Mentale Qualen und kalte Beats: Der Wiener Newcomer Ikko veröffentlicht seine neue EP „F/W 2022“
Jakob Wurdak aka Ikko ist Newcomer aus Wien und hat schon im vergangenen Jahr eine spannende EP zwischen NNDW und Alternative Hip-Hop veröffentlicht. Nun übertrifft sich der aufstrebende Künstler mit der neuen EP „F/W 2022“, die in den Wintermonaten entstanden ist und die Hörer:innen in Ikkos Gefühlswelt während dieser Zeit transportiert. Spoiler-Warnung: Kein schöner Ort.
Beats wie eine Migräne-Attacke
Der Begriff „F/W“ (kurz für „Fall/Winter“) kommt aus der Mode-Welt und fungiert hier als universeller Begriff für Winter-Kollektionen. Der Titel von Ikkos neuer EP hat also etwas Saisonales, vielleicht würde der Musiker in seiner „S/S“-, also „Spring/Summer“-Kollektion, ganz anders klingen. Und vielleicht bestätigt sich das ja auch in den kommenden Monaten, aber fürs Erste bleiben wir im Hier und Jetzt, bei kalten, kurzen Tagen mit dunklen Gefühlen und Gedanken, die den gesamten Verstand einnehmen.
Dabei fängt „F/W 2022“ täuschend friedlich an, mit einem sanften „Wurlitzer“-Piano, nachdem der Opener auch benannt ist. Aber schon hier kündigen die stolpernde Percussion, die ungewöhnliche Songstruktur und nicht zuletzt Ikkos bearbeitete Stimme an: Die nächsten 18 Minuten werden eine besondere Erfahrung. Mit „Wurlitzer“ endet auch die Ruhe, das altehrwürdige Piano stürzt in den mentalen Abgrund und landet „imhohengras“. Hier regieren kalte Synthesizer und Kick-Drums, die auf die Schädeldecke einhämmern wie eine Migräne-Attacke. Ikkos gequälte Vocals versinken beinahe in der Musik, die Essenz versteht man trotzdem klar und deutlich: „Ich will hier raus“. Seine Stimme schwankt zwischen Flüstern und Growling, ein Stilmittel, das von seinem Interesse an avantgardistischem Metal zeugt.
Die kreischenden Industrial-Synthies tauchen auch im nächsten Song „Bitte brich mein Herz“ wieder auf, ein Song, der den Cold Wave- und EBM-Sound der 80er herauf beschwört, nur eben noch härter, noch schneller, noch grausamer. Kurz darauf folgt mit „Eat me up!“ eine 180-Grad-Wende, Ikko singt englisch, begleitet von experimentellem Lo-Fi-Grunge. Ähnlich divers geht es weiter: „Schwarz“ kommt mit rauschenden Jungle-Beats, „Waschbaer“ mit UK Garage und Synthesizern, die kreiseln, bis den Hörer:innen schwindelig wird. Aber egal, wie die klangliche Umgebung ausfällt: Ikko klingt unbequem und ehrlich gesagt auch unangenehm – im besten Sinn. Der Newcomer zeigt ungefiltert, wie sein Winter aussah, zwischen Mental Health-Krisen, Selbstzweifeln, emotionalen und realen Abhängigkeiten. Das Ergebnis ist nicht schön – aber in jedem Fall sehr gut.
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