Mit seinem neuen Album „Gartenstadt“ will Apache 207 auf den Deutschpop-Olymp
Egal, wie oft man sie niederschreibt: Die Geschichte von Apache 207 ist und bleibt eine aus dem Bilderbuch. Aufgewachsen in den nicht so schönen Ecken von Ludwigshafen und Mannheim, hat sich der junge Musiker mit seinem schillernden Aussehen zwischen Roller-Skates, Adidas-Jogger und Hits wie „Roller“ oder „200 km/h“ schnell zur absoluten Deutschrap-Prominenz hochgespielt. Einen Status, den er mit seinem eindrucksvollen Live-Debüt auf Arena-Niveau sowie einer eigenen Amazon Prime-Doku dann im folgenden Jahr weiter zementierte.
Aber damit begnügt sich der Disco-Gangster noch längst nicht: Mit „Komet“ hat er schon im Januar einen Song geschaffen, an dem man für den Rest des Jahres wohl nicht vorbei kommen wird. „Komet“ ist eine historische Zusammenarbeit, schließlich tut sich Apache hier mit keinem geringeren als Udo Lindenberg zusammen, um einen Pop-Hit mit Ambitionen für die Ewigkeit zu kreieren.
Neue Zielgruppe
Und der Erfolg gibt ihnen Recht: „Komet“ befindet sich auf einem wahrlich astronomischen Siegeszug durch die Charts und wurde erst vor kurzem zum ersten Mal von der Eins abgelöst. Mit dem Hype um „Komet“ schwappt auch eine völlig neue demografische Hörer:innenschaft ins Apaches Zielgruppe: Die Fans von Udo Lindenberg, die Mamas und Papas, die auf einmal merken – der Typ mit der langen, seidigen Mähne kann ja was! Dieses neu erschlossene Publikum gilt es nun also abzuholen und das versucht Apache 207 mit seinem neuen Album „Gartenstadt“ – zumindest streckenweise.
Sound für Dieter und Sandra
Gerade der Opener „Was weißt du schon“ klingt auffällig „alt“ oder vielleicht auch einfach zeitlos, mehr nach dem großen Deutschpop von Udo & Co. als nach der aktuellen Techno-affinen Rap-Generation. Die darauf folgende, bereits bekannte Single „Breaking Your Heart“ zielt mehr auf 80er-Synthie-Pop à la The Weeknd – mit Sicherheit nicht die Neuerfindung des Rades, aber eben ein Sound, den auch Dieter und Sandra verstehen.
Ausflug nach Miami
Die beiden dürften aber spätestens dann ein wenig vor den Kopf gestoßen sein, wenn es zur Hälfte von „Gartenstadt“ dann wieder rappiger wird: Auf „Kurz vor 4“ und „Neunzig“ huldigt Apache dem clubbigen Miami Bass-Sound und spittet Lines wie „Du Hurensohn, was bringt dir all dein Geld, wenn Apache den dritten Knopf öffnet von seinem Hemd“. „Coco Chanel“ und „Caprisonne“ sind dagegen astreine Trap-Banger im Kaliber von „Angst“ und „Bläulich“ und auch „Schimmel in der Villa“ basiert auf harten Hip-Hop-Beats.
Vom Kinderzimmer in die Riesenvilla
Letzt genannter Song ist musikalisch zwar nicht unbedingt spektakulär, aber was Performance und Emotionen angeht das absolute Highlight der Platte. Zu keinem anderen Zeitpunkt gelingt Apache der Flashback in seine Kindheit so schauderhaft überzeugend, wie wenn er hier fast schon wimmert: „Sieben Meter hohe Decken, Sechs-Gänge-Dinner / Acht Zylinder, aber Schimmel in der Villa / Fühl mich wie in meinem Kinderzimmer / Ich will kein Schimmel in der Riesenvilla!“. Solche expressiven Darbietungen sind zu verquer, um das Top 40-Publikum abzuholen, umso schöner das sie trotzdem ihren Weg auf „Gartenstadt“ gefunden haben.
Im Spagat auf den Pop-Olymp
Die fast schon theatralische Dramatik setzt sich auch auf dem folgenden Song fort, in dessen ausgedehntem Intro wir Scheibenwischer und Regengeräusche hören: „Fahr durch den Tunnel, denn ich glaub’, ich seh am Ende etwas Licht / Das war nicht die Sonne, ich wurd’ geblitzt“. Diese Zeilen bringen dabei eigentlich auch die großen Themen von „Gartenstadt“ auf den Punkt: Der Aufstieg von nichts zu Autos, mit denen man auch gerne das Geschwindigkeitslimit sprengt, von Schimmel zu Reichtum und schneller Liebe, die nur bedingt das Loch im Inneren füllen kann.
Diese Story nimmt man Apache jederzeit ab – nur hat man sie eben in ähnlicher Form schon auf zwei voran gegangenen Alben gehört. Sogar seine Tour im letzten Jahr war ja mit ihrem Bühnenbild und den Kurzfilm-Interludes voll und ganz um den Werdegang vom Friseur zum Millionär gebaut und an diesem Themenkosmos hat man sich eben langsam sattgesehen und -gehört. Trotzdem stellt „Gartenstadt“ ein würdiges Intro für alle dar, die nach „Komet“ neu dazugekommen sind, auch wenn es schwer fällt zu glauben, dass es immernoch Menschen, gibt die zum ersten Mal von diesem Künstler hören. Das Album ist so massentauglich, dass die Generation Udo mühelos über die paar Trap-Bretter hinweghören kann, für die die Gen Z Apache 207 feiert. Um endgültig im ganz großen Mainstream mitzuspielen, hat sich der Musiker also nicht verbogen – sondern ist mit seinen Rollschuhen ganz elegant in den Spagat gegangen.
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