Maryam.fyi über die Revolution im Iran: Hallo, 2023. Hallo, neue Motivation und immer noch: Revolution
Meine Familie feiert zwei Mal Neujahr. Komisch, könnte man denken. Ich liebe diese Tradition. Einmal jetzt, am 1. Januar, wenn unser gregorianische Kalender das vorgibt und einmal zum 21. März, wenn der Frühling beginnt – denn dann beginnt laut iranischem Kalender das neue Jahr. Es wird zwei Wochen lang gefeiert. Den Anfang macht hier die sogenannte Tag-Nacht-Gleiche, zu der die Menschen über ein Feuer springen. Ein Fest, das trotz des islamischen Regimes in der Kultur bestehen konnte, es wird nicht vom islamischen Mondkalender bestimmt. So weit sind wir aber noch nicht. Heute ist erst der dritte Januar. Im Iran geht die Revolution ungeachtet unserer Feiertage weiter.
Es ist viel passiert
Leider bleibt mir an dieser Stelle nichts übrig, als damit einzusteigen, dass in der letzten Woche zwei weitere junge Männer während der Proteste festgenommen und vom islamischen Regime hingerichtet wurden. Elias Raisi, 28 Jahre alt, wurde am zweiten Weihnachtsfeiertag, am 25. Dezember in Zahedan, Balutschistan, hingerichtet. Am selben Tag, als auch der 37 Jahre alte Ayoub Rigi umgebracht wurde. Man kommt kaum hinterher, möchte man all die außerordentlichen und wichtigen Dinge aufzählen, die unsere Aufmerksamkeit und Berichterstattung verlangen.
So streiken auch am 1. Januar die Arbeitenden der Öl-Industrie in Javanrud. Öl ist eine der wichtigsten Einnahmequellen für das Mullah-Regime. In Zahedan, der Gegend, die am ärmsten ist und am meisten unter dem Regime leidet, waren laut Bildern am Wochenende tausende Menschen auf den Straßen. Es fühlt sich von der Ferne sehr unübersichtlich an. Laut Datenerhebung schaffen es kaum Nachrichten aus den unruhigsten Orten zu uns. Das Internet ist stärker und stärker gedrosselt. Und weil das Regime mittlerweile die Menschen bei Demos via Drohne überwacht, um noch stärkeren Terror auszuüben, lassen diese ihre Handys zuhause, um weniger Angriffsfläche zu schaffen. Erreichen diese Bilder uns dann doch, dann mit neuen Namen und Gesichtern. Unschuldige, die verurteilt, verschwunden, ermordet wurden. Aber die Sintflut an Schreckensnachrichten und das Chaos, was man beim Lesen all dieser empfindet, machen plausibel, was sich manifestiert: Das islamische Regime steht unter Druck und hat, außer Gewalt keine Wege sich zu behaupten.
Zum Bleiben gezwungen
Die Fussballfans unter euch kennen sicherlich alle Ali Daei. Der ehemalige Hertha- und FC Bayern Spieler hatte sich bisher oft offen solidarisch und auf der Straße und im Internet mit der Revolution gezeigt. Jetzt wollten seine Frau und Tochter nach Dubai reisen – und wurden davon abgehalten. Das Passagierflugzeug mit den beiden an Board wurde zur Zwischenlandung und die Familie des Fussballstars zum Bleiben gezwungen.
Mittlerweile wurden rund 200 politische Patenschaften zu Gefangenen vermittelt. In diesen Fällen übernehmen Politiker:innen die Patenschaft, um noch direkter Aufmerksamkeit auf einzelne Namen richten zu können. Sie kontaktieren den Botschafter und nutzen ihre Wege, Wirkung zu schaffen.
Aufmerksamkeit bleibt die einzige Waffe
Daher ist die Enttäuschung über das Nichts an Worten, das der Bundeskanzler in seiner Neujahrsansprache zum Iran gefunden hat, umso größer. Er sprach über die Ukraine, das Grauen, was wir dort seit dem 24. Februar 2022 erleben und schweigt darüber, was die Menschen im Iran und Afghanistan – in den nicht-europäischen Teilen der Welt eben – erleiden. Doch Aufmerksamkeit, wie schon erwähnt, ist und bleibt die einzige Waffe. Ähnlich wirksam ist es, wenn Prominente im Ausland einzelne Namen outcallen und ihnen Sichtbarkeit verleihen. Allen voran stelle ich hier das Beispiel von Clueso. Er hat nach der 1Live Krone einen Beitrag zu der 20 Jahre alten Armita Abbasi veröffentlicht, um ihren Namen zu verbreiten. Ihr Prozess, so wurde jetzt öffentlich, ist für den 28. Januar 2023 geplant. Sie braucht unsere Stimme. Offenes Teilen von Namen und Geschichten ist eine einfache Möglichkeit der Unterstützung und ich rufe euch und vor allem diejenigen Musiker:innen und Menschen mit viel Reichweite dazu auf, gerne genau das zu tun!
Ich muss ein Ende finden – könnte aber eigentlich ewig weiter über die Revolution schreiben – und deshalb jetzt mein Abspann: Wir leben hier in Europa in Sicherheit. Das ist gut so. Genau so. Aber diese Sicherheit gibt uns Möglichkeit und Freiheit. Jede und jeder Einzelne unter uns bewegt sich in einer Nische. Und sobald wir uns persönlich betroffen fühlen, gewinnt ein Thema an Wichtigkeit. Also bitte, nehmt die Revolution mit in eure Nische. Werdet kreativ. Seid laut für unsere Rapper und ihre Schwestern. Diese Revolution ist ein Fels, der die Freiheit manifestieren wird.
Mein Kumpel Omid Mirnour hat einen Film mit dem Titel “Korruption auf Erden” erschaffen und ich bitte euch, den anzuschauen, bis zum Ende.
Was muss noch geschehen?
Als ich mit dieser Kolumne anfing, dachte ich, man müsse jetzt kurzfristig aktiv werden. Man müsse einfach irgendetwas tun, nur nicht untätig sein. Ich wollte diese “kurze, kraftvolle Welle der Revolution” von hier aus verstärken. Mir war klar, dass man aktiver sein kann, als bloß auf Demos mit dabei zu sein. Dass wir heute nach über 100 Tagen der Revolution noch immer darüber rätseln müssen, wann wirklich klare und umfassende Sanktionen von den europäischen Regierungen zu erwarten sind, hatten ich und so viele andere nicht erwartet.
Am aktuellsten bleibt ihr wohl dran, wenn ihr Susan Simin Zare, Gilda Sahebi, Mina Khani auf Instagram oder Twitter verfolgt. Diese Journalistinnen berichten ununterbrochen über aktuelle Geschehnisse im Iran.
Alles Gute für 2023. Werdet nicht müde, denn dieses Jahr feiern wir zusammen die Freiheit.
P.S.: Falls ihr schöne Grafiken findet oder selber macht, schickt sie mir gerne fürs nächste Mal zu!
Wer ich bin
Maryam. Iranerin und Deutsche. Künstlerin (MARYAM.fyi). Beende gerade mein Medizinstudium. Kleine und große Schwester. Was mich von meinen Schwestern unterscheidet: Freiheit. Geboren und aufgewachsen in Deutschland, nahm ich diese immer als selbstverständlich an. Vom Iran träume ich mein Leben lang. Ich hatte das Glück, diesen Teil meiner Wurzeln kennenzulernen. Seit meinem 10. Lebensjahr war ich einige Male im Iran, gemeinsam mit meinen Eltern, Geschwistern, Freund:innen. Erst im Sommer habe ich meinen iranischen Pass verlängern wollen. In meiner Kolumne spreche ich viel über Heimat und über Familie. Also seid mir nicht böse, wenn ich emotional bin. Bitte. Danke.
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