Hard In Here – mit Russian Circles, Abest und Boris
Russian Circles – Gnosis
Das Instrumental-Band-Dasein ist eine Königsdisziplin für sich: Ohne charakteristischen Gesang, der der Musik Identifikationspotenzial schenkt und sie in traditionelle Songstrukturen lenkt, droht vieles davon in der Belanglosigkeit zu verlaufen oder in seelenloses Technik-Gegniedel abzurutschen. Umso mehr Respekt darf man also vor einer Band wie Russian Circles haben, die seit über 15 Jahren Maßstäbe im Instrumental Post-Rock und -Metal setzt.
Die vergangenen Jahre sind auch an dem amerikanischen Trio nicht spurlos vorbeigegangen: Auf „Gnosis“, ihrem achten Studioalbum, entlädt sich eine Menge angestauter Energie, Aggression und Frust. Die epischen Klanglandschaften und (mittlerweile reichlich überstrapazierten) großen Post-Rock-Dramaturgien der frühen Jahre sind alles zermalmenden Riffs in ungewöhnlicher Dichte gewichen. Statt uns wie üblich langsam in ihre Welt eintauchen zu lassen, knallen uns Russian Circles mit „Tupilak“ gleich einen schroff pulsierenden Opener vors Brett, der die Marschrichtung der folgenden 40 Minuten vorgibt.
Fans der ersten Stunde mögen hier die Finesse vermissen, mit der Russian Circles einst bildgewaltige Szenerien heraufbeschworen haben, aber ich sag’s ganz ehrlich: Ich bin sehr glücklich damit, wenn ein Album einfach mal knallt und brauche nicht noch einen weiteren Einschlaf-Soundtrack. Außerdem sollte man die Härte und Dringlichkeit von „Gnosis“ nicht mit Plumpheit verwechseln – so schnell macht der Band weiterhin niemand was vor.
Abest – Molten Husk
Es gibt ja wirklich sehr wenige Dinge, die man an Deutschland abfeiern kann – auf diese kurze Liste würde ich Abest aber sicherlich schreiben. Nachdem das 2019 erschienene „Bonds Of Euphoria“ für die Band bereits ein ordentlicher Quantensprung in Sachen Experimentierfreude und Garstigkeit war, platziert „Molten Husk“ das Trio nun endgültig auf dem internationalen Post-Metal-Spielfeld. Dabei klingen Abest jedoch mehr nach Full Of Hell und Cult Leader als Neurosis oder Cult Of Luna: Kompakt und treffsicher knüppelt die Band hier Dynamik, Chaos und Dissonanz in einen Sound, der mehr mit Hardcore-Energie und Black- und Death-Brutalität gemein hat als mit monolithischen Riffs und weiten Klangflächen.
„Molten Husk“ ist ein musikalisches Himmelfahrtskommando – eine halbstündiger Teufelskreis des Sich-selbst-Zerstörens und Wieder-Aufbäumens, nachdem nicht mehr übrig bleibt als Schutt und Asche. Eigentlich wollte ich hier noch eine Hörempfehlung a.k.a. meinen Lieblingssong hinschreiben, aber da ich bei jedem Song früher oder später denke „Fuck, ja!“, sage ich einfach mal: alles geil.
Boris – Heavy Rocks
Moment mal, schon wieder ein neues Boris-Album? Na, aber hallo! Die Japaner:innen waren noch nie Fans davon, sich rar zu machen und so erscheint nur einige Monate nach dem Ambient-lastigen „W“ (das als Begleitalbum zum 2020 erschienen Hardcore-inspirierten „NO“ gilt) Album Nummer 28 (!) „Heavy Rocks“.
Wer jetzt irgendwie ein Déjà-vu hat: It’s not you, it’s them. Unter dem gleichen Titel haben Boris bereits zwei Alben veröffentlicht, auf denen sie sich etwa im Zehn-Jahres-Takt ihrer Interpretation von, nunja, Heavy Rock widmen. 2022 klingt das nach punkigem 70’s Heavy Metal (der Leopardenmuster-Look des Albums kommt nicht von ungefähr). Mir persönlich gefallen ja die experimentelleren Releases der vergangenen Jahre, die in Tracks wie „Blah Blah Blah“ und „Nosferatou“ anklingen, besser. Ich würde aber auch lügen, wenn ich sagen würde, dass der wilde Rock’n’Roll-Exzess von Songs wie „My name is blank“ und „Ruins“ nicht auch Spaß macht. Und ein gebührender Soundtrack für das 30-jährige Bandjubiläum der ewigen Gestaltwandler ist „Heavy Rocks“ allemal. Tanjōbi omedetō!
Locrian – New Catastrophism
Zum Schluss noch ein Leckerbissen für meine Roadburn-Stans – es würde mich nämlich sehr wundern, wenn Locrian mit ihrem neuen Album nicht bei der nächsten Ausgabe des Festivals dabei sind. Bereits 2005 gegründet, ist „New Catastrophism“ ihre große Rückkehr nach sieben Jahren Pause – eine minimalistische, eisige Kulisse für den Zusammenbruch unserer Gesellschaft, gehauen aus Dark Ambient und Drone. Die Verbindung zum Metal ist hier primär im Mindset und Feeling begründet, stehen Synths doch über weite Strecken mehr im Vordergrund als Gitarren (auch wenn uns dank gequältem Geschrei hier und da ein paar Blackgaze-esque Momente vergönnt sind). Dabei ist „New Catastrophism“ nicht nur ein wundervoll düsteres Release zum Sich-Verlieren, sondern auch eine Einladung, den wirklich hervorragenden Backkatalog von Locrian (wieder) zu entdecken.
Christina Wenig ist Redakteurin, Journalistin und Fotografin aus Berlin. Für Magazine wie Visions und Metal Hammer schreibt sie über Metal, Hardcore und Artverwandtes; auf ihrem Instagram-Kanal teilt sie Live-Eindrücke aus verschwitzten Clubs und sinniert über Feminismus, Antifaschismus, Filme und ihren Hund.
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