DIFFUS

Nach der WM ist vor den Popkulturkürzungen

Posted in: Newsletter

Hallo zusammen!

Wir sind noch immer ein bisschen farbenblind von den popkulturellen Ereignissen am Wochenende. Erst Zara Larsson auf dem Lollapalooza und dann der bunte Fiebertraum der WM-Final-Halbzeitshow – mehr bunt und mehr „LOVE“ geht ja eigentlich kaum. Andererseits war dieser virtuelle Zuckerkick auch bitter nötig, nachdem die Woche mal wieder die ein oder andere schlechte Nachricht für Musikfans parat hatte. So mussten wir dann doch kurz schlucken, als das Highfield meldete, zum vorerst letzten Mal stattzufinden. Wenn schon die großen Festivals diesen Schritt gehen müssen, wird noch ein wenig deutlicher, mit was die kleineren zu kämpfen haben. Auch die Nachrichten aus der Politik waren für Popfans und Kreative eher mies – allen voran die Meldungen aus dem Haus von Kulturstaatsminister Wolfram Weimer, der im kommenden Jahreshaushalt für 2027 massiv im Pop-Ressort sparen will. Dafür kriegen aber die Bayreuther Festspiele, die alle Jahre wieder zu Ehren des berühmten Antisemiten Richard Wagner und seinen Erben und Erbinnen stattfinden, rund eine Million Euro mehr. Diese Entscheidung, die vor allem auf Kosten des Pop-Nachwuchs des Landes geht, ist nicht weniger als eine Richtungsentscheidung zugunsten teutonischer Hochkultur. Dabei bräuchte es in einem harten Musikmarkt, wie wir ihn heute haben, Popkulturförderung eigentlich mehr denn je. Aber was soll man auch erwarten von einem konservativen Minister wie Weimer, dessen Performance auf dem normalen Arbeitsmarkt schon längst zu einer Kündigung geführt haben würde? Einem Typen, der gar nicht erst den Eindruck erweckt, er hätte ein Verständnis dafür, wie Kultur außerhalb seiner elitären Kreise funktioniert? 

Bevor wir hier aber gänzlich resignieren: Auch in der vergangenen Woche gab es wieder fantastische Neuveröffentlichungen, tolle Künstler:innen in unseren Studios, gute Festivals und mitreißende Clubkonzerte, die uns allesamt zeigen: In Sachen Musik geht immer noch einiges – und das kann uns keiner nehmen.

To Athena malt ihr „Have I Lost My Magic?“-Albumcover

Hinter dem Namen To Athena steckt eine Schweizer Künstlerin mit einigen Easter Eggs im Gepäck. Schließlich können nur wenige deutschsprachige Musikerinnen von sich behaupten, gemeinsam mit Greenpeace in einer schmelzenden Gletschergrotte performt zu haben und von einer stetig wachsenden Fanbase in Mexiko überrascht zu werden. Ihre ersten Bühnenerfahrungen sammelte To Athena bereits 2011 bei einer Talentshow, damals war sie gerade einmal 16 Jahre alt. Größere Bekanntheit in der Schweizer Musikszene erlangte sie später mit ihrem Debütalbum „Aquatic Ballet“ und Songs wie dem berührenden „Angscht“, in denen sie englischsprachigen Art-Pop mit Schweizerdeutsch verbindet. Im Paint Your Cover“ spricht To Athena mit uns darüber, warum sie inzwischen auch die guten Seiten des Internets zu schätzen weiß, wie die ungewöhnliche Zusammenarbeit mit Greenpeace zustande kam und weshalb ihre Musik ausgerechnet in Mexiko auf besonders viel Resonanz stößt.

Unsere Lieblingssongs in dieser Woche

Musikerin, DJ, Musikproduzentin, Sängerin und Podcasterin Josi Miller schenkte uns am Freitag einen herrlichen melancholischen Track namens „1984“, der in den ersten Minuten alternativer Pop ist und dann in elektronische, tanzbare Sphären aufbricht. Tober bleibt mit seiner neuen Single „Baujahr 201“ einer unserer Lieblingswiener und Garant für deepen, deutschsprachigen Pop. Krasses Comeback nach etwas längerer Pause auch von Elif„Leb wieder“ beginnt mit einer Sprachnachricht aus dem tiefsten Keller einer Depression und richtet uns dann wholesome und ergreifend wieder auf. Hinter Shuco und Robeltobel stehen die Berliner Conrad und Robert, die bereits seit der Grundschule befreundet sind – ihr Track „bel étage“ ist einer der besten auf dem starken Debütalbum „zwei sticker“. Last but not least erfreuen wir uns wieder an dem grandiosen Künstlernamen Taubenraucher – und seinem neuen, sehnsüchtigen Geniestreich „Seide“.

Album der Woche: Nia Archives – Emotional Junglist

Mit „Emotional Junglist“ entwickelt Nia Archives ihren charakteristischen Jungle-Sound konsequent weiter. Statt sich auf rasante Breakbeats und nostalgische 90er-Referenzen zu beschränken, verbindet sie diese mit Post-Punk-Gitarren, Indie-Pop und Soul. Inhaltlich folgt das Album einer Beziehung vom ersten Crush über die euphorische Verliebtheit bis hin zu einem schmerzhaften Ende. Songs wie „Danger“ oder „Dance with me 2night“ tragen noch die Aufregung einer neuen Liebe in sich, während sich auf „Tender“ mit Sampha und spätestens in „The Darkest Hour“ Verletzlichkeit und Enttäuschung durchsetzen. Auch Jorja Smith ist auf dem atmosphärischen „Get Me Down“ zu hören. So wird „Emotional Junglist“ nicht nur zum Soundtrack eines Breakups, sondern auch zu einer Art Coming-of-Age-Geschichte.

Cover neues DIFFUS Magazin

Das neue DIFFUS Print-Magazin

Titelstory: Ikkimel

Auch im Heft: Noah Kahan, Baran Kok, Josi, Robyn, Philine Sonny und Apsilon.
Dazu große Reportagen über die Vaporwave-Szene in Deutschland, die extreme Metal-Szene in Subsahara-Afrika oder das Rap-Projekt „HaftBars“ in einer Berliner Jugendstrafanstalt.