Hard In Here – mit Boris & Uniform, Godflesh und Power Trip
Boris & Uniform – Bright New Disease
Es gibt Dinge, von denen man nicht weiß, dass man sie braucht, bis sie existieren. Ein gemeinschaftliches Album von Boris und Uniform etwa stand definitiv nicht auf meiner Wunschliste – but here we are. Die beiden Bands agieren zwar in der gleichen Szene, doch in ganz verschiedenen Ecken: Boris mit ihrem Tanz zwischen sludgy Heaviness und Rock’n’Roll-Exzess, Uniform mit ihrer dreckigen Hardcore-Auslegung von Industrial Metal. „Bright New Disease“ vereint beide Acts in ihren Gemeinsamkeiten: Noise, Distortion und kaustischen Ausbrüchen.
Auch wenn die Handschrift von Boris auf „Bright New Disease“ klarer erkennbar ist als die von Uniform, pushen sich beide Bands hier zu neuen Extremen – und quer durch D-Beat, Synthwave, Post-Metal und… Glam Rock? Es ist ein wilder Ritt, und manchmal fliegt man fast vom Gaul angesichts all der Ideen, die die Tokioter:innen und die New Yorker uns hier entgegen knallen. Nicht jeder Song ist ein Volltreffer, das kontrastgetriebene „The Look Is A Flame“ und der schleppende Album-Closer „Not Surprised“ etwa sind aber Gold wert.
Godflesh – Purge
Die Szene ist wieder etwas dreckiger geworden: Nach sechsjähriger Wartezeit haben Godflesh endlich ihr neues Album „Purge“ veröffentlicht. Die Titelreferenz zum 1992er Album „Pure“ lässt bereits erahnen, dass wir hier den traditionellen Godflesh-Sound vorgesetzt bekommen, und wir werden nicht enttäuscht. Was will man auch mehr, das britische Duo hat ja damals schon so ziemlich alles vorweggenommen, was Industrial Metal interessant macht und viele weitere Subgenres beeinflussen sollte: Drumcomputer und Hip-Hop-Beats, minimalistisches, repetitives Riffing und schmutzige, psychotische Heaviness.
„Purge“ ist ein schlechter Trip, von dem man gar nicht mehr runterkommen will. Zwischen kathartischer Sezierung des eigenen Außenseitertums und Abrechnung mit unserer kapitalistischen Klassengesellschaft hat Sänger Justin Broadrick wieder einmal all seine Verachtung in diese Songs gestopft, die kein bisschen weniger Biss haben als ihre 30 Jahre alten Vorgänger. So gut altern die wenigsten Bands.
Power Trip – Live In Seattle
Es ist einer dieser seltenen Tage, an denen ich ein Live-Album empfehle. „Live In Seattle“ wurde ursprünglich bereits 2020 veröffentlicht, jetzt aber nochmal im großen Rahmen von Southern Lord rausgebracht. Einer der Gründe, dass diese Aufnahme aus dem Jahr 2018 nochmal rausgekramt wurde, ist auch einer der Gründe, warum mich das Ganze mehr bewegt als die meisten anderen Live-Alben: Es ist das Testament einer der besten Thrash-Metal-Bands der 2010er und ein kleiner Blick darauf, was noch alles aus ihr hätte werden können.
Power-Trip-Sänger Riley Gale starb im August 2020 überraschend mit nur 34 Jahren, die Band arbeitete da gerade an ihrem dritten Album. „Live In Seattle“ verdeutlicht schmerzhaft, was für ein riesiger Verlust das für die Szene war, denn der Thrash-Hardcore-Crossover der Texaner knallt einfach alles weg. Thrash lässt mich ja normalerweise kalt, aber wenn „Executioner’s Tax (Swing of the Axe)“ oder „Suffer No Fool“ aus den Boxen ballert, bin ich Fan. Ein stärkeres Vermächtnis kann man wohl kaum hinterlassen.
Loather – Eis
Hard In Here ohne Black Metal geht natürlich gar nicht, und so ein Release wie „Eis“ kann man schlicht nicht unerwähnt lassen. Es handelt sich um das Debütalbum der Wiener Band Loather, die bereits seit einigen Jahren Aufsehen im Untergrund erregt hat und hiermit dafür sorgt, dass das auch weiterhin der Fall sein wird. Ich nenne das Ganze mal griffig Blackened Ethereal Doom, der uns mit eisigen Händen hineinzieht in eine nächtliche Winterlandschaft – vielleicht ist das aber auch nur mein Wunschdenken angesichts dieses Höllensommers.
Hier gehts zur Hard in Here Playlist:
Christina Wenig ist Redakteurin, Journalistin und Fotografin aus Berlin. Für Magazine wie Visions und Metal Hammer schreibt sie über Metal, Hardcore und Artverwandtes; auf ihrem Instagram-Kanal teilt sie Live-Eindrücke aus verschwitzten Clubs und sinniert über Feminismus, Antifaschismus, Filme und ihren Hund.
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