Hard In Here – mit White Ward, Zetra und Candy
White Ward – False Light
Mindestens seit der Veröffentlichung ihres zweiten Albums „Love Exchange Failure“ 2019 stehen White Ward ganz oben auf der Liste von Black-Metal-Bands, die man im Auge behalten sollte, wenn man nicht nur ewig gestrige Acts hören will, die gerne Mayhem oder Emperor wären. Mit „False Light“ haben die Ukrainer jedoch alle Erwartungen übertroffen.
Bereits der Album-Opener, das 13-minütige Epos „Leviathan“, ist ein Parforceritt durch ihren Trademark-Sound aus melodischem Black Metal, Post-Rock und Dark Jazz. Wenn dann noch post-punkige Clean Vocals einsetzen und das folgende „Salt Paradise“ in Richtung Southern Gothic abbiegt, sitzt man endgültig erstmal mit runterhängender Kinnlade da. Es ist ein offenes Geheimnis, dass ich Saxofon-Gedudel im Metal zum Wegrennen finde, aber bei White Ward werde ich zum Fan.
Inspiriert vom ukrainischen Autor Mykhailo Kotsubinsky, Beat-Ikone Jack Kerouac und Psychoanalytik-Begründer Carl Gustav Jung schildert die Band aus Odessa in ihren Songs Beobachtungen einer Welt und Zivilisation am Abgrund, und selbstverständlich knallt das alles wegen dem aktuellen Angriffskrieg Russlands auf die Heimat von White Ward noch härter rein. „False Light“ wäre aber auch ohne diese Umstände bereits Anwärter auf den Titel „Black Metal Album des Jahres“.
Zetra – Into My Flesh
Für Fans experimenteller und origineller Underground-Musik im Metal-Dunstkreis ist das Roadburn Festival im niederländischen Tilburg längst Pflichtprogramm. Eine meiner persönlichen Neuentdeckungen und Highlight-Performances in diesem Jahr waren Zetra aus London, die auch liebevoll Type O Positive genannt werden. Pete Steele würde da sicher kurz anerkennend nicken – oder vielleicht auch nicht, schwer zu sagen.
Im Schaffen von Zetra fließen Goth Rock, Synth-Pop, Doom, Shoegaze und old school Black-Metal-Ästhetik zu einer neuen Strömung zusammen, die sofort mitreißt. Ein Album lässt noch auf sich warten, nach der EP „From Without“ mit den Über-Hits „The Raven’s Game“ und „Call Of The Void“ hat die Band jedoch nun ihren neuen Song „Into My Flesh“ veröffentlicht, der erneut Doom & Gloom in seiner erhabensten und erhebendsten Form zelebriert. Weitere Details über die Band sind übrigens nicht bekannt, aber diese Musik spricht auch einfach für sich.
Candy – Heaven Is Here
Wer Candy hört, muss zumindest einen kleinen Hang zum Masochismus haben. Verankert im Hardcore Punk und Extreme Metal haben die selbsterklärten Genre-Agnostiker mit ihrem zweiten Album „Heaven Is Here“ das 30-minütige klangliche Äquivalent einer Panikattacke geschaffen: Das Herz rast, der Atem stockt, der Kopf dröhnt und man ist sich kurz nicht sicher, ob man es lebend wieder da raus schafft.
Der Knackpunkt aber: Bei Candy ist das so unfassbar gut, dass man gar nicht will, dass es wieder aufhört. Durchzogen von Noise, Industrial und Techno („Transcend To Wet“ und „Kinesthesia“ kann man sich durchaus gut im Berghain-Kontext vorstellen), ist „Heaven Is Here“ durchweg spannend, kurzweilig und unvorhersehbar – und tut eben auf genau die richtige Art und Weise weh.
Aptera – You Can’t Bury What Still Burns
Im Berliner Untergrund treiben Aptera schon seit ein paar Jahren ihr Unwesen, mit „You Can’t Bury What Still Burns“ hat die Band nun endlich ihr Debütalbum veröffentlicht. Ihre musikalischen Inspirationsquellen reichen zurück bis in die Siebziger: Klassischer Heavy Metal, Doom und Sludge treffen hier auf Punk-Attitüde und (feministische) Rebellion. Thematisch verbindet der Vierer Mythologie mit aktueller Gesellschaftskritik, was im Band-Kontext doch irgendwie spannender ist als hyper-privilegierte weiße cishet Metal-Dudes, die über Kämpfe mit mysteriösen Feinden und Unterdrückern singen, die nicht existieren.
Shoutout an dieser Stelle noch an die wundervollen Petrol Girls, die gerade ihr neues Album „Baby“ veröffentlicht haben, das zwischen Drug Church und Bikini Kill genau in die richtige Punkrock-Kerbe knallt und deren Song „Baby, I Had An Abortion“ aus aktuellen Gründen derzeit in Dauerschleife läuft.
Christina Wenig ist Redakteurin, Journalistin und Fotografin aus Berlin. Für Magazine wie Visions und Metal Hammer schreibt sie über Metal, Hardcore und Artverwandtes; auf ihrem Instagram-Kanal teilt sie Live-Eindrücke aus verschwitzten Clubs und sinniert über Feminismus, Antifaschismus, Filme und ihren Hund.
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