Hard In Here – mit Birds In Row, Cloud Rat und A.A. Williams
Birds In Row – Gris Klein
Oh là là, endlich ein neues Album meiner Lieblingsfranzosen Birds In Row! Vier Jahre ließen sie uns nach dem Release ihres zweiten Albums „We Already Lost The World“ auf dem Trockenen sitzen, aber das Warten hat sich gelohnt. „Gris Klein“ ist so intelligent und aufreibend, wie man es von dem Trio erwarten, nein: erhoffen würde. Weniger auf Veränderung denn auf konzentriertes Wachstum bedacht, präsentieren sich Birds In Row hier einmal mehr als Heilsbringer des modernen Hardcore Punk, der seine innovative Kraft unter anderem aus Post-Metal und Screamo zieht.
Zwischen dem steten Ansteigen und Abebben von Spannung und Intensität lässt sich hier kaum ein Standout-Track küren. Die Songs auf „Gris Klein“ fließen ineinander wie Strömungen im Meer, und reißen die Hörer:innenschaft direkt mit. Allein das Album-Herzstück „Noah“ legt in seinen sechseinhalb Minuten mit solch einer Leichtigkeit enorme Strecken zurück, dass man kurz sein Gefühl für Raum und Zeit verlieren kann.
Inhaltlich geht es auf „Gris Klein“ um Mental Health und Solidarität in einer Zeit, in der die Welt dem Chaos verfällt. Trotz all seiner Dunkelheit und Verzweiflung ist das Album ein Plädoyer für ein Miteinander im Zeichen von Empathie und Liebe, denn am Ende sind wir alles, was wir haben. „Die Art, wie wir einander behandeln, ist politisch“, sagt die Band dazu, und besser könnte ich es auch nicht ausdrücken.
Cloud Rat – Threshold
Grindcore und ich, wir finden nur selten zueinander. Aber für Cloud Rat mache ich immer wieder gerne eine Ausnahme. Warum? Nun, erstmal ist das Trio feministisch und anti-kapitalistisch – was speziell in diesem Genre noch eine ziemliche Ausnahme ist. Außerdem verarbeitet die Band in ihrem Sound Hardcore Punk, Doom, Black Metal, Shoegaze und so ziemlich jedes andere Gerne, das nicht schnell genug auf den Bäumen ist, was die ganze Sache dann doch irgendwie spannender macht als 20 Minuten Gegrunze und Gequieke über Blastbeats.
In letzter Zeit herrschte rund um Rereleases, EPs und Collabs ein bisschen Chaos, tatsächlich ist „Threshold“ jedoch das erste Cloud-Rat-Album seit „Pollinator“ von 2019. In der Zwischenzeit hat die Band fleißig experimentiert. Dass nicht alles davon erfolgreich war, zeigte etwa ihr Electronic-Set beim diesjährigen Roadburn Festival, aber sei’s drum: Cloud Rat sind an diesen Erfahrungen gewachsen und haben geschafft, sie klug in ihren Sound zu integrieren, was „Threshold“ zu ihrem bislang vielleicht besten Album macht.
A.A. Williams – As The Moon Rests
It’s getting soft in here: Meddl mal beiseite, A.A. Williams hat ein hervorragendes neues Album veröffentlicht, das ich euch nicht vorenthalten möchte. 2019 haute sie mich mit ihrer introspektiven, melancholischen Debüt-EP um, inzwischen hat sie es sich irgendwo zwischen Post-Rock und Goth-Singer-Songwriter bequem gemacht. Anfangs spielte sie unter anderem im Vorprogramm von Amenra, Cult Of Luna und Mono (die Connection zur Metal-Szene ist also durchaus etabliert), inzwischen spielt sie verdienterweise eigene Headliner-Shows. Ich will hier gar nicht so viel vorwegnehmen, viel Spaß beim Schmachten zu A.A. Williams’ zweitem Album „As The Moon Rests“:
Get The Shot – Merciless Destruction
Zum Ende gibt es dafür nochmal extra viel Testosteron. Mein Musiklehrer hat früher immer betont, dass man mit einem Knall aufhören soll, und was knallt bitte mehr als Get The Shot? Fünf Jahre nach ihrem letzten Album „Infinite Punishment“ knallen uns die Kanadier einen neuen, pechschwarzen Batzen Hardcore-Hass vor die Füße. Inzwischen mehr von Beatdown und Death Metal beeinflusst als von Thrash Metal offenbart sich „Merciless Destruction“ als Breakdown-lastiger Dauerstampfer. Kann man durchaus als stumpf bezeichnen, umso geiler ist es, dass die Band auf lyrischer Ebene unter anderem Adorno als Inspirationsquelle angibt. Wenn ihr also einen neuen Soundtrack für eure ideologiekritischen Überlegungen braucht, bitteschön:
Christina Wenig ist Redakteurin, Journalistin und Fotografin aus Berlin. Für Magazine wie Visions und Metal Hammer schreibt sie über Metal, Hardcore und Artverwandtes; auf ihrem Instagram-Kanal teilt sie Live-Eindrücke aus verschwitzten Clubs und sinniert über Feminismus, Antifaschismus, Filme und ihren Hund.
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