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Maryam.fyi über die Revolution im Iran: Zehn Wochen. Ein Marathon, kein Sprint.

Posted in: Kolumne
Tagged: Maryam.fyi

Während ich beim Zahnarzt liege und die Augen, wie von der Arzthelferin befohlen, geschlossen halte, versuche ich, durchzuatmen. Ich rede mir die Übungen zu, die ich auch zum Einschlafen mache: „Autogenes Training“. Es funktioniert (komischerweise) nicht besonders gut. (seufz.) 

Also doch wieder zurück hierhin: Revolution im Iran.

Das passiert gerade im Iran

Wir erinnern uns, letzte Woche war der Generalstreik im Iran. Diese drei Tage sind überschritten, die Streiks aber gehen weiter. In der Nacht vom 19. auf den 20. November wurde in Mahabad, in West-Kurdistan, besonders brutal gegen die Bevölkerung vorgegangen. Zuvor hatte diese es geschafft, die Stadt unter ihre Kontrolle zu bringen. Das islamische Regime reagierte mit dem Einsatz von Artilleriegeschoss und Giftgas. Mit wahlloser Gewalt wurden die Menschen angegriffen, mit scharfer Munition auf sie geschossen, mit aller Wucht in Häuser eingedrungen und Menschen verschleppt. Videos und Posts aus Kurdistan, die uns in dem Zeitraum erreichten, erinnerten an einen Kriegszustand. Nur, dass hier keine zwei Länder im Krieg sind, sondern die Bevölkerung, die unbewaffnet, nur mit Steinen und ihren Händen dasteht, von ihrem Land angegriffen und massakriert wird. Durch die Berichterstattung im Land versucht das gewaltvolle Regime unter Präsident Raisi die Zivilbevölkerung zu entzweien und Chaos zu entzünden. Eine Handlung, die erahnen lässt, wie sehr der Druck die Machthaber ins Schwanken bringt. Und die schrecken vor nichts zurück. Ich könnte Seiten mit den Gräueltaten füllen, die wir über das Internet betrachten können. An dieser Stelle ende ich damit. 

Stummer Protest in Katar

Über die Fußball WM in Katar zu sprechen wäre ein ganz neues Kapitel. Dass die iranische Nationalmannschaft bei ihrem Debüt in Katar zur Nationalhymne schweigt, ist ein Zeichen. Am Tag darauf passiert tragisches: der ehemalige Nationalspieler Voria Ghafouri wird  festgenommen, nachdem er mehrfach auf Protesten erschienen war. Will man grossflächig einschüchtern? In diesem Fall ist das ein Erfolg, denn: Beim Spiel heute gegen Wales schweigt keiner der Nationalspieler mehr. Sie alle singen die Nationalhymne mit.

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Das ist wirklich eine Tragödie für die Menschen im Iran. Auf der Tribüne laufen Tränen in den Gesichtern der Fans. Andererseits darf man auch nicht vergessen: Niemand kann zum Märtyrertum verpflichtet sein. Der öffentliche Protest im Iran kommt diesem gleich.

Herbert Grönemeyer solidarisiert sich

Heute ist Freitag, der 25. November. Die Videos aus Kurdistan sind wenige. Das lässt davon ausgehen, dass die Gewalt zunimmt. In Kurdistan werden Exempel statuiert. Wo in Teheran mit Tränengas und Gummipatronen vorgegangen wird, werden in Kurdistan die Menschen besonders brutal niedergeschlagen. Die Hemmschwelle gegenüber dem kurdischen Volk ist noch niedriger, als die gegenüber dem Rest. Das soll gesehen werden und es soll vor allem eins: abschrecken. Abschrecken, das will die Regierung auch im Ausland. Es kursieren Bilder von Anzeigen in Deutschland, bei denen Menschen wegen “übler Nachrede gegenüber dem Revolutionsführer Khamenei” angezeigt werden. Das Ziel: Die Stimmen im Ausland zum Verstummen bringen. Hoffentlich ohne große Wirkung. Letzte Woche veröffentlicht Herbert Grönemeyer, von nun an wird er auch liebevoll “Amoo Herbert” (Onkel Herbert) genannt (Zitat von Nava Zarabian), seinen neuen Song „Deine Hand” und zeigt im Video kompromisslos seine Solidarität mit den Menschen im Iran.

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Die Stimmen in Deutschland und der Welt werden lauter

Um an den blutigen November zu erinnern, wurden am vergangenen Samstag in vielen Städten weltweit große Kundgebungen abgehalten. Ich war in Hamburg und hörte überall um mich herum Stimmen, die sagten: „Das sind jetzt deutlich mehr Menschen als vor sechs Wochen!“ Na endlich.

RadioEins macht gestern einen Thementag zum Iran, Enissa Amani hält Mittwoch eine Rede vor dem Brandenburger Tor und die Aktivistinnen Düzen Tekkal und Daniela Sepehri waren beim Bundeskanzler im Gespräch. 

Das alles ist anscheinend noch immer nicht genug, aber: Es schafft Hoffnung. Für mich persönlich die Hoffnung, dass ich nicht mehr über den Whatsapp-Status meines Vaters die ganzen Horror-Nachrichten aus dem Iran beziehen muss und diese, dass ich ihn nicht jeden Tag auf Fotos von Demonstrationen in der Nähe sehe. Denn: Sie brechen mir das Herz. 

Gestern tagt eine Sondersitzung des UN-Menschenrechtsrates in Genf, die sich mit der Situation im Iran beschäftigt. Endlich. Zehn Wochen Revolution – ein Marathon, kein Sprint. Wir müssen uns die Kräfte gut einteilen, dürfen nicht aufhören. Die Untersuchungen gegen das Iranische Regime und Menschenrechtsverletzungen werden nun endlich aufgenommen. Was direktes Feedback an dieser Stelle an uns alle bedeutet. 

Unsere Reposts, unermüdlichen Demonstrationen und Petitionen scheinen zu wirken. 

Das hier ist die vierte Ausgabe meiner Kolumne und ich bin dankbar für alle, die bis hierhin gelesen haben und die unsere Kolumne weiterleiten oder Rückmeldung geben. Das ist für mich Brennstoff.

Weiter gilt: VPN einschalten! Und wenn jemand ein bisschen mehr davon verstehen will, wie es „uns“ so geht: „Nachts ist es leise in Teheran“ (Buch)„Persepolis“ (Film, nach den gleichnamigen Comics von Marjane Satrapi, gibt Einblicke in das Leben im Verborgenen im Iran, für ein bisschen Kontext).

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