Probleme, die keine sind und gute Menschenmusik
Hallo zusammen!
Wir beginnen die Woche mit einem Kommentar in Sachen K.I.-Musik, bei dem wir nicht wissen, ob wir nur lachen oder auch ein bisschen kotzen wollen. Das Internet grillt gerade einen „Entrepreneur und AI-Educator“ namens Nick Saraev. Der Typ ist um die 30, wollte eigentlich mal Mediziner werden und ist dann dem Hype um Künstliche Intelligenz erlegen. In der letzten Woche postete er auf X: „Das meine ich nicht als Witz: Spotify, Apple Music und Streaming im Allgemeinen sind over. KI-Musik ist inzwischen sehr, sehr gut. Das wisst ihr alle nur eben noch nicht, weil die KI-Musik, die heute auf den Plattformen zu hören ist, mit der Technik von vor 2 oder 3 Jahren generiert wurde. Suno v6 Pro hat das Problem unendlich generierter personalisierter Musik gelöst.“ Wer sich mit den technischen Entwicklungen unserer Zeit befasst – und vor allem mit den Männern, die diese vorantreiben oder kommentieren – kommt oft an diesen Punkt zwischen Lachen und Kotzen. Es ist wirklich eine Schande und eine extrem gefährliche Entwicklung, dass man dabei narzisstischen, bisweilen psychopathischen, meistens pseudointellektuellen, oft drogensüchtigen Dudes wie Elon Musk, Peter Thiel, Alex Karp oder hirnfrittierten Rechtsextremen wie Curtis Yarwin zuhören muss und vielen von ihnen viel zu viel Macht an die Hand gibt. Und es ist ein Ärgernis, dass diese Zeit Kommentare wie jenen von Saraev hervorbringt.
Allein in diesem Post steckt so viel drin: Er betont noch einmal, was uns eh seit langem stört. Viele KI-Angebote lösen Probleme, die keine sind. Sie tun das basierend auf einem „Wissen“, das sie auf unlautere Weise von eh schon schlecht bezahlten Menschen geklaut haben. Sie tun das mit einer Technik, die einen pervers hohen Energieverbrauch hat. Und sie produzieren Slop und Schmock, der es noch schwieriger macht, Echtes von Fake zu unterscheiden, oder gute Musik von echten Menschen zu finden. Niemand hat danach gefragt, einen unendlichen Strom an künstlich generierter Musik hören zu können, die exakt eine Facette unseres persönlichen Geschmacks bedient. Allein das als einen Wunsch auszumachen, zeugt von einem akuten Nichtwissen, wie Menschen Kunst im Allgemeinen und Musik im Besonderen rezipieren. Hinzu kommt, dass Nick Saraev und alle anderen bei ihrer Charme-Offensive in Richtung Musikindustrie ihre Ursünde immer unterschlagen: Gut, Suno hat jetzt einen Deal mit Warner abgeschlossen für einen befristeten Zeitraum, aber die Version, die jetzt dann eben mal Warner-Content nutzt, basiert auf einer älteren, die einen der größten Copyright-Diebstähle der Menschheit mitgetragen hat.
Und es bleibt die Frage: Warum kriegen diese Firmen und diese Menschen so viel Geld hinterhergeworfen, dafür, dass ausgerechnet sie – die augenscheinlich ein minimales Verständnis von Kunst, Kultur und der Menschheit an sich haben – dieses Spielfeld mit ihrer Technik beackern dürfen?
KI ist faszinierend und kann sicher viel bewirken – und tut das auch – aber warum arbeiten diese Ressourcen, sehr populistisch gefragt, nicht daran das Problem des Hungers auf der Welt zu lösen oder ein Heilmittel gegen Krebs zu finden? Saraev legt übrigens noch einen drauf und schrieb in einem Kommentar unter seinem Tweet, KI-Musik habe „eine viel bessere Qualität und ist abgestimmt auf seinen persönlichen Geschmack. Wenn ich einen Song nicht mag, dann kann ich ihn einfach modifizieren.“ Noch so ein debiles Bonmot, das ganz nebenbei den Narzissmus offenlegt, der diese Typen antreibt. Und natürlich eine Frage nahelegt: Wo kommt denn dieser persönliche Geschmack ursprünglich her, du Depp?
Fat Dog malen ihr Cover zu „Cancel Me (I’m Tired)“
Widmen wir uns nun endlich menschengemachter Kunst. Fat Dog haben sich mit wilden Liveshows und ihrem 2024 erschienenen Debüt „WOOF.“ einen Namen gemacht. Die Band aus Südlondon verbindet Punk-Energie mit elektronischen Beats und einem Hang zum musikalischen Ausnahmezustand. Auf „Cancel Me, I’m Tired“ schafft sie nun mehr Platz für ruhigere und verträumte Momente. Die wilden Parts bleiben, bekommen aber Gesellschaft von Balladen und etwas weniger apokalyptischen Klängen. Bei unserem „Paint Your Cover“ greifen Joe und Morgan zu Pinsel und Farbe und malen das Cover von „Cancel Me, I’m Tired“ nach. Darauf zu sehen ist ein Hund mit Flügeln – obwohl sie diesmal eigentlich auf ein Hundemotiv verzichten wollten. Während das Bild Gestalt annimmt, erzählen die beiden von selbst bemalten Merch-Shirts auf Tour und davon, wie Spieleentwickler Hideo Kojima plötzlich in ihren Kommentaren zum Gesprächsthema wurde. Außerdem geht es um Beyoncé, überraschende Tonartwechsel und die Frage, wie viel Sinn Songtexte eigentlich ergeben müssen. Ob das Gemälde am Ende sogar besser aussieht als das Original, beurteilt ihr am besten selbst.
Unsere Lieblingssongs in dieser Woche
Die tolle Musikerin elimako geht auf dem sweeten, poetischen, introvertierten „du bist“ hat mit sich ins Gericht – und uns damit unter die Haut. Fontaines D.C. steigern mit „Tongue“ die Vorfreude auf ihr neues Album „Dopamine Chamber“ noch ein bisschen mehr – so langsam glauben wir, sie schaffen es wirklich, an das Meisterwerk „Romance“ anzuknüpfen. Mit „Precious“ zeigen Girl Tones ihre leise Seite, die uns ebenso gut gefällt wie stürmischere, knurrigere. Es ist der Titelsong ihres Debütalbums, das am 6. November erscheint, und erzählt von der Trauer um ihre Großmutter und einer neuen Liebe, die zur gleichen Zeit begann. Lena&Linus machen auf „Parkplatz Crashout“ aus alltäglicher Überforderung einen großen Popsong. Last but not least liefert uns Kayla Shyx den perfekten Herbst-Track „oktober“ und baut eine fette Girl-in-Red-Referenz ein. Lieben wir!
Album der Woche: LIA LIA – Armor

Mit „Armor“ veröffentlicht die Berlin-based Künstlerin LIA LIA ihr Debütalbum und zieht ihren bisherigen Sound deutlich weiter auf. Zwischen Grunge, Punk und Indie-Electronica-Elementen schwankt die Platte ständig zwischen Wut und Zerbrechlichkeit, Großstadt und mystischen Sphären. Spannend machen „Armor“ unter anderem genau diese Kontraste in Sound, Ästhetik und Lyrics. Nymphen und Engel treffen auf Yamamoto, Tabis und Balenciaga City Bags, während Liebe und Herzschmerz zum roten Faden werden.
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