DIFFUS

Schwarzes Wasser und weiße Lügen: Der diffuse Sound von Jolle

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Jolle hat uns und viele andere erst mit dem Techno-Pop von „Grosse Freiheit“ abgeholt, nur um dann mit ihrem schnell wachsenden Publikum in „Schwarzes Wasser“ abzutauchen und ihre Struggles mit mentalen Krisen offenzulegen. Seither verfolgen wir die Newcomerin aus Hamburg gespannt und haben sie schon beim Reeperbahn Festival für ein Mini-Interview getroffen. Jetzt ist ihre Debüt-EP „Diffus“ (ja, wirklich) erschienen – wenn das mal kein Grund ist, Jolle genauer unter die Lupe zu nehmen. 

Nach einigen Collabs veröffentlicht Jolle erst im Juni dieses Jahres ihre erste Solo-Single „Grosse Freiheit“ – und trifft direkt einen Nerv. Der wilde Techno-Pop-Rap-Mix kommt zum richtigen Zeitpunkt, fügt sich schlüssig zwischen anderen Acts wie Ski Aggu, DJ Heartstring und Co. ein und trifft damit genau den Zeitgeist. Der Erfolg aus dem Stegreif kommt nicht von ungefähr, sondern lässt sich auf eine wilde Party-Nacht in einer Hamburger Karaoke-Bar zurückführen – und auf einen Song von Juli.

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Irgendwas mit Medien

Eigentlich kommt Julia Pettke, wie Jolle mit bürgerlichem Namen heißt, aus dem kleinen Städtchen Herford in NRW. Musik ist bei ihr quasi schon von klein auf Thema, aber erstmal geht sie den sicheren Weg. Als vorbildliche Vertreterin der Gen Z, macht man natürlich irgendwas mit Medien, in ihrem Fall eine Ausbildung im Marketing. Danach führt sie ein erster Job bei einer Werbeagentur nach Hamburg, wo sie heute immernoch wohnt und wo die Geschehnisse schnell an Fahrt aufnehmen.

Als sie mit ihren Kolleg:innen einen Karaoke-Abend in der Thai Oase verbringt, wagt sich Jolle nach ein paar Drinks selbst ans Mikrofon. Sie singt „Perfekte Welle“ von Juli und denkt sich nicht viel dabei – aber wird kurz darauf von ihrer Agentur angefragt, ob sie denn nicht Lust hätte, bei internen Musikproduktionen mitzuwirken. Ehe sie sich versieht, steckt Jolle mitten in ihrer ersten Studio-Session – und entfacht damit eine Liebe, die in den nächsten Jahren ihr Leben einnimmt.

Wer sich mit ihrer Musik beschäftigt, merkt schnell, dass Jolle eine beeindruckende Vielseitigkeit mitbringt und sich schon jetzt bestens darin versteht, ihre persönlichen Geschichten so zu erzählen, dass sich damit viele identifizieren können. Das merken auch die Betreiber:innen des FLINTA*-Labels 365xx, die Jolle unter Vertrag nehmen und ihre erste Single „Grosse Freiheit“ veröffentlichen. Kurz darauf erscheint dann auch schon ein zweiter Song: „Grundrauschen“, eine atmosphärische Garage-Nummer, die auch von Bicep produziert sein könnte.

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Kopfsprung ins schwarze Wasser

Im August 2023 stellt Jolle dann ein weiteres Mal ihre Qualitäten als Songschreiberin unter Beweis. Der Singletitel „Schwarzes Wasser“ klingt erstmal schön poetisch – unter der Oberfläche wartet aber die Dunkelheit. „Sonne scheint, doch ihre Strahlen brenn’ auf meinen Narben / Grade aufgewacht und sehn mich danach einzuschlafen“, singt Jolle hier – uff, der geht direkt ins Herz. Der atmosphärisch flimmernde Elektro-Beat erinnert an Kendrick Lamars „Swimming Pool“, der damals ja auch im dunklen Nass seine Abgründe gefunden hat.

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Graustufen statt Schwarz-Weiß

Wenn man Jolle heute in Interviews sieht, spürt man sofort, dass man es gerade mit einer Person zu tun hat, die ihren Traum ausleben darf und sich dessen völlig bewusst ist. Ein bedeutender Schritt auf diesem Weg dürfte ihre erste EP sein, die sie am letzten Freitag veröffentlicht hat und die, wie es der Zufall so will, den Namen „Diffus“ trägt. Wir haben diesen Namen bei der Gründung unseres Magazins so passend gefunden, weil Genre-Grenzen eben etwas diffuses sind, mit vielen Graustufen statt Schwarz-Weiß und Jolle scheint diese Auffassung zu teilen. Denn tatsächlich klingen diese acht Songs inhaltlich wie auch musikalisch „diffus“, spielen sich irgendwo zwischen Deutschrap, Pop und Elektro ab und vertexten höchste Höhen genauso wie tiefste Tiefen. 

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„Schwarzes Wasser“ hat nun mit „Weisse Lügen“ ein nicht weniger stimmungsvolles Gegenstück bekommen, in dem es allerdings eher um ein problematisches Gegenüber, statt um das eigene Innenleben geht. „Welt tut weh“ zeigt dann nochmal, wie bei Jolle der überwältigende Weltschmerz mit den eigenen, emotionalen Struggles verschmilzt. Aber die Newcomerin scheint für sich einen Ausweg gefunden zu haben: „Ich will Kunst machen / Weil das alles ist was zählt / Aus dem nichts was zu erschaffen / Was dann irgendwer versteht“.

Das ist erst der Anfang

Aus „irgendwer“ werden gerade in ziemlich kurzer Zeit ziemlich viele Menschen, die Jolles Weg gespannt verfolgen. Das hat viele Gründe. Zum einen steht Jolle aktuellen Branchen-Lieblingen wie Nina Chuba oder Paula Hartmann in nichts nach und hat schon nach wenigen Veröffentlichungen einen eigenen Pop-Entwurf gefunden, den sie über die nächsten Jahre nur noch weiter schärfen wird. Zum anderen treffen gerade wenige so zielsicher die goldene Mitte zwischen „relatable“ und zutiefst persönlichen Geschichten, die Jolle so nahbar machen. Dabei tritt sie so euphorisch auf, so ehrlich begeistert von allem, was um sie herum passiert, dass man kaum anders kann, als ihr den wachsenden Erfolg zu gönnen. Dass dann die eigentliche Musik noch so gut ist, macht Jolle zu einem verdammt starken Gesamtpaket – und uns zuversichtlich, dass das gerade erst der Anfang ist.

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