Maryam.fyi über die Revolution im Iran: „Chi shode?“ – Kolumne
49 Tage. Sieben Wochen. So lange treibt es meine Schwestern und Brüder im Iran bereits auf die Straße. Es ist eine Revolution. Beim Schreiben dieser Worte merke ich: Gänsehaut. Bilder in meinem Kopf. Sie rufen: „FRAU, LEBEN, FREIHEIT – MANN, HEIMAT, WOHLSTAND!“ Und sie hören nicht auf. Sie stellen sich auf Autos, verbrennen ihre Kopftücher, rufen von Balkonen in die Nacht, recken in Universitäten die Fäuste in die Luft und singen von Freiheit.
Am 13. September ist die Kurdin Jina Mahsa Amini auf den Straßen Teherans mit ihrem Bruder unterwegs. Sie wird von der Gasht-e ehshad (dt: Sittenpolizei) angehalten, verschleppt, und so schwer verprügelt, dass sie noch am selben Tag ihren Verletzungen erliegt. Der Grund: Sie habe gegen Kleidungsvorschriften verstoßen. Ihr Bild geht um die Welt. Wie das Pulverfass, das den Funken nur erwartet hat, gehen die Menschen im Iran seitdem auf die Straßen. Unermüdlich.
Wie lange eine Revolution dauert, wissen wir nicht. Dass wir nicht darüber hinwegschauen können, ist aber klar. Denn: die iranisch-kurdische Diaspora in Deutschland ist groß und unsere Freiheit hier von derjenigen im Iran kaum trennbar.
Die Revolution bewegt unsere Popkultur
Die Iranisch-niederländische Künstlerin Sevdaliza veröffentlicht am 10. Oktober. den Song “Woman Life Freedom” und macht auf die Revolution im Iran aufmerksam.
Der Rapper Xatar nutzt seinen Instagram-Kanal, um auf die Situation in seiner kurdischen Heimatstadt Sanandaj und generell im Iran aufmerksam zu machen. Am 12. Oktober fand ein Massaker von Regimetruppen an der Zivilbevölkerung in Sanandaj statt.
Am 26. Oktober schreiben Joko und Klaas ein bisschen Geschichte: Sie klären in ihren 15-Minuten live auf ProSieben über die Geschehnisse im Iran auf und verschenken (!) anschließend ihre Instagram Kanäle an zwei iranische Aktivistinnen. Was alle Künstler:innen damit sagen wollen: Die Waffe der unterdrückten Menschen im Iran ist das Internet. Internationale mediale Aufmerksamkeit ist der Hebel, mit dem Sichtbarkeit geschaffen werden kann, quasi ein positiver Feedback-Mechanismus. Die Menschen schicken Videos über ihre gedrosselten Twitter- und Telegram-Kanäle raus, die Videos gehen im Ausland viral und das wird im Iran empfangen; unsere Solidarität gibt Mut und treibt die Menschen weiter auf die Straße – um jeden Preis.
Musiker:innen im Iran werden zum Schweigen gebracht
Seit dem 13. September sind bereits über 300 Menschen im Iran ermordet worden. Zahllose Protestierende sind spurlos verschleppt, gefoltert und vergewaltigt worden (wie viele genau, weiß man nicht. Die Zahlen sind im vierstelligen Bereich und steigend). Darunter ist auch Rapper Toomaj Salehi (@toomajofficial). Am 24. Oktober veröffentlicht Toomaj einen neuen Track, in dem er die Zukunft des Landes nach der Revolution beschreibt. Einige Tage später erscheint ein Post, dass Salehi inhaftiert wurde. Am 2. November wiederum erscheint ein Video, in dem Salehi mit verbundenen Augen und brüchiger Stimme erklärt, dass er seine Inhalte nicht so gemeint habe und entschuldigt sich. Ein erzwungenes Geständnis, wie man es schon mehrfach von zum Beispiel der Klettererin Elnaz Rekabi oder dem Musiker Shervin Hajipour („Baraye“) gesehen hat.
Das Lied von Shervin Hajipour hat mittlerweile hoffentlich jede:r schon gehört. Spätestens im Cover von Nico Santos, der verstanden hat, wie man echte Solidarität zeigt. Shervins Lied „Baraye” bedeutet übersetzt: „Wegen“ oder „Für”, und ist eine Auflistung an Dingen, wegen denen es sich lohnt, im Iran auf die Straße zu gehen. Wie zum Beispiel das Küssen auf offener Straße, unerfüllte Träume unsere Schwestern, der Junge, der im Müll sucht. Wegen all dieser Dinge und vieler mehr protestieren die Menschen. Für die Freiheit.
Was ihr im Moment tun könnt
Was ich und die ganzen Iraner:innen in meinem Umfeld eigentlich die ganze Zeit nur tun wollen, ist rufen: „Sprecht darüber!“ Oder hört euch den Twitter-Space von Daniela Sepehri, Maral Kooh und Maryam Blumenthal an!
Teilt die die Petition von HÁWAR.help in euren Stories!
Geht zu Demos! Zum Beispiel am Freitag, 4. November vor dem Brandenburger Tor, in Solidarität mit Toomaj Salehi.
Verklebt Sticker, um Aufmerksamkeit zu schaffe. Hier gibt’s einige Vorlagen zum Drucken.
Wer ich bin
Maryam. Iranerin und Deutsche. Künstlerin (MARYAM.fyi). Beende gerade mein Medizinstudium. Kleine und große Schwester. Was mich von meinen Schwestern unterscheidet: Freiheit. Geboren und aufgewachsen in Deutschland, nahm ich diese immer als selbstverständlich an. Vom Iran träume ich mein Leben lang. Ich hatte das Glück, diesen Teil meiner Wurzeln kennenzulernen. Seit meinem 10. Lebensjahr war ich einige Male im Iran, gemeinsam mit meinen Eltern, Geschwistern, Freund:innen. Erst im Sommer habe ich meinen iranischen Pass verlängern wollen. In meiner Kolumne spreche ich viel über Heimat und über Familie. Also seid mir nicht böse, wenn ich emotional bin. Bitte. Danke.
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