zu sein, denn mit „Gestern“ erschien am Freitag der neueste Release aus dem Haus Freunde.
Back to Basics
Wer zuletzt die explosiven Techno-Beats von „Bilder von dir“ im Ohr hatte, wird hier überraschend sanft empfangen. „Hör mir zu, gestern war es kalt, aber heute nicht mehr / Wenn ich in deinen Armen lieg, fällt es mir gar nicht so schwer / Auch mal zu zeigen wie ich fühl’ und wer ich so bin“, singt Keule zu ruhigen Akustik-Gitarren. Trotzdem weiß der Künstler, wie man einer getragenen Ballade die nötige Dramaturgie verleiht und so steigert sich der Song immer weiter bis er bei einem satten, vollen Bandsound ankommt. Mit „Gestern“ zeigt Keule, dass es nicht immer darum geht, jeden Winkel eines Songs mit elektronischen Details zu befüllen oder die eigene Stimme bis in die Anonymität zu pitchen. Stattdessen geht es zurück zu den wirklich entscheidenden Werten: Gutes Songwriting und musikgewordene Intimität, die ihresgleichen sucht.
Das neue DIFFUS Print-Magazin
Titelstory: Ikkimel
Auch im Heft: Noah Kahan, Baran Kok, Josi, Robyn, Philine Sonny und Apsilon.
Dazu große Reportagen über die Vaporwave-Szene in Deutschland, die extreme Metal-Szene in Subsahara-Afrika oder das Rap-Projekt „HaftBars“ in einer Berliner Jugendstrafanstalt.