Neues Mixtape „Fieber“: OG Keemo und Funkvater Frank brauchen kein Konzept
Vor knapp zwei Jahren haben OG Keemo und Funkvater Frank mit „Mann Beißt Hund“ der ganzen Deutschrap-Szene die Hoffnung in das Albumformat wiedergegeben. Nicht nur das, „MBH“ und schon der Vorgänger „Geist“ waren sogar ausgewachsene Konzeptalben, mit wiederkehrenden Themen und Motiven. Aber Keemo und Franky können nicht nur verkopft: Mit „Fieber“ veröffentlichen die beiden Partner in Crime ein loses Mixtape mit zahlreichen Featuregästen und zeigen, dass sie auch ohne roten Faden genügend Stoff für ein Projekt haben, das man schon jetzt guten Gewissens als eines der stärksten des Jahres bezeichnen darf.
Zwischen den Welten
OG Keemo ist Deutschraps Kendrick Lamar. Ein Vegleich, mit dem der Rapper bekanntlich nichts anfangen kann, aber er trifft eben doch. Gar nicht mal, weil sich die beiden stilistisch so ähnlich wären, sondern eher, weil sich die gesamte jeweilige Szene darauf einigen kann, dass diese Typen einfach unbestreitbar gut sind. Oldheads, die Deutschrap nach Samy Deluxe einfach nicht mehr gekickt hat, lieben Keemo, genauso wie wie Trap-Jünger, die es kaum erwarten können, sich in den nächsten Moshpit zu schmeißen. Nachdem „Mann Beißt Hund“ 2022 mit seiner konsequenten, fast schon hörpiel-artigen Dramaturgie eher erstere Zielgruppe abgeholt haben dürfte, findet der Rapper gemeinsam mit seinem Stammproduzent Funkvater Frank nun eine goldene Mitte: das Mixtape „Fieber“.
Einblicke in den chaotischen Aufnahmeprozess sowie die Videodrehs gab es in den letzten Wochen auf dem Instagram-Kanal @album2024oderso zu sehen. Auf musikalischer Seite konnten sich die Fans schon durch divers Singles einen Eindruck von „Fieber“ machen: Da gab es durchgespittete Freestyle-Momente wie „Torshavn“ oder der Titeltrack „Fieber“, den abstrakten Anti-Kopfnicker „Tasche“ mit Souly und zuletzt die andächtigen Jungle-Breaks von „Bee Gees“ mit Levin Liam.
Ausgewählte Featuregäste
Was hier schon auffiel: Keemo scheint offener für Featuregäste zu sein, nachdem er sich auf vorherigen Projekten nur selten mit solchen umgeben hat. Nun ist „Fieber“ endlich erschienen und bestätigt diesen Eindruck: Auf vielen der Tracks teilt sich OG Keemo das Spotlight mit anderen Artists, die er geschickt in seinen musikalischen Kosmos holt. Das fällt besonders bei Songs wie dem „Guten Tag“-Remix auf, wenn der britische Drill-Rapper PS Hitsquad auf einmal über nostalgische Soul-Samples flowt. Kurz darauf hüpft auch der Kölner Straßenrapper Cgoon auf so ein Instrumental, mit Erfolg, ein bisschen, wie als Tyler, The Creator NBA Youngboy auf „Call Me If You Get Lost“ geholt hat. Ganz in seiner Komfortzone bewegt sich dagegen Shindy, der kurz darauf auf dem RnB-Beat von „Pimpsport“ zu hören ist: „Ich stand bei McDonalds, wusste irgendwann / Rock ich Jesus Pieces in der Größe von ‘nem Burger Bun“.
Smoothe Übergänge dank Funkvater Frank
Shindy ist nicht die einzige Deutschrap-Größe, die Keemo und Funkvater Frank auf „Fieber“ rekrutiert haben. „99 Grad“ ist ein Moshpit-Banger, wie man sie von „Geist“ kennt und liebt, mit verspulten Samples – und Rin-Feature, das sich schon durch sein berühmt berüchtigtes „Oh Junge!“ Ankündigt. Ähnlich wuchtig geht es auf „OKAY!“ mit 2lade zu. Hier braucht es außer Bass und Drums nicht viel, dafür sorgen die Flows der beiden Rapper und die zahlreichen verspielten Beat-Elemente von Funkvater Frank für Abwechslung. Man könnte meinen, dass solche brachialen Momente mit den eleganten Soul-Samples auf anderen Songs kollidieren, aber durch verschiedenste Skits und Interlude gelingt dem Duo stets der passende Übergang.
Kein „MBH“ – aber wahrscheinlich das beste Mixtape des Jahres
Wer lebendige Portraits von glaubwürdigen Charakteren wie Karim, Malik und Yasha wie damals bei „Mann Beißt Hund“ erwartet, ist hier fehl am Platz. Der Name ist bei „Fieber“ Programm: 19 Tracks, wie im Delirium zusammengebastelt. Ohne Storyline, ohne Plot-Twists, einfach zeitloser Rap und ein Punchline-Gewitter sondergleichen. Dabei lässt sich OG Keemo trotz der vielen Gäste zu keinem Zeitpunkt das Spotlight als Protagonist nehmen. Die Songs bewegen sich in ihrer Länge meistens um die 2 Minuten und sind zugänglicher als viele von Keemos bisherigen Releases, trotzdem ist „Fieber“ ein Qualitätsprodukt, dem die Bezeichnung Mixtape kaum gerecht wird. OG Keemo und Funkvater Frank setzen von Release zu Release eine Messlatte, die eigentlich nur für sie selbst gilt – der Rest der Szene kann nur ehrfürchtig nach oben schauen.
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