Maryam.fyi über die Revolution im Iran: Kehrt mit dem Licht auch die Hoffnung zurück?
„Shabe Yalda“ bedeutet „Nacht der Geburt“ – die Geburt des Lichts. Ob mit dem Licht auch dieses Mal die Hoffnung wiederkehrt?
Der wievielte Tag ist es? Der dreiundneunzigste? Seit über fast drei Monaten findet im Iran eine Revolution statt. Über 18.000 Iraner:innen wurden zu politischen Gefangenen – bei allen wird ein vorschnelles Todesurteil gefordert. Am 8. Dezember haben sie den ersten Menschen umgebracht. Der 23-jährige Mohsen Shekari wird vor dem Sonnenaufgang in Tehran hingerichtet, er wird erhängt. Einige Tage später, am 12. Dezember folgt der Nächste: Majidreza Rahnavard, ebenfalls 23 Jahre alt, wird in Mashhad öffentlich hingerichtet. Sie sind die ersten beiden derer, die jetzt im Schnelldurchlauf ein Urteil erfahren haben. Unter falschen Zeugenaussagen werden diese Todesurteile gefällt. Es werden Exempel an ihnen statuiert – wird es einen internationalen Aufschrei geben? Oder können sie es einfach tun – brutal ihre Jugend abschlachten?
Alle diejenigen, die ihren Verletzungen und Folter erlegen sind, habe ich hier noch nicht mit erwähnt. Heute Morgen hat mich zum Aufwachen die Nachricht über den Tod von Mohammad Haji Rasulpur erreicht, der bei Protesten in Bokan festgenommen wurde. Gestern Morgen musste ich über Ayda Rostamis Tod lesen: Eine Ärztin, die zuhause heimlich Verletzte versorgte, und deren Leiche jetzt besonders geschunden aufgefunden wurde.
Die Liste wird länger mit jeder Minute, in der ich hier sitze.
Landesweite Streiks im Iran
Heute beginnen wieder landesweite Streiks im Iran. Über Kurzvideos auf Social Media werden die Menschen dazu aufgerufen, sich auf die Straßen zu begeben. Drei Tage lang. Manchmal versuche ich, mich in eine dieser Personen hineinzuversetzen, deren Texte ich auf Instagram oder Twitter lese. Perfide, aber es gelingt mir nicht.
Vor zwei Tagen haben sie die Schauspielerin Taraneh Alidoosti, die im Oscarprämierten Film „the Salesman” spielte, mitgenommen. Sie hatte sich vor kurzem ohne Kopftuch mit einem Schild mit der Aufschrift „Frau, Leben, Freiheit“ auf ihrem Instagram Kanal gezeigt und sich damit bewusst in Gefahr begeben. Was mit ihr passiert, ist unklar. Man kann mit dem Schlimmsten rechnen. Sie befindet sich mutmaßlich im Foltergefängnis „Evin“, und seither haben sich Schauspielkolleg:innen draußen versammelt um zu protestieren.
Shakira und der Fußball
Popstar Shakira setzte gestern anlässlich des WM-Finales einen bemerkenswerten Tweet ab: Sie wünsche sich, dass die ganze Welt an den iranischen Fussballprofi Amir Nasr-Azadani denkt, der wegen Teilnahme an Protesten zum Tode verurteilt wurde. Shakiras Post ist ein Appell an die Welt des Sports und der Popkultur. Sie ist irgendwie schon immer meine Heldin gewesen, erinnere mich gerade daran zurück, wie ich mir mit 12 Jahren gewünscht habe, mal so zu werden wie sie.
Today at the final of the World Cup, I only hope the players on the field and the whole world remembers that there’s a man and fellow footballer called Amir Nasr, on death row, only for speaking in favor of Women’s rights. pic.twitter.com/VdMicGVaml
— Shakira (@shakira) December 18, 2022
Hoffnung zum iranischen Feiertag
Und jetzt? Wie geht es weiter, frage ich mich. Während meine Familie und ich hier so vorweihnachtlich-cozy zusammenkommen und am Weihnachtsabend dann Khoreshte Bademjan essen, wird weiter protestiert und ich weiß leider, dass auch in unseren Köpfen keine Ruhe einkehren kann. Nicht, solange es keine Freiheit gibt.
Am Mittwoch ist der 21. Dezemeber, die längste Nacht des Jahres. Ein Feiertag im iranischen Kalender. „Shabe Yalda“ bedeutet „Nacht der Geburt“ und meint die Geburt des Lichts. Ob mit dem Licht auch dieses Mal die Hoffnung wiederkehrt?
Vor gut zwei Wochen habe ich kurz Hoffnung gespürt. Am 8. Dezember, bei der 1LIVE Krone haben Nico Santos und ich zusammen das Lied „Baraye“ von Shervin Hajipour gesungen. Das Publikum, darunter RIN, Kraftklub, LEA und Nina Chuba, hat gestanden und Peacezeichen gezeigt.
Hoffnung spüre ich auch, wenn ich sehe, dass die ganze Belegschaft eines Krankenhauses in Neumünster zusammenkommt und singt. Denn, bis die internationalen politischen Institutionen nicht klar Konsequenzen definieren, ist Aufmerksamkeit schaffen und als Zivilgesellschaft zusammen stehen, was uns bleibt, was unsere Macht vereint, um die Revolution weiter anzuschieben.
Und ja, langsam geschehen Dinge: Der Iran wurde am 14. Dezember von der UN-Frauenrechtskommission ausgeschlossen. Fast ist es polemisch, diese News als gute Neuigkeiten zu verkaufen, denn die Rechte der Frauen wurden ja auch schon vor Beginn dieser Revolution missachtet, aber naja. Kleine Erfolge feiern ist meine Strategie der Hoffnung.
So auch diese News: über 100 Politiker:innen haben einzelne Patenschaften zu politischen Gefangenen übernommen. Darunter auch die Grünen-Politikerin Maryam Blumenthal aus Hamburg, die ständig mit Menschen im Land im Kontakt steht und besonderen Aktivismus betreibt.
Wie immer ende ich meine Kolumne hier mit einem Appell: teilt die Bilder und besonders die Namen und Hashtags der Menschen, deren Leben in Gefahr ist! Bleibt dran, zusammen sind wir ein großes Licht der Hoffnung, was aus der Ferne brennen gesehen wird und antreibt!
Be omide azadi. (für die Freiheit)
(Wer Gedanken zu meiner Kolumne hat, schreibt mir doch mal. )
Wer ich bin
Maryam. Iranerin und Deutsche. Künstlerin (MARYAM.fyi). Beende gerade mein Medizinstudium. Kleine und große Schwester. Was mich von meinen Schwestern unterscheidet: Freiheit. Geboren und aufgewachsen in Deutschland, nahm ich diese immer als selbstverständlich an. Vom Iran träume ich mein Leben lang. Ich hatte das Glück, diesen Teil meiner Wurzeln kennenzulernen. Seit meinem 10. Lebensjahr war ich einige Male im Iran, gemeinsam mit meinen Eltern, Geschwistern, Freund:innen. Erst im Sommer habe ich meinen iranischen Pass verlängern wollen. In meiner Kolumne spreche ich viel über Heimat und über Familie. Also seid mir nicht böse, wenn ich emotional bin. Bitte. Danke.
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