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Maryam.fyi über die Revolution im Iran: Dystopie oder einfach Iran 2022?

Posted in: Kolumne
Tagged: Maryam.fyi

Was wir gerade von außen über den Iran erfahren, klingt nach einer perfiden Drehbuch-Inszenierung. Es klingt wie eine Dystopie. Und immer dann, wenn man denkt, ein Höhepunkt sei erreicht, tritt das nächste Unheil ein. Ich fasse einmal kurz zusammen, was mich in den letzten Tagen besonders präsent erreicht hat. 

Kurdistan ist unter Beschuss. In den kurdischen Städten Saqqez, Mahabad, Piranschar ist die Lage dramatisch. Das Trinkwasser ist verdorben, das Internet heruntergefahren. Wer das Haus verlässt, ist sich der Rückkehr nicht sicher. Bis zum 28. November wurden laut Menschenrechtsorganisationen 118 Personen in Kurdistan getötet, darunter 15 Kinder. Mit der dramatischen Situation in Kurdistan möchte das Regime wohl die Propaganda stützen, es handle sich dort um einen Bürgerkrieg. Damit also im Rest des Landes ankommt, die Protestierenden seien Separatisten – damit also die Bekämpfung der Kurden gerechtfertigt werden kann. In Balutschistan sollen bisher 15 Hinrichtungen vollstreckt worden sein. Pures Grauen erfasst mich, während ich das hier schreibe. 

Jugendliche in Haft

Und jetzt schweife ich ab: Mein Vater schickt mir mit dramatischer Musik unterlegte Reels zu, in denen über den Suizid von Jugendlichen berichtet wird, nachdem sie aus der Haft entlassen wurden. Gestern Abend liege ich im Bett und hänge, wie immer, endlos auf Insta vorm Schlafengehen. Gestern, mal wieder, schlafe ich nicht einfach so ein. Ich denke darüber nach, was wohl mit den Jugendlichen in so einer Haftzeit wirklich geschieht, dass sie das Leben nicht mehr ertragen wollen. CNN veröffentlicht vor ein paar Tagen einen Bericht, in dem sie Recherche über Misshandlungen und sexuellen Missbrauch in Gefangenschaft präsentieren. Das Video könnt ihr hier anschauen.

Eine überwältigende Informationsflut

Es sind keine schönen Informationen, die wir erhalten. Zwischenzeitlich blende ich für einige Tage die Informationsflut aus, möchte mich hier auf mein Leben konzentrieren. Und dann werde ich doch wieder eingeholt von einem einfachen Tweet: „Jeder, der ein Video auf der Straße dreht, riskiert damit sein Leben. Das Mindeste, was wir an Unterstützung entgegenbringen können, ist, die Bilder zu sehen.” (Habe den Tweet leider verloren, bitte schickt ihn mir nochmal, falls ihr ihn gesehen habt) 

Vor zwei Wochen habe ich von dem Rapper Toomaj Salehi gesprochen. Er wurde zum Tode verurteilt. Und ich freue mich fast ein bisschen, wenn ich sehe, dass deutsche Musiker ihre Plattform nutzen, um darüber zu sprechen. Danke Jan Delay an der Stelle. „Hinsehen und Inhalte teilen ist unsere Waffe”, wiederhole ich wie ein Mantra vor mich hin. 

Wird das Regime schwach?

Es häufen sich aber auch andere News. Nämlich solche, dass das Regime schwach würde. Dass sie grundlegende Reformen anbieten würden. Wohl ein wenig zu spät. So sehr, wie die Menschen sich gestern Abend nach dem WM-Aus des iranischen Teams in Katar gefreut haben und auf den Straßen im Iran den Sieg des Staatsfeindes USA gefeiert haben, wissen sie auch, dass das Regime bloß Lügen und Terror verbreitet. 

Ausnahmsweise ein kleiner Lichtblick aus Katar: Mario Ferri, so heißt der Flitzer, der laut seinem Instagram Account schon mehrfach geflitzt ist. Zuletzt beim Spiel Portugal gegen Uruguay am 28. November. Auf seinem T-Shirt hatte er alle wichtigen Botschaften verpackt: „SAVE UKRAINE” und auf der Rückseite „RESPECT FOR IRANIAN WOMEN”. Außerdem hielt er eine Regenbogenflagge in der Hand. 

Das gesagt, scrolle ich weiter und stoße auf unzählige Videos von Situationen, in denen die Sicherheitskräfte bei der FIFA-Weltmeisterschaft Zuschauende schikanieren, sobald diese sich sichtbar mit dem iranischen Volk solidarisieren. Noch ein Grund mehr, die FIFA zu boykottieren.

Und was passiert währenddessen in Deutschland?

Gestern, am 30. November, rufen die Universitäten weltweit zu einem Protest in Solidarität mit iranischen Studierenden auf (alle Infos unter Campus Rally for Iran). Die Menschen, die sich solche großen Aktionen ausdenken und sie realisieren – ich bewundere euch zutiefst und danke euch. Ach und übrigens, die Anzeige, von der ich kürzlich erzählte, wegen Beschimpfung des Diktators Khamenei hier in Deutschland, die kam von offizieller Stelle: „Von Amts wegen”. Uff.

Die Grafik oben im Artikel hat wieder meine talentierte Freundin @denakah_art gemacht. Afarin! (Gut gemacht! auf Persisch). Hier für euch außerdem:

Wir sehen uns auf der Straße! 

Wer ich bin

Maryam. Iranerin und Deutsche. Künstlerin (MARYAM.fyi). Beende gerade mein Medizinstudium. Kleine und große Schwester. Was mich von meinen Schwestern unterscheidet: Freiheit. Geboren und aufgewachsen in Deutschland, nahm ich diese immer als selbstverständlich an. Vom Iran träume ich mein Leben lang. Ich hatte das Glück, diesen Teil meiner Wurzeln kennenzulernen. Seit meinem 10. Lebensjahr war ich einige Male im Iran, gemeinsam mit meinen Eltern, Geschwistern, Freund:innen. Erst im Sommer habe ich meinen iranischen Pass verlängern wollen. In meiner Kolumne spreche ich viel über Heimat und über Familie. Also seid mir nicht böse, wenn ich emotional bin. Bitte. Danke.

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