„Schlau aber blond“: Darum diskutieren alle über Shirin Davids neues Album
Shirin David ist Deutschlands erfolgreichste Rapperin. Seit Freitag ist ihr neues Album „Schlau aber blond“ draußen, ohne große Promo und zwei Wochen später als ursprünglich angekündigt. Trotzdem wussten eigentlich alle, dass es kommt und dass es einen neuen Sound haben wird.
„Schlau aber blond“ klingt deutlich poppiger als Shirin Davids letztes Album „Bitches brauchen Rap“. Das müsste den meisten schon nach den Singles „bauch beine po“ und „atzen & barbies“ mit Ski Aggu klargewesen sein. Einige Fans feiern den Pop-Sound von „Schlau aber blond“ und freuen sich auf einen Frühling und Sommer mit locker leichten Beats und eingängigen Lyrics. Andere können mit der Pop-Shirin nicht viel anfangen und sind enttäuscht. Es ist eben mehr ein „Girly Pop“ als ein „Boss Bitch Rap“ Album.
„Schlau aber blond“ muss im Detail betrachtet werden
Wie immer, wenn es um Shirin Davids Musik geht, gibt es auch eine Feminismus Debatte. Ein (männlicher) Autor einer großen Zeitschrift bezeichnet die Songs als „aussortierten Plastikschrott“, „Phrasenmüll“ und „so doof“. Das ist dann doch etwas kurz gegriffen. Um die Problematik mancher Songs zu erkennen, muss man nämlich einfach etwas differenzierter hinschauen. Aber genau dazu laden die Lieder auf „Schlau aber blond“ nicht ein. Sie haben Ohrwurm Potential, sind locker und mitreißend und eben nicht dazu gedacht, sie todernst bis ins kleinste Detail zu sezieren. Grund genug es trotzdem zu tun. Zumindest ein bisschen.
In my Clean Girl Era
Shirin David sagt selbst, dass „Schlau aber blond“ eine neue Era darstellt. Ihre „Brat Girl Era“ wird abgelöst von einer „Clean Girl“-Ästhetik mit Selleriesaft und Pilates. Auch, wenn das erstmal gegen den Mainstream Trend geht, macht es in ihrer Biografie Sinn. „Bitches brauchen Rap“ war schwer. Viele harte Beats, schweren Themen, Gesellschaftskritik und Politik. Sie hat sich mit dem Album alles, was sie belastet, von der Seele gerappt. So ein Prozess ist anstrengend, so ein Album ist anstrengend, da drin steckt viel Wut und Frust. Diese Wut und Frust wollte sie im neuen Album hinter sich lassen, wie sie selbst in ihrem Track by Track zu „Schlau aber blond“ auf YouTube. Sie sagt „In diese neue Era bin ich gegangen, weil ich so vieles einfach nicht mehr so ernst nehme, auf eine sehr sehr positive Art und Weise. Ich glaube auch, dass man besser durchs Leben kommt, wenn man alles ein bisschen leichter sieht, da muss man aber erstmal hinkommen.“
Live, Laugh, Luxus
Eigentlich können wir uns also freuen, dass sich Shirin David inzwischen leichter und freier fühlt. Aber die Leichtigkeit und Unbeschwertheit haben auch ihren Preis. Es fühlt sich ein bisschen so an, als würde sie sich zurück in ein konservatives Frauenbild fallen lassen, anstatt gegen dieses anzukämpfen. Als normschöne, blonde Frau kann sie das aber eben auch – und wird aufgefangen. Von Mackern mit Geld, für die sie „Wifey“ sein kann, und von Menschen, die von Frauen nicht mehr erwarten, als schön zu sein.
„Ich will doch einfach nur „Frau von sein“. Ich will nicht arbeiten, ich will diese Entscheidung nicht treffen. Ich will einfach zuhause sitzen, Geld ausgeben, Spaß haben, noch mehr Geld ausgeben, Designer Sachen bestellen.“, sagt sie in einem YouTube Video über den Song „bauch beine po“. Sie möchte in einem heißen Outfit zum Pilates und danach mit ihren Freundinnen die Straße zum Catwalk machen. Finden wir erstmal super. Schwieriger wird es bei „Wespentaille wie ’ne kleine Biene / Zu Belohnung gibt’s ’ne Mandel für die schlanke Linie“ und „Du willst einen Body? / Dann musst du pushen / Bist du ein Hottie / Werden sie gucken / Geh‘ ins Gymmie, werde skinny, mach‘ daraus eine Show“. Was auf den ersten Blick selbstbestimmt klingt, zahlt auf der anderen Seite vielleicht eher auf das Klischee der Frau als Objekt ein. Auch wenn die in der modernen Version etwas mehr Haut zeigt, lauter ist und selbstbewusst auftritt, wird sie weiterhin sexualisiert, auf ihr Aussehen reduziert und danach bewertet.
Sei schlau, stell dich dumm
Für Shirin David ist die blonde Barbie eine Rolle. Sie bekommt, was sie will, indem sie sich in die diese Kunstfigur begibt. Nach dem Motto: Stell dich ein bisschen dumm, sei schön, dann kommst du besser durch. Auch wenn es nur gespielt ist, so eine Rolle verstärkt das Bild, dass man als blonde junge Frau nichts Kluges zu sagen hat. Möchten wir nicht eigentlich mehr Barbies sehen, die kluge Worte finden, Durchgreifen und Klartext reden? Dass Shirin David das kann, hat sie schon längst bewiesen. Sie selbst sagt, dass sie früher oft ihre Energie damit verschwendet hat, sich über Menschen aufzuregen, die sie nicht ernst nehmen. Also lässt sie es sein. Und das ist ihr gutes Recht.
Frauen sind nicht verpflichtet gegen das Patriarchat zu kämpfen
Shirin David sei ihr leichtes, unbeschwertes Leben von Herzen gegönnt. Es gibt genug männliche Rapper, die mit patriarchalen, frauenfeindlichen Texten durchkommen. Nie wird so kritisch auf Songtexte geblickt, wie wenn Frauen oberflächlich über Frauen rappen. „Schlau aber blond“ mag nicht feministisch sein, aber nicht jede Frau muss feministische Kunst machen. Jeder und jede muss selbst entscheiden wie viel Zeit und Energie man in Gesellschaftskritik investieren möchte. Shirin David darf die Musik machen, die sie machen möchte – nur, das macht sie eben nicht automatisch zur Feministin.
Ist das Album jetzt ein Flop? Viele Fans sind enttäuscht von dem neuen Sound und den kürzeren Songs. Für die „Girly Pop“-Fans ist das Album aber eine gute Nachricht. Shirin David kombiniert auf „Schlau aber blond“ Rap und 2000er Pop und geht damit selbstbewusst ihren eigenen Weg. Das Album soll ganz bewusst leicht und unbeschwert sein, ein Soundtrack für gute Tage. Dass das nicht allen „Bitches brauchen Rap“ Fans passt, war abzusehen.
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