Maryam.fyi über die Revolution im Iran: Ma hame baham hastim – Wir sind alle zusammen.
Einmal kurz abtauchen. Luft schnappen. Im Februar, ich sags ehrlich, habe ich neben meinen Klausuren einfach nicht geschafft, ein einziges Wort über den Iran zu tippen. Jeden Tag habe ichs mir vorgenommen, aber die Mischung aus Horrorbildern aus Syrien, Kurdistan und der Türkei und die dauerhaften News aus dem Iran – es war einfach zu viel für mich und ich musste mich kurz auf mein Studium konzentrieren. Nur, falls jemand schon gedacht hat, ich hätte den Mut verloren. So schnell noch nicht, nein.
Im Moment ist es sehr schwierig, weiter Hoffnung zu haben und neue Energie zu schöpfen, wenn man betrachtet, was gerade auf politischer Ebene alles passiert. Ich komme kaum hinterher, alle Zusammenhänge für euch aufzudröseln. Und deshalb werde ich jetzt nicht jedes Ereignis aus den letzten Wochen beschreiben und erklären, sondern mit euch teilen, wieso wir noch weitermachen.
Das erste Mal im Iran
Als ich neun Jahre alt war, sind wir zum ersten Mal mit der Familie in den Iran gereist. Meine Mutter, mein Vater, meine zwei Geschwister und ich. Damals ist sogar eine befreundete deutsche Familie nachgekommen und hat mit uns das Land bereist. Im Flugzeug kurz vor der Landung in Teheran haben wir uns umgezogen. Kopftücher wurden rausgeholt und meine Mama und meine Schwester mussten sich verschleiern. Ich war zu dem Zeitpunkt noch so klein, dass ich kein Kopftuch tragen musste. Nach der Landung war alles so überwältigend. Die Gerüche, Geräusche, das Gefühl der warmen, mit Benzin getränkten Luft vor dem Flughafen in Teheran. All das hatte ich noch nie erlebt.
Die Bilder: Frauen, entweder in Tschadors oder mit Kopftüchern und einem Trenchcoat, darunter dann hautenge Jeans und hohe Schuhe. Ganze Familien, die zusammen auf Motorrädern saßen. Bazare, die nachts hell beleuchtet und voll besucht waren. Vollgepackte Esel am Straßenrand neben glitzernden Reklametafeln – alles war mir neu, denn ich war zu dem Zeitpunkt nur ein Mal außerhalb Deutschlands, in Frankreich gewesen. Bis wir zum ersten Mal im Haus der Kindheit meines Vaters in Mashad angelangt waren, dauerte es. Zu viert saßen wir auf der Rückbank des Taxis. Auf der Straße wurde ständig laut gehupt.
Einige Tage später saßen meine Geschwister und ich mit meinen älteren Cousins allein im Auto. Die Jungs machten einen Song von Pitbull an. Mir war zu dem Moment noch nicht klar, was eigentlich dahinter steckte, wenn wir diese Musik laut im Autoradio hörten. „Westliche Musik” durfte man im Iran nicht hören. Sie war streng verboten.
Im Iran existieren Parallelwelten
Von diesem Urlaub an, reisten wir jährlich für mehrere Wochen in den Iran. Ein weiteres Ereignis blieb mir dabei besonders in Erinnerung und prägte mich bis heute. Wir (meine Familie und ich) kommen vom Flughafen und treffen auf meine Cousins. Mitunter das erste, was passiert: Sie machen den Laptop auf und zeigen uns, wie man ein VPN, ein Virtual Private Network einrichtet und vernetzen sich mit uns auf Facebook. 13 oder 14 Jahre alt muss ich gewesen sein. Da habe ich das erste Mal gelernt, dass man sich den Regeln widersetzt, um Freiheit zu erleben.
Was meine Cousins taten, war kein Einzelfall. Und als Straftat verstand ich es ohnehin nicht. Doch nicht nur die Jugendlichen, sondern auch die Älteren waren zu dieser Zeit bereits gerne in Sozialen Netzwerken aktiv und gingen damit teils viel versierter (auch als meine Eltern zu dem Zeitpunkt) um. Als ich dann zum ersten Mal davon hörte, dass es im Iran illegale Parties gibt und als meine Eltern zum ersten Mal im Haus meines Onkels Schnaps tranken, war ich nicht mehr überrascht. Ich hatte langsam verstanden, dass im Iran Parallelwelten existieren.
Ich bereue es, dass wir nichts mehr von dieser Parallelwelt miterlebt haben. Aber meine Eltern hatten in den letzten Jahren stets zu viel Sorge, um mich noch einmal allein einreisen zu lassen und ich konnte mich dieser nie komplett entgegensetzen, weil ich wusste: Schlimmstenfalls könnten sie Recht behalten.
Widerstand und Revolution
Im Iran sind 50 von 85 Millionen Menschen der Gesamtbevölkerung des Landes jünger als 30 Jahre. Zahlen einer neuen Studie nach zu urteilen, würden 81 Prozent der Iraner:innen bei einem freien Referendum gegen das politische Regime der Islamischen Republik stimmen. Das Gefühl von Widerstand und Revolution ist nicht neu. In den letzten 44 Jahren haben die Menschen sich darauf vorbereitet und auf den Moment gewartet, in dem das Regime anfängt zu bröckeln. Widerstand ist schon immer da, denn Parallelwelten sind in diesem Land das Äquivalent zum Widerstand.
Es ist mir wichtig, kurz davon zu erzählen: In den letzten Wochen schleicht sich, auch bei uns in der Diaspora, viel Sorge ein. Man wird unruhig, kraftlos, mutlos. Aber die Erinnerung muss immer wieder aufflammen, dass ein Land über 40 Jahre im Verborgenen gelebt und geliebt hat. Die Kraft der Menschen im Iran ist unvorstellbar und ihr Mut lässt sich nicht so schnell unterbinden, wie vielleicht meiner. Daran muss ich mich jedes Mal erneut erinnern und dazu aufrufen, dass wir aktiv dagegen angehen und weiterhin die größte Macht der Revolution, die Sichtbarkeit und Aufmerksamkeit, nutzen.
Und deshalb überspringe ich jetzt einen ausführlichen Rückblick auf die letzten Wochen, überspringe den Grammy, den Shervin Hajipour für „Baraye“ gewann und überspringe die Berlinale, auf der iranische Filmemacher:innen präsent waren und auf roten Teppichen Schulterschluss zeigten.
Mir kann nichts passieren
Immer, wenn ich in den Iran reisen wollte, haben meine Eltern mich daran erinnert, dass ich mit einer iranischen Staatsbürgerschaft nicht dieselbe Sicherheit im Land genieße wie die Tourist:innen. Ich dachte mir insgeheim immer: „Mir wird schon nichts passieren. Ich bin ja gleichzeitig Deutsche und unsere deutsche Bundesregierung würde mich schon retten. Mir KANN nichts passieren.” Die Geschichte von Jamshid Sharmahd widerlegt das.
Sharmahd ist ein deutscher Staatsbürger, der vor über 900 Tagen bei einer Reise nach Dubai gekidnappt wurde. Er ist Journalist und Aktivist. Mit sieben Jahren ist er nach Deutschland gekommen und anschließend in die USA gezogen. Jamshid Sharmahd war dem Islamischen Regime ein Dorn im Auge, denn er entwarf Webseiten, die den Widerstand im Volk unterstützten. Im Februar erhielt Jamshid Sharmahd das Todesurteil. Schon lange zuvor, seitdem aber noch lauter als vorher, kämpft seine Tochter Gazelle Sharmahd, ebenfalls Deutsche, um das Leben ihres Vaters.
Ich bitte euch aufrichtig um die Unterstützung ihrer Petition. Gazelles Vater soll laut ihrer Information keine Zähne mehr haben, diese wurden ihm ausgeschlagen. Mir läuft ein Schauer herab, bei dem Gedanken, dass der eigene Vater sich in dieser Situation befindet. Hier findet ihr Gazelles Instagram-Account mit allen Links.
Die Sängerin, Songwriterin, Schauspielerin, Aktivistin und besonders, meine liebe Freundin Jasmin Shakeri hat gestern Abend ein Video geteilt. In diesem Video ist ein Telefonat dokumentiert, in dem eine Verwandte von Jasmin darüber erzählt, dass ihre Tochter verletzt ist.
Der Grund dafür: In vielen Mädchenschulen wurden über die letzten Wochen und vermehrt in den letzten Tagen Mädchen mit Gasen und Essen vergiftet. Sogar von offizieller Stelle wurde zugegeben, dass so versucht wurde, Mädchenschulen zu schließen. Das Video sollte großflächig gesehen werden, denn solche Gräueltaten fordern handeln, fordern Konsequenzen, fordern unseren Aufschrei!
Vor vier Tagen beim UN-Menschenrechtsrat hat der iranische Außenminister gesprochen. An derselben Stelle, an der im letzten Jahr dutzende Diplomat:innen den Saal verließen, als die russische Aussenministerin das Wort hatte, waren es vor zwei Tagen nun beachtlich wenige, die aufstanden und dem Iran in seiner Legitimität bildlich den Rücken kehrten.
Zum Schluss aber nochmal ein paar persönliche Worte; Ich bin wieder da und werde wieder regelmäßiger über die Ereignisse im Iran schreiben. „Ma hame baham hastim”, sagt man auf persisch. Wir sind alle zusammen. So lange es auch braucht.
Meine Lieblingsliste. Viel Herzschmerz:
Das neue DIFFUS Print-Magazin
Titelstory: Ikkimel
Auch im Heft: Noah Kahan, Baran Kok, Josi, Robyn, Philine Sonny und Apsilon.
Dazu große Reportagen über die Vaporwave-Szene in Deutschland, die extreme Metal-Szene in Subsahara-Afrika oder das Rap-Projekt „HaftBars“ in einer Berliner Jugendstrafanstalt.