Trauerweidenpop: Husten platzen „Aus allen Nähten“
Zugegeben: Die Bandgeschichte von Husten ist mit Sicherheit nicht die konventionellste. Die ersten Veröffentlichungen von dem Trio, bestehend aus Gisbert zu Knyphausen, Moses Schneider und dem Dünnen Mann, stammen aus dem Jahr 2017. Damals und heute trennen fünf Jahre – in der Zeit haben Husten ganze vier EPs, aber kein Debütalbum veröffentlicht. Das hat sich am vergangenen Freitag geändert: Mit „Aus allen Nähten“ gibt es diesen surrealen, fantasiereichen Indie-Pop, der zum Träumen einlädt, nun endlich auch auf Albumlänge.
Bandgeschichte in Schlangenlinien
Die Band Husten brachte mehr oder weniger ein Zufall zusammen – oder besser ein Soundtrack für einen Film, der letztendlich nie erschienen ist. Denn aufgrund dieser ursprünglich geplanten Produktion hatten Musikproduzent Moses Schneider und Der Dünne Mann einige Songs geschrieben. Damit diese nicht ungenutzt liegen bleiben, haben die beiden kurzerhand Sänger Gisbert zu Knyphausen an Bord geholt, um eine Band gründen – so die zufallsbedingte Gründungsgeschichte von Husten.
Ähnlich holprig ging es auch in den folgenden Jahren weiter. Die drei Mitglieder der Band waren mit eigenen Projekten beschäftigt und veröffentlichten in der Husten-Formation vier EPs, aber kein Album. Und bei der 2020 angekündigten Tour war dann vollends der Wurm drin: Die Pandemie grätschte voll rein und verschob jegliche Live-Ambitionen in die Unbestimmtheit.
„Trauerweidenpop“
Und nun wird beides parallel nachgeholt: Am vergangenen Freitag haben Husten ihr großes Debüt „Aus Allen Nähten“ veröffentlicht, pünktlich zu ihrer ersten Tour, die nun endlich laufen kann. „Aus Allen Nähten“ baut auf dem Sound auf, an dem die Band über die letzten Jahre geschraubt und gefeilt hat. „Trauerweidenpop“, wie das Trio seine Musik betitelt. Ein treffender Begriff für diesen verträumten Indie-Pop, der in surreale Fantasie-Welten entführt.
Die poetischen Qualitäten im Songwriting von Gisbert zu Knyphausen zeigt schon die Tracklist mit Titeln wie „Weit leuchten die Felder“, „Am Ender der Stadt steht ein gelbes Haus“ oder „Manchmal träum ich von Träumen“. Der Sound dazu fällt schwer und warm aus, eine Umarmung, die im Herzen weh tut. Da gibt es den emotionalen Tumult von „Der hier wird wehtun“ oder auch die Verabschiedung vom „Dasein“ mit der Schweizerin Sophie Hunger und Klängen zwischen Wir sind Helden und The Velvet Underground. Dazwischen wird es auch mal beschwingt und treibend, wie mit dem Kirchenglocken-Rock von „Maria“ oder dem im wahrsten Sinne des Wortes pfiffigen „Ja im Sinne von Nein“.
Ein ausgereifteres Debüt wie „Aus allen Nähten“ lässt sich vermutlich nur schwer finden. Hier spielt eine Band, in der alle Mitglieder über beide Ohren tief in der deutschen Indie-Landschaft stecken und deren gemeinsamer Sound über vier EPs hinweg reifen konnte. Im letzten Song der Platte heißt es: „Auf der Tür steht: ‚Komm doch rein, hier geht’s raus“. Das lassen wir uns nicht zwei mal sagen und gehen gleich nochmal durch dieses Portal in eine Welt, die zum Träumen anregt.
Hier findet ihr Tickets für die aktuelle (und erste!) Tour von Husten.
Husten Live 2022
02.06.2022 Molotow, Hamburg
03.06.2022 Beverungen, OBS Festival
17.-19.06.2022 Duisburg, Traumzeit-Festival (Tag tba)
29.07.2022 Eltville-Erbach, Heimspiel Knyphausen
27.08.2022 Stade, Müssen alle mit Festival
27.08.-10.09.2022 Schleswiger Königswiesen, Nørden Festival (Tag tba)
29.09.2022 E-Werk, Erlangen
30.09.2022 Forum, Bielefeld
06.10.2022 Jazzhaus, Freiburg
07.10.2022 Kulturquartier, Stuttgart
08.10.2022 UT Connewitz, Leipzig
12.10.2022 Gebäude 9, Köln
13.10.2022 Schlachthof, Wiesbaden
14.10.2022 Hansa39, München
15.10.2022 Chelsea, Wien
19.10.2022 Lux, Hannover
20.10.2022 Tower, Bremen
21.10.2022 Kassablanca, Jena
22.10.2022 Lido, Berlin
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