Sommerlicher Indie-Rock aus Schweden: Die Newcomer:innen Girl Scout
Indie-Rock scheint ein Genre zu sein, das nie Probleme mit zu wenig Nachschub hat. Um es böse auszudrücken: Der Markt ist überfüllt. Wenn man dann mit nur fünf veröffentlichten Songs aus der Masse heraussticht, spricht das schon für sich. So ist das bei der Newcomer:innen-Band Girl Scout (die tatsächlich nur zur Hälfte aus „Girls“ besteht). Das schwedische Quartett hat erst gestern mit „Real Life Human Garbage“ ihre erste EP herausgebracht. Trotzdem wird ihnen von manchen Ecken jetzt schon ein ähnlicher Erfolg versprochen, wie Wet Leg ihn im vergangenen Jahr hatten.
Von Jazz zu Indie-Rock
Die vier Musiker:innen lernten sich – fast schon klischeehaft – an der Uni kennen, wo sie alle zusammen – noch klischeehafter – Musik studierten. Genauer genommen am Royal College of Music in Stockholm, im Jazz-Studium. Die Vierer-Konstellation bestand aber nicht von Anfang an, Girl Scout begann nämlich eigentlich als Duo. Damals coverten sie noch Klassiker von Beatles bis Burt Bacharach und nahmen jede noch so kleine Gelegenheit für einen Gig an. Aus diesem Zweigestirn wurde dann ein Quartett und die Cover wurden durch eigene Songs ausgetauscht. Bemerkenswert ist, dass die Band schon ohne veröffentlichte Musik viel von sich reden machen konnte – nur durch ihre Live-Shows in Großbritannien und Skandinavien, unter anderem als Support für Holly Humberstone. Die ersten releasten Singles Ende letzten Jahres besiegelten dann den Hype und finden sich jetzt auch auf der Debüt-EP „Real Life Human Garbage“ wieder.
Girl Scout stehen für Indie-Rock mit unbeschwerten Pop-Melodien und Gesangsharmonien. Sommerlich, ein bisschen verträumt, aber auch rockig sind alle fünf Tracks auf „Real Life Human Garbage“. Die Songs klingen, als wären sie in der heimischen Garage oder im Wohnzimmer geschrieben worden, voller familiärer Leichtigkeit. Soundtechnisch klingt die EP aber nicht so roh, als wäre sie in der Garage produziert worden. Stattdessen läuft sie den schmalen Grat zwischen authentischem Indie-Sound und hochwertiger Produktion – genau richtig. Dafür haben sich Girl Scout zwei große Namen ins Boot geholt: Zum einen Ali Chant, der für angesagte Indie-Acts der letzten Jahre wie Perfume Genius, Dry Cleaning oder Soccer Mommy produziert und gemixt hat. Und zum anderen Jacknife Lee, ein bunter Hund im Musikbusiness; er hat von Taylor Swift oder U2 bis Bloc Party bei so ziemlich allen seine Finger im Spiel gehabt.
Ein eingespieltes Team
Auch wenn es nicht offensichtlich zu hören ist: Das Jazz-Studium konnte ihnen beim Songwriting auch behilflich sein. Neben der vielen Übung am Instrument konnten sie daraus vor allem die ungewöhnlichen Akkordfolgen und Tonartwechsel des Jazz mitnehmen, die sie inspirierten, kreativer zu komponieren. Die Grundgerüste der Songs schreiben meist Sängerin Emma und Drummer Viktor – manchmal zusammen, manchmal jede:r für sich allein. Dann wird sich das Arrangement mit der ganzen Band überlegt und als Demo aufgenommen. Mittlerweile sind sie dahingehend eine gut geölte Maschine: „Wir haben einen recht ähnlichen Blick darauf entwickelt, was ein Song braucht, deswegen fühlt sich unsere Zusammenarbeit ziemlich reibungslos an.“
Weirdos sind die neuen Cool Kids
Die Songs von Girl Scout fangen authentisch die Erfahrungen im Leben junger Erwachsener ein. Ein Thema, das dabei immer wieder durchscheint: das Dasein als Außenseiter:in. Das gipfelt in der aktuellen Single „Weirdo“, nach eigener Aussage ein Song über Tage, an denen man aufwacht und „einfach vergessen hat, wie das mit dem Menschsein funktioniert“. Von diesem Nicht-Reinpassen lässt sich Emma im Song aber nicht aufhalten, sondern freundet sich damit fast an. Das sieht man auch im Musikvideo, für das sie übrigens auch den britischen Schauspieler Mark Williams (den die meisten wahrscheinlich als Arthur Weasley in den Harry Potter-Filmen kennen) engagierten. Im Video werden er und Emma zu Clowns umgeschminkt, diese Weirdness begrüßen sie aber am Ende und lachen zufrieden.
Diese persönlichen Themen sind für Emma auschlaggebend, damit sich Leute mit der Musik identifizieren können. Denn laut ihr ist die ehrliche Schilderung der eigenen Verletzlichkeit das intensivste Gefühl, das man in einen Song stecken kann: „Ich glaube, wenn du einen Song schreibst, mit dem Hauptziel, dass er relatable sein soll, ohne aber deine eigenen Emotionen und Erfahrungen hineinzupacken, wird es nicht funktionieren. Unangenehme Wahrheiten tendieren dazu, großartige Texte zu werden!“
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