Nicht vergessen: „Live is Life! Nah-nah-nah-nah-nah!“
Hallo zusammen!
Wir arbeiten uns ja seit geraumer Zeit an der KI-Thematik ab und sind kürzlich mal wieder zu tief ins Rabbit Hole gestiegen. Uns ist nämlich aufgefallen, dass viele der aktuellen KI-„Künstler“ vor allem KI-Videos produzieren, in denen man sie in Pseudo-Live-Situationen sieht. Levant – eine Art „1986zig bei Temu bestellt“ – „performt“ zum Beispiel ständig vor einem Fake-Arena-Publikum. Eine Reihe von Videos, die besonders oft gesehen werden, setzt gar auf Fake-Publikums-Interaktionen. Vor allem die sind in Sachen Cringe-Level ungeschlagen: Einmal reicht KI-Levant einem kleinen KI-Mädchen das Mikro, damit diese eine Zeile aus seiner slightly misogynen KI-Break-up-Nummer „Ruf mich nicht mehr an“ singt. In der Caption steht: „Lasst ein <3 für die kleine Maus da.“ An dieser Stelle weiß man wirklich nicht, ob man lachen, weinen oder kotzen soll.
Die Kommentare unter diesen Videos machen die Sache nicht besser: Viele schnallen nicht, dass man hier KI sieht, andere schreiben, ihnen sei es egal. Ein großer Teil stammt aber auch von – vorsichtig formuliert – ominösen Profilen. Oder von anderen KI-„Künstlerinnen“, die ebenso versuchen, mit KI-Slop-Songs Reichweite zu machen.
Leider haben wir zu lange auf diese Videos geschaut und bekommen sie nun täglich auf die For-You-Page gespielt. Gerade erst rauschte da wieder ein schon etwas älteres Video von Nimi rein – ihr wisst schon, der KI-„Künstler“, der uns die ebenfalls misogyne Nummer „Warum sagt ChatGPT?“ beschert hat. Er spielt da einen Song namens „Move Like That“ in einer hart an der Urheberrechtsverletzung vorbei schrammenden „Tiny Desk Concert“-KI-Kulisse. So was machen die Leute, die sich ihn ausgedacht haben, gerne. Die „Colors Session“ hat es auch schon erwischt. Nimi sieht man ebenfalls ständig in Fake-Unplugged-Sessions, Fake-Stadionkonzerten, Fake-Arena-Situationen.
Diese optisch immer echter aussehenden Videos setzen dabei besonders gerne auf Nahaufnahmen von bewegten KI-Gesichtern, die mal weinen, mal grinsen, mal mitsingen, mal ergriffen ausschauen. Genau das ist es, was wir extrem gruselig und zynisch finden. Zugleich macht es uns aber auch Hoffnung. Sie simulieren schließlich auf traurig-verzweifelte Weise das, was all diese KI-Produktionen niemals erreichen werden: ein emotional bewegtes Live-Publikum, was immer noch die härteste und beste Währung für reale Künstler:innen ist.
So sehr man die KI also auch mit Szenen aus Live-Aufnahmen von guten Konzerten trainiert, die Live-Stimmung, den Schweiß, die Euphorie der Menschenmenge, die Gespräche mit Gleichgesinnten vor und nach der Show, selbst das Generve von einigen Personen oder der Klostein-Geruch vor den WCs – all das wird eine KI so schnell nicht generieren können.
Deshalb, wie Opus passenderweise schon 1984 sangen: „Live is Life! Nah-nah-nah-nah-nah!“ Das kann uns erst mal keine KI nehmen …
Beartooth im Videointerview: „I’m more myself than I’ve ever been“
Unsere Lieblingssongs in dieser Woche
Pascow, die sich übrigens nach einer Figur aus einem Stephen-King-Roman benannt haben, stehen seit Jahren für melodischen, stabilen, poetischen Punkrock. Ihre neue Single „Und wir so“ ist zugleich Titeltrack des 2027 kommenden Albums und eine euphorische Hymne für all jene, die auch nicht viel haben, aber deshalb nicht gleich nach unten treten. Um gesellschaftliche Spaltung geht es auch in „Box of Tricks“ – und um die Angst vor eskalierenden Kriegen. Der dunkle, faszinierende Spoken-Word-Track von BODUR und Coby Sey nimmt dafür einen britischen Kinderreim als Ausgangspunkt. Eine gefällte Fichte im Garten des Elternhauses – und plötzlich fehlt mehr als ein Baum. In „Fichtenholz“ erzählt die Sängerin und Songwriterin Akryl von einem Ort, dem sie ihre Kindheit anvertraut hat und der nun zu Asche geworden ist – das tut sie, wie immer, mit ihrer einzigartigen Sprache und dieser Stimme, die direkt unter die Haut geht. Das Finna rappen kann, wissen wir schon eine ganze Weile. Nun bringt sie einen Pop-Song raus und auch der kickt ungemein. Das macht Bock auf „Mehr Bock als Kappas“. Last but not least setzen wir uns in einer Spandauer Eckkneipe an die Theke und lauschen Kosta, wie er da rappt und singt „Solang die Sonne scheint“.
Album der Woche: Fontaines D.C. – Dopamine Chamber

Fontaines D.C.s vorheriges Album „Romance“ war musikalisch sehr überzeugend und feierte kommerziell große Erfolge. Natürlich waren deshalb die Erwartungen an die irische Band zuletzt hoch. Und man kann ohne Zweifel sagen: Die neue Platte „Dopamine Chamber“ erfüllt diese Erwartungen. Fontaines D.C. entwickeln ihren Sound durch verschiedenste Experimente weiter, ohne ihre ihren Wiedererkennungswert zu verlieren. Es entsteht eine düstere Klangwelt, getragen von deutlich synthetischeren, kühleren Instrumentals als man es von früheren Alben der Band gewohnt ist. Frontmann Grian Chatten verarbeitet auf dem Album Zukunftsängste und gesellschaftliche Ohnmacht – entsprechend pessimistisch sind die Texte der Songs.
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