Taylor Swift zieht für „Midnights“ die Kuschelpullis aus
„No one wanted to play with me as a little kid“ – es sind nicht unbedingt Zeilen wie diese, die man auf dem Album einer der erfolgreichsten, fähigsten, reichsten und für viele auch schönsten Frauen des Planeten vermutet. Aber die Sache mit den Selbstzweifeln war ja schon immer ein bevorzugtes Thema in Taylors Songwriting. Und es kommt ja nicht von ungefähr: Wer so im Fokus steht wie sie, wer mit Stalkern, windigen Musikmogulen und manchmal regelrecht hysterischen Fans kämpfen muss, wer permanent bewertet, gefeiert, verachtet und vergöttert wird, braucht irgendwas, um das alles mental auszuhalten. Bei Taylor scheint das – welch ein Glück für uns – wieder und immer noch das Musikmachen zu sein. Wobei schon die clevere, das Internet am Brennen haltende Ankündigungs-Arie zu „Midnights“ deutlich machte, dass sie sich in diesen Liedern „selbst begegnen“ werde.
Im ersten Ankündigungstext beschrieb sie das Konzept von „Midnights“ so: „Wir liegen wach in Liebe und Angst, in Aufruhr und in Tränen. Wir starren die Wände an und trinken, bis die Wände mit uns sprechen. Wir winden uns in Käfigen, die wir uns selbst errichtet haben und beten, dass wir nicht gerade in diesem Moment einen verhängnisvollen, lebensverändernden Fehler begehen. Dies ist eine Sammlung von Musik, geschrieben um Mitternacht, eine Reise durch Schrecken und Alpträume. Die Böden, über die wir schreiten, und die Dämonen, denen wir uns stellen. Für alle von uns, die sich hin- und hergewälzt haben und beschlossen haben, das Licht brennen zu lassen und auf die Suche zu gehen – in der Hoffnung, dass wir uns vielleicht, wenn die Uhr zwölf schlägt, selbst begegnen werden.“
Taylor Swift und Jack Antonoff teilen sich bei den meisten Songs die Credits
Diese, zugegeben etwas pathetische, Ankündigung klingt musikalisch gleich viel besser, wenn sie in einem Song wie „Anti-Hero“ daherkommt. Ein Schlüsselstück für Taylor, was man daran erkennt, dass es schon ein tolles Video dazu gibt. Gleich zu Beginn singt sie: „I have this thing where I get older, but just never wiser / Midnights become my afternoons / When my depression works the graveyard shift / all of the people I’ve ghosted stand there in the room.“ Am Ende imaginiert sie gar ihren eigenen Tod, mit einer bösen Pointe: „I have this dream my daughter-in-law kills me for the money / She thinks I left them in the will / The family gathers around and reads it / And then someone screams out / ‚She’s laughing up at us from hell‘.“
Die Musik dazu ist vielleicht die größte Überraschung. Viele waren der Meinung, ihr „neuer“ indie-folkiger Sound von „folklore“ und „evermore“ (den viele mit den Kuschelpullis verglichen, die sie auf den Pressefotos dazu trug) passe ja eigentlich ganz gut zu mitternächtlichen Zweifelsongs. Stattdessen gibt es nun aber dezente elektronische Beats, Synths-Sound, die mal Richtung Ambient und mal ganz vorsichtig gen Club abbiegen. Taylor und ihr langjähriger Sparringspartner Jack Antonoff teilen sich bei den meisten der 13 Songs die Songwriting- und Producer-Credits – scheint also, dem Thema angemessen, eine sehr intime Angelegenheit geworden zu sein dieses „Midnights“.
Regen um Mitternacht und Schnee am Strand
Man kennt es ja aus Taylors Diskographie, dass sie ungefähr alle zwei Jahre die Richtung wechselt, aber ihr neuer Sound überrascht dann doch ein wenig. Die elektronischen Elemente sind oft zurückgenommen, aber herrlich auf den Punkt und lassen viel Raum für ihre Lyrics, die schon jetzt in zahlreichen Reddit-Foren analysiert werden. Man höre nur das knurrige, melancholische Synth-Pop-Kleinod „Midnight Rain“, das mit wenigen Effekten auskommt und trotz der coolen Sounds eine wohlige Wärme entwickelt. Oder natürlich ihr heiß ersehntes Duett mit Lana Del Rey, das fast nach Understatement klingt. Verwehter Dreampop und die Aura zweier großer Popsängerinnen, die beide auf ihre Weise ihr eigenes Ding machen – was braucht es mehr? Mit den ersten Zeilen des Refrains beschreibt sie ihren aktuellen Sound dann irgendwie auch besser, als wir das könnten: „it’s like snow at the beach / Weird, but fuckin‘ beautiful.“ Das trifft die Sache.
Ein wenig „Vigilante Shit“ muss aber auch sein
Wie minimalistisch produziert und zugleich breitkreuzig Antonoff und Taylor klingen können, beweist dann aber das basslastige „Vigilante Shit“, das von der Attitüde her an „reputation“ erinnert und das von Taylor alleine geschrieben wurde. Hier singt sie zu tief brummenden Bässen, mit einem wundervollen „sneer“ in der Stimme: „Draw the cat eye, sharp enough to kill a man / You did some bad things, but I’m the worst of them / Sometimes I wonder which one’ll be your last lie / They say looks can kill and I might try / I don’t dress for women / I don’t dress for men / Lately I’ve been dressin‘ for revenge“. Im Chorus heißt es: „I don’t start shit, but I can tell you how it ends.“
Gibt also wenig zu meckern, viel zu feiern und für Tay Tay Ultras viel zu entdecken und interpretieren. Und wir sind schon jetzt gespannt, wie Taylor einige der Songs visuell inszenieren wird – was bei ihr ja immer schon ein großer Teil ihrer Kunst war.
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