Hard In Here – mit Chat Pile, Ithaca und Grima
Chat Pile – God’s Country
Als mir 2019 irgendein Streaming-Algorithmus die Chat-Pile-EP „Remove Your Skin Please“ entgegendonnerte, ließ ich alles andere stehen und liegen. Die Band wurde erst kurz zuvor gegründet und veröffentlichte da mal eben ein paar der besten Noise-Rock-Songs, die ich seit langem gehört hatte. Ich wurde zum Fan – und vergaß sie bald wieder, vermutlich in Ermangelung eines Albums. Genau damit haben sich Chat Pile aber in diesem Jahr zurück in mein Bewusstsein katapultiert: „God’s Country“ ist ein psychotischer Trip durch die tiefsten Abgründe des „Land of the Free“, ein kakophonischer Abgesang auf die dystopische Realität des Spätkapitalismus.
Wie im Fiebertraum flüstert, jammert und kreischt Sänger Raygun Busch vor einer Kulisse aus Feedback, mechanischen Rhythmen und Riffs, die wie Messerspitzen aus der spannungsgeladenen Stille hervorschießen. Es ist nicht schwer zu erkennen, wie dieser Sound zustande kommt: Sludge der Marke Eyehategod etwa oder Industrial à la Godflesh sind klare Einflüsse.
Für viele Hörer:innen werden Chat Pile sicherlich die Lücke füllen, die Daughters hinterlassen haben, als deren Bandkopf Alexis F. Marshall von Musikerin und Ex-Partnerin Kristin Hayter a.k.a. Lingua Ignota als Abuser geoutet wurde und infolge vom Erdboden verschwand. Nicht, dass die Band aus Oklahoma nicht auch so ihren Platz an der Spitze verdient hätte: „God’s Country“ ist nicht nur ein unfassbar starkes Full-Length-Debüt, sondern auch Anwärter auf das Album des Jahres.
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Ithaca – They Fear Us
Im britischen Metal und Hardcore läuft seit einiger Zeit sehr viel gut und richtig. Bands wie Employed To Serve, Venom und Svalbard fordern Platz für nicht-männliche Personen in der Szene ein und setzen dabei auch musikalisch neue Maßstäbe. Mittendrin dabei sind auch Ithaca, die nicht nur die Diversität verkörpern, die ich auf den Bühnen der Welt sehen will, sondern auch einen künstlerischen und technischen Anspruch haben, von dem sich einige Kollegen etwas abschauen könnten.
Das zweite Album der Metallic-Hardcore-Formation ist ein Triumphzug nach Jahren voll traumatischer Erlebnisse und Diskriminierungserfahrungen – und noch mehr als das, wie der Albumtitel und Titelsong nahelegen: „They Fear Us“ ist eine Kampferklärung an alle, die versuchen, uns zu verletzen und klein zu halten. Melodische Momente aus dem Kosmos von Post-Rock und Shoegaze treffen dabei auf Mathcore-Gefrickel, Hardcore-Punk-Energie und Metal-Wucht. What’s not to love?
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Grima – Frostbitten
Nach den Regeln des Black-Metal-Playbooks machen Grima alles richtig: Geheimnisvolle Maskierungen – Check. Bandname aus „Der Herr der Ringe“ – Check. Epische Songs über Paganismus und die Erhabenheit der Natur – Doppel-Check. Der atmosphärische Black Metal des sibirischen Duos funktioniert aber nicht nur in der Theorie ganz hervorragend, sondern auch auf ihrem bereits fünften Album. „Frostbitten“ ist ein fantastisches Epos aus den kalten Untiefen des ewigen Winters. Es mag an der globalen Erwärmung und ihren gerade sehr konkret erfahrbaren Auswirkungen liegen, aber mich holt das extrem ab.
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Gender Crisis – Flesh Prison
Falls Bandname und EP-Titel es noch nicht deutlich genug gemacht haben: Gender Crisis macht, laut Selbstbeschreibung, „Trans Death Metal Butchcore“. Ich will nicht lügen: Bei „Flesh Prison“ handelt es sich um eine unglaublich krachige Kelleraufnahme, die die Grenzen des Zumutbaren streift. Aber warum sollen nur cis Dudes das Recht haben, sowas zu machen? Extra-Sympathiepunkte gibt’s außerdem für das super garstige Power-Trip-Cover „Swing Of The Axe“ – R.I.P., Riley Gale.
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Christina Wenig ist Redakteurin, Journalistin und Fotografin aus Berlin. Für Magazine wie Visions und Metal Hammer schreibt sie über Metal, Hardcore und Artverwandtes; auf ihrem Instagram-Kanal teilt sie Live-Eindrücke aus verschwitzten Clubs und sinniert über Feminismus, Antifaschismus, Filme und ihren Hund.
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